Die Fa­mi­li­en­stadt – Frei­zeit top, Woh­nen flop

Düs­sel­dorf ist ei­ne fa­mi­li­en­ge­rech­te Kom­mu­ne mit Zer­ti­fi­kat. Da­für gibt es gu­te Grün­de. Pro­ble­me be­rei­tet die Woh­nungs­su­che.

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Stadtpost - VON JÖRG JANS­SEN In­fo Fin­den Sie, dass Düs­sel­dorf kin­der­freund­lich ist? Was schät­zen Sie? Was macht sie wü­tend? Schrei­ben Sie bit­te an du­es­sel­[email protected]­ni­sche-post.de

Es kann Spaß ma­chen, in der Groß­stadt zu le­ben. „Mein Sohn und ich lie­ben den Zo­o­park, er bie­tet uns den Aus­gleich, den man als Städ­ter braucht“, sagt Ma­rei­le Blendl. Über den Park hat die Schau­spie­le­rin schon Le­sun­gen ge­hal­ten, un­ter an­de­rem auf dem Bü­cher­bum­mel. „Der Park ist be­völ­kert von jung und alt, wer ihn nutzt, kann sich auf Lie­ge­stüh­len aus­ru­hen, Sport trei­ben oder ein­fach Leu­te be­ob­ach­ten“, sagt Düs­sel­ta­le­rin, die mit ih­rer Fa­mi­lie gleich um die Ecke wohnt. Und sonst? „Wir le­ben ger­ne in die­ser Stadt“, sagt Blendl.

War­um es sich lohnt, in Düs­sel­dorf zu le­ben und was Fa­mi­li­en auch mal ver­zwei­feln lässt: Da­mit be­schäf­ti­gen sich zwei ak­tu­el­le Stu­di­en des Wirt­schafts­in­sti­tuts Pro­gnos so­wie des auf Um­zü­ge spe­zia­li­sier­ten Un­ter­neh­mens Mo­vin­ga. Pro­gnos ver­gleicht 401 deut­sche Städ­te und Krei­se, Mo­vin­ga 150 in­ter­na­tio­na­le Me­tro­po­len, dar­un­ter ein Dut­zend deut­sche Städ­te. In bei­den Un­ter­su­chun­gen lan­det die Rhein-Me­tro­po­le auf ei­nem re­spek­ta­blen 25. Platz. Punk­ten kann Düs­sel­dorf un­ter an­de­rem mit ge­rin­gen Dis­tan­zen, mit der gro­ßen Nä­he zur nächs­ten Grund­schu­le, ei­nem ho­hen ver­füg­ba­ren Ein­kom­men, ei­ner au­ßer­ge­wöhn­lich viel­sei­ti­gen Gas­tro­no­mie und ei­ner Breit­band-Ver­füg­bar­keit, die laut Pro­gnos 96 Pro­zent der Haus­hal­te ab­deckt.

Deut­lich schlech­ter sieht es bei­spiels­wei­se bei In­di­ka­to­ren wie der Schwimm­bad­dich­te, dem An­teil min­der­jäh­ri­ger Hartz-IV-Emp­fän­ger, der Ver­kehrs­si­cher­heit für Kin­der und der Ge­bur­ten­ra­te aus. Das schlech­tes­te Er­geb­nis im na­tio­na­len Pro­gnos-Ran­king er­zielt Düs­sel­dorf mit Platz 351 be­zie­hungs­wei­se 377 (von 401) bei den Miet­aus­ga­ben be­zie­hungs­wei­se beim rech­ne­ri­schen Sal­do zwi­schen zu- und weg­ge­zo­ge­nen Fa­mi­li­en.

Das wun­dert Ralf K., der mit sei­ner fünf­köp­fi­gen Fa­mi­lie in Wers­ten lebt, nicht. „Wir hat­ten noch Glück, weil wir be­reits 2011 un­ser Haus ge­kauft ha­ben“, sagt er. 450.000 Eu­ro hat das Rei­hen­eck­haus mit 135 Qua­drat­me­tern Wohn­flä­che da­mals ge­kos­tet. Sei­nem Va­ter, der auf dem Land lebt, wur­de an­ge­sichts des Prei­ses schon da­mals schwin­de­lig. „Aber vor ein paar Wo­chen wech­sel­te ein bau­glei­ches Haus schräg ge­gen­über für rund 700.000 Eu­ro den Be­sit­zer. „Un­fass­bar“, fin­det nicht nur der Fa­mi­li­en­va­ter. So be­rich­tet ei­ne frü­he­re Nach­ba­rin, die in­zwi­schen in Pem­pel­fort lebt, im­mer wie­der, wie das The­ma Müt­ter und Vä­ter selbst beim Spiel­platz­be­such be­schäf­tigt. „Man fin­det ein­fach nichts, erst recht kei­ne Vier-Zim­mer-Miet­woh­nung, mit der vie­le auch ein­ver­stan­den wä­ren. Zu­letzt wur­de ei­ne 80-Qua­drat­me­ter-Woh­nung im In­ter­net an­ge­bo­ten, in­ner­halb von ei­nem hal­ben Tag ha­ben sich dort ne­ben un­se­rer Be­kann­ten 40 wei­te­re In­ter­es­sen­ten ge­mel­det. Es gleicht ei­ner Lot­te­rie“, sagt K.

