OP über­stan­den, Pa­ti­ent ver­wirrt

Frü­her hieß es Durch­gangs­syn­drom, heu­te spre­chen Ärz­te vom De­lir. Für Pa­ti­en­ten kann es fa­tal und fol­gen­reich sein. Kran­ken­kas­sen und Kli­ni­ken wol­len die Be­hand­lung op­ti­mie­ren.

Rheinische Post Hilden - - Gut Leben - VON WOLF­RAM GO­ERTZ

BONN Lan­ge ha­ben Ärz­te die­ses Phä­no­men in ei­nen freund­li­chen Man­tel ge­klei­det, sie nann­ten es „Durch­gangs­syn­drom“, was den tröst­li­chen Ge­dan­ken an ei­nen An­fang und vor al­lem ein En­de be­zeich­ne­te, ei­ne so­zu­sa­gen be­glei­ten­de Stö­rung, nicht ernst­haft, weil Syn­dro­me meist nicht le­bens­be­droh­lich schei­nen. Auch im Vo­ka­bu­lar des Pfle­ge­per­so­nals klang die For­mu­lie­rung, ein Pa­ti­ent sei et­was „durch­gän­gig“, manch­mal eher nach ei­ner mo­men­ta­nen Tr­übung, kurz­fris­tig tüd­de­lig. Aber die Wahr­heit sieht ganz an­ders aus: „Das De­lir ist ein me­di­zi­ni­scher Not­fall“, schreibt Nor­bert Zo­rem­ba, Anäs­the­sist in Gü­ters­loh, in ei­ner sehr aus­führ­li­chen Über­sichts­ar­beit für das „Deut­sche Ärz­te­blatt“.

Das De­lir zählt als Funk­ti­ons­stö­rung des Ge­hirns zu den häu­figs­ten Kom­pli­ka­tio­nen bei ger­ia­tri­schen Pa­ti­en­ten im sta­tio­nä­ren Be­reich. Pa­ti­en­ten, die nach ei­ner Ope­ra­ti­on ins De­lir ge­ra­ten, kön­nen ver­schie­de­ne Sym­pto­me auf­wei­sen. Sie lei­den un­ter Be­wusst­seins- und Ori­en­tie­rungs­stö­run­gen, manch­mal kön­nen sie kei­ne An­ga­ben zur ei­ge­nen Per­son, zu Si­tua­ti­on, Zeit und Ort ma­chen. Sie kön­nen auf­ge­regt sein oder gar agi­tiert, sie kön­nen in ei­nen Be­schäf­ti­gungs­zwang ver­fal­len. Sie be­kom­men Hal­lu­zi­na­tio­nen oder Kreis­lauf­stö­run­gen, Blut­hoch­druck oder zu schnel­len Puls, oder sie be­gin­nen zu zit­tern oder ge­ra­ten über­mä­ßig ins Schwit­zen.

Zo­rem­bas Zah­len, die aus gro­ßen Stu­di­en er­mit­telt wur­den, sind er­drü­ckend: „Wäh­rend ein Drit­tel der in­ter­nis­ti­schen Pa­ti­en­ten, die äl­ter als 70 Jah­re sind, ein De­lir im Kran­ken­haus ent­wi­ckeln, lie­gen die Wer­te bei chir­ur­gi­schen Pa­ti­en­ten ab­hän­gig vom Ein­griff zwi­schen 5,1 Pro­zent nach klei­ne­ren Ein­grif­fen und 52,2 Pro­zent nach grö­ße­ren Ope­ra­tio­nen (zum Bei­spiel Chir­ur­gie der Haupt­schlag­ader). Bei In­ten­siv­pa­ti­en­ten tritt in 30 bis 80 Pro­zent der Fäl­le ein De­lir auf – je nach­dem, wie schwer die Er­kran­kung ist.“

Und ei­ne zeit­lich be­grenz­te Be­gleit­erschei­nung des Kran­ken­haus­auf­ent­halts ist ein De­lir auch nicht zwin­gend. „Es ist“, schreibt Zo­rem­ba, „mit ei­ner Er­hö­hung der Sterb­lich­keit von 3,9 auf 22,9 Pro­zent, ei­ner bis zu zehn Ta­ge län­ge­ren Auf­ent­halts­dau­er im Kran­ken­haus und ei­nem schlech­te­ren Be­hand­lungs­er­geb­nis ver­bun­den.“Wich­tig für die Pro­gno­se ist aber nicht nur sein Auf­tre­ten, son­dern auch sei­ne Dau­er: „In ei­ner Un­ter­su­chung bei In­ten­siv­pa­ti­en­ten konn­te ge­zeigt wer­den, dass die Ein-Jah­res-Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit mit je­dem De­lir-Tag um zehn Pro­zent sinkt.“Und wei­ter: „Ein De­lir führt zu ei­ner er­höh­ten post­sta­tio­nä­ren Pfle­ge­be­dürf­tig­keit, und bei et­wa 25 Pro­zent der Pa­ti­en­ten stel­len sich nach ei­nem De­lir ko­gni­ti­ve Funk­ti­ons­stö­run­gen ein, die mit ei­ner mil­den Alz­hei­mer-De­menz ver­gleich­bar sind.“

