Su­per­star in Zei­ten der Auf­klä­rung

Der Kunst­pa­last stellt 100 Wer­ke von An­ge­li­ka Kauffmann (1741 bis 1807) aus. Die Schau zeigt die her­aus­ra­gen­de Künst­le­rin in all ih­ren Fa­cet­ten. Ih­re Welt war die der Rei­chen und Schö­nen.

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Kultur - VON AN­NET­TE BOSETTI

Es ist nicht weit her­ge­holt, An­ge­li­ka Kauffmann als Su­per­star zu be­zeich­nen. War die be­rühm­tes­te Künst­le­rin der Auf­klä­rung doch nicht nur ein Ge­nie als Ma­le­rin, ein weib­li­cher Raf­fa­el, son­dern ei­ne für ih­re Zeit ein­ma­li­ge Selbst­ver­mark­te­rin und Selbst­op­ti­mie­re­rin.

In­flu­en­cer nennt man heu­te sol­che Frau­en, die im Netz iko­nen­haft den Stil Tau­sen­der Men­schen be­ein­flus­sen. Das tat Kauffmann zu ih­rer Zeit auf ganz an­de­re, sub­ti­le­re Wei­se, wo­von Ab­bil­dun­gen auf Tas­sen, Tel­lern und Druckerzeu­g­nis­sen be­rich­ten. Man­che der von ihr ge­mal­ten Frau­en tru­gen frisch im­por­tier­te Mo­de aus der Tür­kei – oh­ne Kor­sett, mit Plu­der­ho­sen. Das sprach sich her­um, das er­mun­ter­te die Da­men­welt zu neu­en mo­di­schen Es­ka­pa­den.

Und doch um­fasst das Wort Su­per­star längst nicht all das, was die „kul­ti­vier­tes­te Frau Eu­ro­pas“, wie Her­der sie nann­te, aus­mach­te. Sie war Künst­le­rin mit dem Her­zen, das ihr das Hand­werk führ­te, von wa­chem Geist, re­li­gi­ös, kri­tisch, viel­spra­chig, für ih­re Zeit un­ge­wöhn­lich in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet, ver­netzt, ob­wohl aus dem schwei­ze­ri­schen Chur kom­mend und im Voral­berg auf­ge­wach­sen. Sie war eben auch ein Kind der Epo­che der Emp­find­sam­keit, spiel­te Sinn­li­ches aus, was sich für Frau­en nicht schick­te, dreh­te Ge­schlech­ter­rol­len um. Män­ner mal­te sie ger­ne als schö­ne Jüng­lin­ge, in de­nen sie das „Ide­al­schö­ne“ver­ewi­gen woll­te, wenn sie et­wa den wei­nen­den Tele­mach oder den ero­ti­schen Gany­med in groß­ar­ti­gen Ta­bleaus in­sze­nier­te. An­ti­hel­den se­hen wir da, Män­ner, die Ge­füh­le zei­gen. Frau­en wer­den wie­der­um in die­ser noch völ­lig un­gleich­be­rech­tig­ten Zeit, in der ih­nen so­gar das Bil­dungs­ver­mö­gen ab­ge­spro­chen wird, ger­ne zu Hel­din­nen. Die mu­ti­gen Frau­en der Ge­schich­te spie­len auf Kauffmanns Lein­wän­den die Haupt­rol­le, be­wei­sen Lie­bes­fä­hig­keit, Treue und Op­fer­be­reit­schaft. Wer auf ih­re Bil­der schau­te, soll­te sich durch Vor­bil­der er­mu­tigt und zu gro­ßen Ge­füh­len an­ge­regt füh­len.

Schon früh er­kann­te man die Gü­te der Öl­bil­der, auf de­nen das Ge­sicht meist zen­tral plat­ziert und der Blick stark ist. Eben­mä­ßig und schön die Bild­flä­chen, kaum Pin­sel­stri­che

sind er­kenn­bar. Forscht man mit dem Mi­kro­skop, was ei­ne Ver­suchs­an­ord­nung in der Aus­stel­lung mög­lich macht, er­kennt man erst ei­nen pin­ken Tup­fer in der Au­gen­braue der trau­ern­den Agrip­pi­na, der bei nor­ma­lem Au­gen­schein so­fort ver­schwin­det.

