Brief-Bot­schaf­ten aus der Ver­gan­gen­heit

Rheinische Post Goch - - GRENZLAND POST - VON ANT­JE THIMM

Ida Leh­mann aus Niers­wal­de fand über ein­hun­dert Brie­fe ih­rer Fa­mi­lie aus der Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges im Wohn­zim­mer­schrank ih­rer Tan­te. Es sind be­we­gen­de Zeug­nis­se so­wohl ih­rer Fa­mi­li­en­ge­schich­te als auch der Zer­stö­rung von Goch am 7. Fe­bru­ar 1945.

GOCH-NIERS­WAL­DE Die Ver­gan­gen­heit ver­birgt sich manch­mal in Er­in­ne­run­gen, über die kaum ge­spro­chen wird. Oder in ei­ner „Schatz­kis­te“, die Jahr­zehn­te in ei­nem Wohn­zim­mer­schrank ver­staut und nicht mehr be­ach­tet wur­de. Ida Leh­mann aus Niers­wal­de fand ei­ne sol­che Schatz­kis­te, als sie für ih­re Tan­te Ire­ne Rött­ges, die in ein Pfle­ge­heim um­zie­hen muss­te, de­ren Haus­halt auf­lös­te.

Über hun­dert Brie­fe und Feld­post­brie­fe aus dem Zwei­ten Welt­krieg tra­ten da­bei zu Ta­ge, ins­be­son­de­re zahl­rei­che Brie­fe, die Groß­mut­ter Mar­tha Ho­nig an Toch­ter Ire­ne in den letz­ten Mo­na­ten des Krie­ges schrieb. Sie do­ku­men­tie­ren nicht nur das pri­va­te Schick­sal der Fa­mi­lie Ho­nig, son­dern auch die Zer­stö­rung der Stadt Goch um den 7. Fe­bru­ar 1945.

„Ich ha­be mich im­mer für Ge­schich­te in­ter­es­siert und war si­cher, dass die Brie­fe ei­nen his­to­ri­schen Wert ha­ben“, er­zählt Ida Leh­mann. Des­halb sei sie mit al­len Schrift­stü­cken zum Be­frei­ungs­mu­se­um im nie­der­län­di­schen Groes­beek ge­gan­gen. Dort ha­be Wiel Len­ders sie be­ra­ten, sämt­li­che Brie­fe di­gi­ta­li­siert und die Ori­gi­na­le in

den Mu­se- ums­be­stand auf­ge­nom­men. Zu Hau­se hat sie noch die Ko­pi­en, die wis­sen­schaft­li­che Aus­wer­tung über­lässt sie den Fach­leu­ten.

Das Per­sön­li­che da­rin aber be­schäf­tigt sie: „Ich war trau­rig, dass ich die Brie­fe erst so spät ge­fun­den ha­be“, sagt sie. Erst vor we­ni­gen Wo­chen ver­starb 96-jäh­rig ih­re Tan­te Ire­ne Rött­ges, die Emp­fän­ge­rin der meis­ten Brie­fe.

Sie leb­te wäh­rend des Krie­ges in Ber­lin, wo sie als Se­kre­tä­rin für die Fir­ma Fer­di­nand Por­sche ar­bei­te­te. Mut­ter Mar­tha leb­te mit Toch­ter Irm­gard in Pfalz­dorf, zeit­wei­se auf dem Bor­gardts Hof an der Kle­ver Stra­ße. Von hier aus in­for­mier­te sie re­gel­mä­ßig über Le­bens­zei­chen des Va­ters, der als Sol­dat an der Front war. Am 30. Au­gust 1944 teilt sie mit, dass Va­ter Hein­rich als ver­misst ge­mel­det wird. „Zum Glück und als ob Pa­pi es ge­ahnt hät­te, kam noch auf ei­nem Fet­zen schmud­de­li­gen Pa­piers ein Brief vom 8. Au­gust von Pa­pi, und an die­sen klam­me­re ich mich vor­erst und hof­fe sehr, dass er in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten und nicht oh­ne Nah­rung und Geld um­her­irrt oder gar leib­lich ge­trof­fen ir­gend­wo liegt“, schreibt sie. Va­ter Hein­rich wird nach Kriegs­en­de über­ra­schend heim­keh­ren. Er legt die Stre­cke von Hei­del­berg nach Goch in ei­nem wo­chen­lan­gen müh­se­li­gen Marsch zu Fuß zu­rück. Die Brü­der von Irm­gard und Ire­ne, die Zwil­lin­ge Hein­rich und Wil­helm, keh­ren nicht zu­rück. Sie ster­ben an der Front, der ei­ne mit 19, der an­de­re mit 20 Jah­ren.