Jetzt ha­ben die AOK Rhein­land/ Ham­burg und das Mal­te­ser-Kran­ken­haus Bonn/Rhein-Sieg zum Jah­res­be­ginn den bun­des­weit ers­ten Qua­li­täts­ver­trag zur Ver­mei­dung des pos­tope­ra­ti­ven De­lirs ge­schlos­sen. Matthias Mohr­mann vom AOK-Vor­stand er­läu­tert: „Mit dem Ver­trag wol­len wir die Ver­sor­gung äl­te­rer Pa­ti­en­ten ver­bes­sern und die De­lir-Ra­te nach Ope­ra­tio­nen mess­bar sen­ken.“Cars­ten Jochum, Ge­schäfts­füh­rer des Mal­te­ser-Kran­ken­hau­ses, er­gänzt das: „Der al­te Mensch ist schon lan­ge im Fo­kus un­se­rer Kli­nik, so wur­de be­reits Mit­te der 70er Jah­re ei­ne der ers­ten ger­ia­tri­schen Sta­tio­nen in Deutsch­land am Mal­te­ser-Kran­ken­haus auf­ge­baut.“Der Ver­trag soll die Ver­sor­gungs­qua­li­tät der Pa­ti­en­ten wei­ter ver­bes­sern.

Wie die AOK er­rech­net hat, lei­den 41 Pro­zent der Pa­ti­en­ten zwölf Mo­na­te nach Auf­tre­ten ei­nes De­lirs im­mer noch an geis­ti­gen Aus­fäl­len, die das täg­li­che Le­ben ein­schrän­ken. Da­durch sind vie­le Pa­ti­en­ten auf Pfle­ge an­ge­wie­sen, was ei­ne Rück­kehr in die ge­wohn­te Um­ge­bung er­schwert oder gar un­mög­lich macht. Der Qua­li­täts­ver­trag ver­folgt das Ziel, die Selbst­stän­dig­keit der Pa­ti­en­ten zu er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len und ei­ne Pfle­ge­be­dürf­tig­keit ver­mei­den. Dies soll durch ei­ne um­fas­sen­de Do­ku­men­ta­ti­on der Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on so­wie durch ein sys­te­ma­ti­sches Scree­ning al­ler Pa­ti­en­ten ab dem 65. Le­bens­jahr vor ih­ren Ope­ra­tio­nen er­reicht wer­den.

Lie­gen auf­fäl­li­ge Be­fun­de und da­mit ein er­höh­tes De­lir-Ri­si­ko vor, küm­mert sich ein spe­zi­ell ge­schul­ter Pa­ti­en­ten­be­gleit­dienst im Rah­men ei­ner 1:1-Be­treu­ung in­ten­siv um den Ri­si­ko­pa­ti­en­ten. Im Fal­le ei­nes ein­tre­ten­den De­lirs kom­men ver­schie­de­ne Maß­nah­men zur Neu-Ori­en­tie­rung, Gestal­tung des Ta­ges­ab­lau­fes, Ver­bes­se­rung des Tag-Nacht-Rhyth­mus so­wie ei­ne ad­äqua­te Schmerz­the­ra­pie zum Ein­satz. Al­bert Lu­kas, Chef­arzt der Ger­ia­trie des Mal­te­ser-Kran­ken­hau­ses und gleich­zei­tig wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter des De­lir-Pro­jek­tes, geht da­von aus, dass auf die­sem We­ge ei­ne De­lir-Re­duk­ti­on um bis zu 30 Pro­zent mög­lich ist.

