War­um Lau­fen viel mit Phi­lo­so­phie zu tun hat

In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ist ei­ni­ges pas­siert. Der Traum vom Wett­kampf über zehn Ki­lo­me­ter rückt je­den Tag ein biss­chen nä­her.

Rheinische Post Hilden - - Sport Lokal - VON MICHA­EL DEUTZMANN

KREIS METT­MANN Im­mer mehr drängt die gro­ße Fra­ge nach vor­ne: Wer­de ich es schaf­fen? Für die, die nicht von An­fang an da­bei wa­ren und des­halb gar nicht wis­sen, um was es geht, ist zu­nächst die fol­gen­de kom­pak­te Zu­sam­men­fas­sung ge­dacht. Al­le, die mei­ne „Kar­rie­re“als Läu­fer seit den An­fän­gen im spä­ten Früh­jahr 2018 ver­folgt ha­ben, könn­ten ja jetzt di­rekt zum zwei­ten Ab­satz sprin­gen. Da sind wir dann wie­der ei­ni­ger­ma­ßen mit­ten in der Ge­gen­wart. Da­mals bin ich mit mei­nem Aus­dau­er-Trai­ning nicht mehr glück­lich und ich ha­be mich mit Kim St­ei­ni­gans zu­sam­men­ge­setzt, mei­nem Trai­ner im Sport­park Land­wehr. Wir ha­ben kur­zer­hand al­les auf null ge­setzt. Seit die­sen Ta­gen lau­fe ich mit Brust­gurt und Com­pu­ter am Hand­ge­lenk. Das Stich­wort: Herz­fre­quenz­ge­steu­er­tes Aus­dau­er-Trai­ning. Ich be­ge­be mich in die Hand mo­der­ner Tech­nik. Mein Ziel ist es von An­fang an, bis zum En­de die­ses Jah­res wie­der ver­nünf­tig zehn Ki­lo­me­ter am Stück lau­fen zu kön­nen. Der Tag der Wahr­heit ist der 31. De­zem­ber. Dann wer­de ich mei­nen ganz per­sön­li­chen Sil­ves­ter­lauf in An­griff neh­men.

Was ich nicht ge­ahnt ha­be: Lau­fen hat viel mit Phi­lo­so­phie zu tun. Im Exis­ten­zia­lis­mus soll Lan­ge­wei­le ja als Gr­und­zu­stand der mensch­li­chen Exis­tenz gel­ten. Au­weia. Nicht zu­letzt der Kol­le­ge Mar­tin Hei­deg­ger hat sich da her­vor­ge­tan: Die tie­fe Lan­ge­wei­le sei ei­nem schwei­gen­den Ne­bel ver­gleich­bar, der al­le Din­ge in ei­ne merk­wür­di­ge Gleich­gül­tig­keit zu­sam­men­rü­cke. Das hört sich so an, als hät­te er mich beim Lau­fen be­ob­ach­tet – was nicht sein kann, weil Hei­deg­ger seit über 40 Jah­ren nicht mehr lebt. Aber er scheint ei­ne in­ne­re Ah­nung von dem ge­habt zu ha­ben, wie es ist, sich in et­was mehr als Schritt­ge­schwin­dig­keit über das Lauf­band zu be­we­gen. Es ist lang­wei­lig. Es ist wie ein Ne­bel um mich her­um. Schwei­gend ist wie­der re­la­tiv, weil sie ein paar Me­ter wei­ter beim Spin­ning die Bo­xen auf laut ge­dreht ha­ben.