Ei­ne Ent­wick­lung, die be­reits ab­les­ba­re Fol­gen hat. So er­mit­tel­ten die Ex­per­ten des Pro­gnos-In­sti­tuts, wie vie­le Haus­hal­te, in de­nen Min­der­jäh­ri­ge so­wie Men­schen zwi­schen 30 und 50 Jah­ren le­ben, im Jahr 2017 weg- be­zie­hungs­wei­se neu in die Stadt ge­zo­gen sind. „Der Sal­do zwi­schen Zu- und Ab­gän­gen in die­ser Grup­pe war ne­ga­tiv. Be­zo­gen auf 1000 Per­so­nen gin­gen vier mehr als ka­men“, sagt Jan Brauck­mann, Pro­jekt­lei­ter der für das ZDF an­ge­fer­tig­ten Stu­die. War­um es für Fa­mi­li­en so schwer ist, weiß Jörg Schnor­ren­ber­ger vom Ring deut­scher Mak­ler.

„Paa­re oder Al­lein­er­zie­hen­de mit Kin­dern kon­kur­rie­ren mit sehr zah­lungs­fä­hi­gen ,Dinks’, al­so kin­der­lo­sen Paa­ren, bei de­nen bei­de er­folg­reich im Be­ruf un­ter­wegs sind“, sagt der Düs­sel­dor­fer Im­mo­bi­li­en­ex­per­te. Hin­zu kä­men un­güns­ti­ge Trends wie der Bau so ge­nann­ter Mi­kro­ap­part­ments. Vor al­lem für jun­ge Fa­mi­li­en im Erst­be­zug sei die La­ge schwie­rig. „Für grö­ße­re Woh­nun­gen gilt: Wer nach dem Stu­di­um den ers­ten Job an­tritt und ei­nen Part­ner hat, der sich we­gen ei­nes Kin­des ge­ra­de in El­tern­zeit be­fin­det, hat eben noch kein so ho­hes Haus­halts­ein­kom­men“, er­gänzt der Mak­ler.

Da­ge­gen be­tont Stadt­di­rek­tor Burk­hard Hintz­sche, dass „vie­le der jun­gen Men­schen, die zur Aus­bil­dung und zum Stu­di­um nach Düs­sel­dorf kom­men, hier auch blei­ben“. Über die Jah­re be­trach­tet ha­be die Zahl der Fa­mi­li­en zu­ge­nom­men. Sie sei von 57.416 En­de 2014 auf 60.645 En­de Ju­ni 2019 ge­stie­gen. „Ein Plus von 5,6 Pro­zent“, sagt der Spit­zen­be­am­te. Dass ho­he Mie­ten und Kauf­prei­se ein Pro­blem sind, be­strei­tet er nicht. Trotz­dem blie­ben vie­le Fa­mi­li­en in der Stadt, und das lie­ge „si­cher an der her­vor­ra­gen­den In­fra­struk­tur“. Die Zahl der Be­treu­ungs­plät­ze wach­se, Schu­len und Schul­so­zi­al­ar­beit wür­den aus­ge­baut. Ki­ta- und Fa­mi­li­en­na­vi­ga­tor, Aben­teu­er­spiel­plät­ze, Ska­ter­park, lü­cken­lo­se Prä­ven­ti­ons­ket­ten und ein im Auf­bau be­find­li­ches Fa­mi­li­en­bü­ro sei­en wei­te­re Mo­sa­ik­stei­ne.

„Stimmt“, sagt Va­ter Mar­cel Scher­rer. Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge hat er trotz­dem. „Vie­le at­men auf, wenn ihr Kind drei Jah­re alt wird, weil die Ki­ta-Be­treu­ung dann kos­ten­frei wird. Das ist ein Aus­gleich für die ho­hen Miet­kos­ten. Scha­de, dass das nicht schon vor dem drit­ten Ge­burststag so ist“. Und noch et­was um­treibt ihn: „Im Stra­ßen­ver­kehr füh­len die Kin­der sich oft sehr un­si­cher. Da hat Düs­sel­dorf noch je­de Men­ge Luft nach oben.“ den Be­rei­chen „Geld und Woh­nen“, „Bil­dung und So­zia­les“, „Ge­sund­heit und Si­cher­heit“so­wie „Frei­zeit und Kul­tur“un­ter­sucht.

Mo­vin­ga Auch hier wur­den Sta­tis­ti­ken aus­ge­wer­tet. Dar­über hin­aus wur­den in je­der der 150 welt­weit un­ter­such­ten Me­tro­po­len El­tern be­fragt. Da­bei ging es um Wohn­raum, Bil­dung, Be­schäf­ti­gung so­wie die Fa­mi­li­en­ge­setz­ge­bung. Platz 1 be­legt Hel­sin­ki, un­ter den deut­schen Städ­ten ste­hen Mün­chen (Platz 4), Stutt­gart (13), Ham­burg (15), Düs­sel­dorf (25) weit oben.

RP-FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Ma­rei­le Blendl schätzt das Le­ben in der Lan­des­haupt­stadt. In der Frei­zeit geht sie mit Sohn Micha­el (5) am liebs­ten in den Zo­o­park.

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