„Wir brau­chen kein Wohn­zim­mer“

Die Ar­chi­tek­tin und Feng-Shui-Ex­per­tin San­dra Hufnagel hat­te für ih­re Patch­work-Fa­mi­lie die Auf­tei­lung im Haus in Fra­ge ge­stellt.

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Wirtschaft - VON UTE RASCH (TEXT) UND ANDRE­AS BRETZ (FO­TOS)

Le­bens­ent­wür­fe än­dern sich, mit ih­nen un­se­re Vor­stel­lung von Woh­nen. Men­schen tren­nen sich, blei­ben da­nach al­lein oder fin­den sich in neu­en Fa­mi­li­en wie­der. Und müs­sen sich im Al­ter – wenn die Kin­der aus dem Haus sind – mit ei­ner an­de­ren Si­tua­ti­on zu­recht­fin­den. „Aber die Grund­ris­se un­se­rer Woh­nun­gen se­hen ei­gent­lich im­mer noch so aus wie nach dem Krieg“, sagt San­dra Hufnagel. Wie sich ein Haus aus den 1950er Jah­ren durch kon­se­quen­tes Qu­er­den­ken in ein in­di­vi­du­el­les Heim für ei­ne Patch­work-Fa­mi­lie ver­wan­deln kann, be­weist die Ar­chi­tek­tin und Feng-Shui-Spe­zia­lis­tin mit ih­rem ei­ge­nen Zu­hau­se.

Ei­ne ru­hi­ge Wohn­stra­ße in Stock­um, ge­prägt von wei­ßen Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, al­le mit Vor­gär­ten. Man ahnt, wie das In­nen­le­ben struk­tu­riert ist: Die­le, Wohn­zim­mer, Ess­zim­mer, Kü­che, Gäs­te-Toi­let­te – ein Erd­ge­schoss mit 08/15-Grund­riss. Stimmt. Nur, dass San­dra Hufnagel mit ih­rem Le­bens­ge­fähr­ten („wir sind bei­de krea­ti­ve Köp­fe“) die Funk­ti­on der Räu­me neu er­dacht hat, nach­dem die ent­schei­den­de Fra­ge be­ant­wor­tet war: „Was ge­nau brau­chen wir?“

Denn die­ses „Wir“hat­te sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren neu zu­sam­men­ge­setzt. Bis 2014 leb­te sie mit ih­ren bei­den Kin­dern, heu­te 16 und 19 Jah­re alt, in ei­nem Rei­hen­haus in Kal­kum. Dann woll­te sie den Bo­den mit Ze­men­te­strich er­neu­ern las­sen, en­ga­gier­te da­zu den Düs­sel­dor­fer Un­ter­neh­mer Wer­ner Heu­ser. Ein Spe­zia­list für Bö­den- und Ober­flä­chen, der auch ei­ne kunst­vol­le Spach­tel­tech­nik für Wän­de ent­wi­ckelt hat. „Zum Schluss hat­te ich den Bo­den. Und den Mann“, be­rich­tet sie. Und als das Paar zwei Jah­re spä­ter be­schloss mit­ein­an­der zu le­ben, wur­de ein Haus ge­sucht, in dem für al­le Platz war – für ih­re und sei­ne bei­den Kin­der. Zur Mie­te, nicht zum Kauf: „Denn wis­sen wir, wie wir im Al­ter le­ben wol­len?“

Fa­mi­li­en brau­chen vie­le Zim­mer, lau­tet ei­ne Er­kennt­nis der Ar­chi­tek­tin. Aber be­nö­ti­gen sie auch ein Wohn­zim­mer? Für die meis­ten Men­schen wä­re das kei­ne Fra­ge. Für San­dra Hufnagel und Wer­ner Heu­ser schon. Sie ver­zich­te­ten auf die üb­li­che Ein­rich­tung ei­nes Wohn­raums, zu­mal sich die Fa­mi­lie oh­ne­hin nicht vor ei­nem Fern­se­her ver­sam­melt (den es üb­ri­gens gar nicht gibt), und mach­ten dar­aus ein Ar­beits­zim­mer mit zwei gro­ßen Ti­schen, die ein­an­der ge­gen­über­ste­hen – ei­ne ver­bin­den­de Si­tua­ti­on für das ge­mein­sa­me Ho­me­of­fice. Wenn das Paar vie­le Gäs­te hat, ver­wan­deln sich die Ti­sche in ei­ne lan­ge Ta­fel. Al­les ei­ne Fra­ge der Fle­xi­bi­li­tät.