In den Brie­fen ste­hen die Not und die Sor­ge um das Le­ben der Män­ner, Söh­ne und Brü­der ne­ben dem ver­zwei­fel­ten Auf­recht­er­hal­ten der Nor­ma­li­tät. Kurz vor der Zer­stö­rung der Stadt Goch im Fe­bru­ar 1945 be­rich­tet Mar­tha noch da­von, dass bei „Derk­sen an de Kerk“und bei Au­ler in Pfalz­dorf „lus­ti­ge Aben­de“ver­an­stal­tet wur­den. Im glei­chen Brief heißt es: „Goch ist ge­räumt und nur mit Aus­weis darf man hin­ein und den be­kommt man nicht, al­so to­te Stadt (…).“

Be­son­ders be­we­gend ist der Brief vom 9. Fe­bru­ar 1945. „…ob wir mor­gen noch hier sind? Was uns die Nacht bringt? Und auch bei dir? Wir wis­sen hier nichts, kein Licht kein Ra­dio, kei­ne Zei­tung“. Der Brief spie­gelt die Be­dräng­nis: „Flug­zeu­ge und Ge­schwa­der sau­sen durch die Luft“, bei Nacht flieht die Fa­mi­lie aus dem Zen­trum des Ge­fechts am Nie­der­rhein. „Wo ist man si­cher, es gibt nur noch Über­le­ben­de und To­te, auf dem Weg sind wir, und zu wem ge­hö­ren wir?“, so der Text.

Ida Leh­mann be­tont, sie hö­re beim Le­sen die Stim­me ih­rer Groß­mut­ter, das fal­le ihr schwer. Die Ge­ne­ra­ti­on ih­rer Groß­el­tern ha­be zwei Krie­ge er­lebt. Mit ih­rer Tan­te Ire­ne sei wie­der­um ei­ne Zeit­zeu­gin ver­stor­ben, man müs­se da­her sor­gen, dass die Ge­scheh­nis­se nie in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Auch nach­dem Ida Leh­mann die Ori­gi­na­le den His­to­ri­kern des Be­frei­ungs­mu­se­ums über­las­sen hat, ru­hen die Ko­pi­en bei ihr und sie

über­legt, was sie dar­aus ma­chen kann. Vi­el­leicht ein Buch schrei­ben? Al­les fest­hal­ten, da­mit die Ge­schich­te der Fa­mi­lie nicht ver­ges­sen wird? Die 66-Jäh­ri­ge ist si­cher, dass der Weg zum Mu­se­um der rich­ti­ge war. Ih­re Tan­te Ire­ne Rött­ges floh aus Ber­lin, als die Rus­sen die Stadt be­la­ger­ten. Mit dem Fahr­rad fuhr sie nach Nord­deutsch­land, wo sie zeit­wei­se als Kin­der­mäd­chen ar­bei­te­te, ge­lang­te dann auf ei­nem Koh­len­wa­gen nach Pfalz­dorf, wo ih­re El­tern sie zu­nächst nicht er­kann­ten. „Ihr Ge­sicht war ganz schwarz von Koh­len­staub“, be­rich­tet Leh­mann. Dass sie kaum vom Krieg er­zäh­len woll­te, sei ih­re Me­tho­de ge­we­sen, da­mit um­zu­ge­hen. Die Nach­welt da­ge­gen soll­te die Au­gen nicht ver­schlie­ßen.

RP-FO­TO/REPRO (2): EVERS

Die Ko­pi­en der Brie­fe hat Ida Leh­mann für das pri­va­te Ar­chiv be­hal­ten. Zum Be­stand der Fo­tos ge­hört auch der Blick von der Bahn­hof­stra­ße aufs Go­cher St­ein­tor, ent­stan­den ver­mut­lich um 1940.

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