Auf je­den Fall rü­cke ich ir­gend­wann in ei­ne merk­wür­di­ge Gleich­gül­tig­keit. Ich hal­te die 40 Mi­nu­ten, in de­nen ich mich nur im un­te­ren Be­las­tungs­be­reich be­we­gen darf, trotz­dem durch. Und ich über­le­ge kurz, mei­nen Trai­ner an­zu­ru­fen, um zu pro­tes­tie­ren. Da­bei weiß ich doch, was er mir antworten wird: „Es muss sein. Das ist Grund­la­gen-Aus­dau­er und sie ist wich­tig.“

Zu­ge­ge­ben: Ein Teil mei­nes Pro­blems ist haus­ge­macht, denn die Zeit des Drau­ßen-Lau­fens ist seit ein paar Wo­chen vor­bei. Mitt­ler­wei­le er­le­di­ge ich mei­ne Haus­auf­ga­ben ja meis­tens auf dem Lauf­band im Sport­park Land­wehr. Fünf Aus­dau­er-Ter­mi­ne und ein­mal Kraft­trai­ning ver­langt mein Pro­gramm pro Wo­che von mir. Die ganz lan­ge Ein­heit steht im­mer sonn­tags auf dem Pro­gramm – und ich ha­be sie in­zwi­schen ge­stri­chen. Ei­gent­lich nur um­pro­gram­miert. 90 Mi­nu­ten im Schne­cken­tem­po? Ich schaf­fe das ein­fach nicht und be­schlie­ße, das an­ders zu ma­chen. Kim St­ei­ni­gans Trai­ner Sport­park Land­wehr

Bei Ter­mi­nen par­ke ich mein Au­to im­mer ein Stück wei­ter weg. Die Bröt­chen mor­gens ho­le ich so­wie­so zu Fuß und ich ha­be so­gar das Fahr­rad ste­hen las­sen und bin zu Fuß in die Stadt ge­gan­gen, um ein paar Din­ge zu er­le­di­gen. Letz­tens stand ich mit ei­nem Ein­kaufs­zet­tel im Su­per­markt mei­nes Ver­trau­ens. Ich woll­te tat­säch­lich prü­fen, wie schnell ich den Zet­tel ab­ar­bei­ten kann und wie mei­ne Herz­fre­quenz auf den Par­cours zwi­schen den Re­ga­len hin­durch re­agiert. Ich bin si­cher, dass es Spaß macht.

Die schö­ne­ren Er­leb­nis­se kom­men aber, wenn du drau­ßen un­ter­wegs bist. Vor ei­ner paar Wo­chen war da der al­te Mann, der mich mit ei­nem brei­ten Grin­sen auf dem Ge­sicht an­treibt: „Jun­ger Mann, et­was mehr Tem­po bit­te.“Dann ha­be ich es in die­ser Wo­che tat­säch­lich noch ein­mal drau­ßen pro­biert: Es war tro­cken, es war mild. Al­so be­schlie­ße ich, die Stre­cke bis zum Sport­park in der ge­bo­te­nen Ru­he zu „lau­fen“(war wie­der ei­ner je­ner Ta­ge). Plötz­lich be­mer­ke ich, wie hun­dert Me­ter vor mir ei­ner hek­tisch auf ei­nen Bus zu­rennt und durch die ge­öff­ne­te Tür ei­lig im In­ne­ren ver­schwin­det. Na­tür­lich blei­be ich ste­hen. Hät­te ja sein kön­nen, dass je­mand Hil­fe be­nö­tigt. Durch die Schei­ben kann ich das fröh­li­che La­chen drin­nen nur ah­nen. Und we­nig spä­ter ken­ne ich die gan­ze Ge­schich­te. Der Mann hat­te sei­ne Geld­bör­se im Bus ver­lo­ren. Der Fah­rer hat­te an­ge­hal­ten. Und ei­ne Grup­pe von Kin­der­gar­ten-Kin­dern fin­det das gu­te Stück zwi­schen den Sit­zen. Der Mann klatscht die bei­den Er­zie­he­rin­nen ab und ver­ab­schie­det sich glück­lich. Lau­fen bil­det, den­ke ich mir.