Das qua­dra­ti­sche Ess­zim­mer wird do­mi­niert von ei­nem gro­ßen, run­den Tisch aus Nuss­baum (Ent­wurf von San­dra Hufnagel) und ei­nem Re­gal (Ent­wurf Wer­ner Heu­ser), das mit sei­nen ver­setz­ten Flä­chen wie be­schwipst wirkt. „Ein run­der Tisch ist wohl­tu­end, weil sich in sei­ner Mit­te die Ener­gie trifft. Das sorgt für ei­ne har­mo­ni­sche Stim­mung“, sagt die Ex­per­tin für Feng Shui, die­ser Jahr­tau­sen­de al­ten chi­ne­si­schen Le­bens­phi­lo­so­phie. De­ren Zie­le, Men­schen und Räu­me mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen, ver­wirk­licht San­dra Hufnagel auch bei der Ar­beit mit ih­ren Kun­den, die sie oft beim Los­las­sen be­glei­tet, wenn sie im Al­ter von ei­nem Haus in ei­ne Woh­nung zie­hen wol­len. „Räu­me be­ein­flus­sen uns, sie kön­nen Wohl­be­fin­den aus­lö­sen. Oder das Ge­gen­teil.“Und des­halb sei es auch wich­tig, wie man ei­ne Woh­nung be­tritt, wie man Gäs­te will­kom­men heißt. In ih­rem spe­zi­el­len Fall ist die Die­le ein Ort, an dem man am liebs­ten gleich blei­ben möch­te – mit ei­nem So­fa und ei­nem of­fe­nen Ka­min. Den gab es be­reits, als sie ein­zo­gen. „Wir ha­ben den Ka­min ge­se­hen, bei­de ge­nickt und wuss­ten: Das ist un­ser Haus.“

Ne­ben der Die­le hat sich das Paar ein Schlaf­zim­mer ein­ge­rich­tet. Und Bad (mit Sau­na), al­le Schrän­ke und die Haus­wirt­schafts­ge­rä­te in den Kel­ler ver­legt. Denn die ers­te Eta­ge des Hau­ses ge­hört der Ju­gend der Patch­work-Fa­mi­lie: vier Zim­mer und ein Bad für vier Kin­der, auch wenn die zum Teil längst er­wach­sen sind und nur noch ge­le­gent­lich zu Hau­se über­nach­ten. Al­le ge­mein­sam ge­nie­ßen dann den Gar­ten hin­ter dem Haus mit sei­ner üp­pi­gen Rho­do­den­dron-He­cke („im Som­mer ein Traum“), den Wein­ran­ken an der Ter­ras­se und den Ge­mü­se­bee­ten mit To­ma­ten, Ar­ti­scho­cken, Boh­nen und Sa­lat. „Der wird mehr und mehr zum Nutz­gar­ten“, sagt San­dra Hufnagel.

Und so keimt auch drau­ßen ein Ort, der das Wohl­be­fin­den der Fa­mi­lie ein­deu­tig stei­gert – ganz oh­ne fern­öst­li­chen Ein­fluss.

Ein Wohn­zim­mer mit neu­er Be­stim­mung: Hier ar­bei­ten San­dra Hufnagel und ihr Le­bens­ge­fähr­te im Ho­me­of­fice an zwei gro­ßen Schreib­ti­schen. Und wenn vie­le Gäs­te er­war­tet wer­den, kön­nen die Ar­beits­ti­sche zu ei­ner lan­gen Ta­fel um­funk­tio­niert wer­den.

Das 50er-Jah­re-Haus liegt an ei­ner ru­hi­gen Wohn­stra­ße in Stock­um. Von Au­ßen sieht man ihm sein in­ter­es­san­tes In­nen­le­ben nicht an.

Am run­den Ess­tisch trifft sich nach der Feng-Shui-Leh­re die Ener­gie in der Mit­te – das sei gut für die Har­mo­nie in der Fa­mi­lie.

Ein of­fe­ner Ka­min in der Die­le des Hau­ses.

Treff­punkt an Som­mer­aben­den: die Ter­ras­se.

Das „be­schwips­te“Re­gal nach ei­nem Ent­wurf des Haus­herrn.

Der grü­ne Stuhl aus In­do­ne­si­en ist mehr Ob­jekt als Sitz­mö­bel.

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