Vie­le Anäs­the­sis­ten ha­ben be­reits kon­struk­ti­ve We­ge ein­ge­schla­gen. So sagt Mar­kus Schmitz, Chef­arzt für Anäs­the­sie, ope­ra­ti­ve In­ten­siv­me­di­zin und Schmerz­the­ra­pie im He­li­os-Kli­ni­kum Duis­burg: „Ei­ne sorg­fäl­ti­ge Pla­nung der Ope­ra­ti­on

„Pa­ti­en­ten, die vie­le Ta­blet­ten neh­men, sind be­son­ders an­fäl­lig“

und scho­nen­de Nar­ko­se­ver­fah­ren ha­ben sich zur Ver­mei­dung ei­nes De­lirs be­währt. So kann zum Bei­spiel ei­ne Hüft­ge­lenks­ope­ra­ti­on sehr gut in ei­ner so­ge­nann­ten Spi­nal­a­n­äs­the­sie (im Volks­mund Rü­cken­mar­knar­ko­se) durch­ge­führt wer­den.“

Gibt es Ri­si­ko­fak­to­ren für ein De­lir? „Ja“, sagt Schmitz, „ne­ben dem Al­ter sind es das Vor­lie­gen ei­ner Al­ko­hol­ab­hän­gig­keit, Herz­kreis­laufso­wie Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen (Dia­be­tes) und die Ein­nah­me vie­ler ver­schie­de­ner Me­di­ka­men­te. Ein Groß­teil der Pa­ti­en­ten, die wir heu­te in den Kran­ken­häu­sern be­han­deln, weist meh­re­re die­ser Ri­si­ko­fak­to­ren auf. Müs­sen sich Be­trof­fe­ne dann noch ei­ner Nar­ko­se un­ter­zie­hen, steigt die Ge­fahr ei­nes De­lirs deut­lich an.“

Be­son­ders wich­tig ist, dass die Pa­ti­en­ten mög­lichst früh die Ori­en­tie­rung wie­der­er­lan­gen. Die Pfle­ge­kräf­te müs­sen das Se­hen und Hö­ren der Pa­ti­en­ten op­ti­mie­ren, gut sicht­ba­re Uh­ren und Ka­len­der auf­stel­len, An­ge­hö­ri­ge ein­bin­den, ei­nen Zim­mer­wech­sel ver­mei­den und für ei­ne ho­he Kon­stanz der be­treu­en­den Pfle­ge­per­so­nen sor­gen (was in Zei­ten des Per­so­nal­man­gels in Kli­ni­ken schwie­rig bis un­mög­lich ist).

Zo­rem­ba weist aber auch dar­auf hin, „dass Pa­ti­en­ten wäh­rend ei­nes Kran­ken­haus­auf­ent­hal­tes sehr schnell an Mus­kel­mas­se und folg­lich an Mus­kel­kraft ver­lie­ren“. Be­we­gungs­ein­schrän­kung sei aber mit ei­ner län­ge­ren Kran­ken­haus­ver­weil­dau­er und ei­nem ge­häuf­ten Auf­tre­ten neu­ro­psych­ia­tri­scher Fehl­funk­tio­nen ver­bun­den. In ei­ner gro­ßen Stu­die konn­te ge­zeigt wer­den, dass

Mar­kusSchmitz Anäs­the­sie-Chef­arzt die De­lir-Ra­te durch ei­ne frü­he Phy­siound Er­go­the­ra­pie wäh­rend des Kran­ken­haus­auf­ent­hal­tes von 41 auf 28 Pro­zent sin­ken und die Rück­kehr in ein selbst­stän­di­ges Le­ben deut­lich häu­fi­ger ge­lin­gen kann.

Zugleich ist es bei ei­nem De­lir wich­tig, nach mög­li­chen Ur­sa­chen zu su­chen. Vor al­lem In­fek­tio­nen, Elek­tro­lyt-Stö­run­gen, Blut­zu­cke­rent­glei­sun­gen, Schmer­zen und Sau­er­stoff­man­gel sind häu­fi­ge Grün­de. Hält die Sym­pto­ma­tik an, ob­wohl mög­li­che Aus­lö­ser be­sei­tigt wur­den, muss rasch ei­ne nicht­me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie er­fol­gen. Da­zu ge­hört ne­ben der Früh­mo­bi­li­sa­ti­on, ei­ner För­de­rung der ko­gni­ti­ven Ak­ti­vi­tät und der Ori­en­tie­rung auch ei­ne Ver­bes­se­rung des Schla­fes.

Manch­mal ist ein De­lir aber auch gar kei­nes. Je­der Arzt hat schon mal den Fall ei­nes äl­te­ren Man­nes er­lebt, der nach ei­ner OP kom­plett durch den Wind war, mo­men­tan nicht gut spre­chen konn­te, dau­ernd aus dem Bett woll­te – bis je­mand fest­stell­te, dass der Mann nur ma­xi­mal drin­gend auf die Toi­let­te woll­te.

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