Der nor­we­gi­scher Her­stel­ler mei­ner Lau­fuhr be­stimmt nicht, dass ich mich in ei­si­ger Po­lar­luft be­tä­ti­gen muss. Da­für zeich­net er je­de Ein­heit un­be­stech­lich auf. Und ich kann am gro­ßen Rech­ner über­prü­fen, ob es Fort­schrit­te gab. Die Ant­wort ist ein­deu­tig. Ja. Und ob. Wenn wir den un­ter­tou­rigen Be­reich weg­las­sen und uns dem zu­wen­den, was mit dem Be­griff Lau­fen zu tun hat, bin ich fast von mir selbst be­geis­tert. Die Ver­bes­se­rung der Aus­dau­er ist sicht­bar, in­zwi­schen sehr deut­lich so­gar. Ich er­rei­che die mitt­le­re und die zweit­höchs­te Be­las­tungs­gren­ze viel spä­ter als frü­her. Und ich kann mich in­zwi­schen so­gar in die ro­te Re­gi­on trau­en, die der höchs­ten In­ten­si­tät ent­spricht.

Bun­te Dia­gram­me zei­gen mir spä­ter an, wie al­les ein­zu­ord­nen ist. Die Ska­la reicht von leicht über an­ge­mes­sen, for­dernd und sehr for­dernd bis ex­trem for­dernd. Ein Bei­spiel: Nach ei­nem 45-Mi­nu­ten-In­ter­vall im Au­gust rut­sche ich in den ex­tre­men Be­reich. Drei Mo­na­te spä­ter ist dar­aus ei­ne an­ge­mes­se­ne Be­tä­ti­gung ge­wor­den.

Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen: Ich ha­be ei­nen Traum auch für „mei­ne“zehn Ki­lo­me­ter. Über die Mar­ke, die vor­läu­fig ge­heim blei­ben soll, wird sich je­der am­bi­tio­nier­te Hob­by­läu­fer höchs­tens amü­sie­ren. Und mir fehlt die Fan­ta­sie da­für, dass je­mand ei­nen Ma­ra­thon über 42 Ki­lo­me­ter in we­nig mehr als zwei St­un­den schaf­fen will. Mein Ma­ra­thon ist kür­zer und

die Zeit, die ich mir da­für ge­be, ist län­ger. Mein Trai­ner Kim ver­steht im Üb­ri­gen nicht, war­um ich so gr­üb­le: „Ich bin sehr zu­frie­den da­mit, wie du das macht. Das passt al­les. Und ich fin­de es groß­ar­tig, dass wir die­sen Weg zu­sam­men ge­hen.“

Ganz ne­ben­bei: Kim ist 24 und er ist nicht nur Trai­ner im Sport­park, son­dern auch Fuß­bal­ler. Kim spielt für den Be­zirks­li­gis­ten TSV Aufderhöhe, mit dem er vor ei­nem Jahr den Auf­stieg und dann am En­de ei­ner Zit­ter­sai­son im Nach­sit­zen den Klas­sen­er­halt schaff­te. Das war An­fang Ju­ni. In­zwi­schen hält sich der TSV als Zehn­ter im Mit­tel­feld auf – Ten­denz stei­gend. Ich drü­cke ihm die Dau­men, dass der Trend an­hält. Und mir selbst ne­ben­bei auch. Im Mo­ment den­ke ich, dass ich es schaf­fen wer­de. Ich zie­he es auf je­den Fall durch. Ver­spro­chen.

„Ich bin sehr zu­frie­den. Und ich fin­de es groß­ar­tig, dass wir die­sen Weg zu­sam­men ge­hen“

RP-FO­TO: RALPH MATZERATH

Zwei Män­ner und ein Plan: Sport­park-Trai­ner Kim St­ei­ni­gans (links) hat RP-Sport­re­dak­teur Micha­el Deutzmann vor ein paar Mo­na­ten vom com­pu­ter­ge­steu­er­ten Aus­dau­er-Trai­ning über­zeugt.

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