Mit zwölf Jah­ren hat­te Kauffmann be­reits in ei­nem Selbst­por­trät Zeug­nis ih­res Aus­nah­me­ta­l­ents ge­ge­ben, mehr als 20 Selbst­por­träts folg­ten. Ei­ne un­er­hör­te weib­li­che Selbst­be­haup­tung. Die­ses ers­te Bild, „Selbst­bild­nis als Sän­ge­rin mit No­ten­blatt“(1753), zählt zu den her­aus­ra­gen­den Zeug­nis­sen von Frau­en in der Kunst­ge­schich­te. Auf­schluss­reich auch das aus den frü­hen neun­zi­ger Jah­ren stam­men­de „Selbst­bild­nis am Schei­de­weg zwi­schen Mu­sik und Ma­le­rei“in zwei Ver­sio­nen, auf de­nen sie Aus­kunft über ih­re Zer­ris­sen­heit zwi­schen Mu­sik und Ma­le­rei er­teilt. Solch ein my­tho­lo­gisch über­höh­tes und al­le­go­risch ver­dich­te­tes Selbst­bild­nis gilt für ei­ne Künst­le­rin des 18. Jahr­hun­derts als re­vo­lu­tio­när.

Kein Wun­der, dass die Welt der Rei­chen und Schö­nen von ihr por­trä­tiert wer­den woll­ten. In En­g­land, wo sie spä­ter leb­te, hieß es „The who­le world is an­ge­li­ca­mad“– die gan­ze Welt war of­fen­bar zu die­ser Zeit „Ver­rückt nach An­ge­li­ka Kauffmann“. Mit die­ser grif­fi­gen Aus­sa­ge hat Kunst­pa­last-Di­rek­tor Fe­lix Krä­mer die Aus­stel­lung über­ti­telt. Es ist die ers­te des neu­en Jah­res und Jahr­zehnts, die in ei­nem Drei­klang mit Pe­ter Lind­bergh und der 2019 er­wor­be­nen Fo­to­samm­lung Be­we­gung und Ab­wechs­lung im Kunst­pa­last ver­spricht. Ei­nen „Rei­gen“nennt Krä­mer das und froh­lockt über in­ter­na­tio­na­les Ni­veau.

Solch ei­ne Aus­stel­lung mit in­ter­na­tio­na­len Leih­ga­ben – ein Bild kommt aus den Pri­vat­ge­mä­chern von Queen Eliz­a­beth II. – bin­det enor­me Kräf­te und Mit­tel. Zahl­rei­che Stif­tun­gen ha­ben die Kauffmann-Schau mög­lich ge­macht, die nach Düs­sel­dorf in Lon­don ge­zeigt wer­den wird. Der be­son­de­re Glücks­fall dürf­te aber die ku­ra­to­ri­sche Ex­zel­lenz

dar­stel­len. Bet­ti­na Baum­gär­tel, Lei­te­rin der Ge­mäl­de­ga­le­rie im Kunst­pa­last, hat sich mehr als ihr hal­bes Le­ben mit Kauffmann be­fasst, da­bei im­mer noch neue Aspek­te aus Werk und Le­ben ge­win­nen kön­nen. Sie hat die Aus­stel­lung chro­no­lo­gisch in neun Ab­schnit­te ge­glie­dert; um Ver­sen­kung in die­se fer­ne Zeit zu er­mög­li­chen, wur­den die Sä­le auf­wen­dig zu klas­si­zis­ti­schen Büh­nen um­ge­baut.

Mög­lich wird ei­ne von dem auf­re­gen­den Künst­le­rin­nen­le­ben ge­präg­te Rei­se durch die Kunst­ge­schich­te, an de­ren En­de man sich fragt, gibt es et­was spe­zi­ell Weib­li­ches an die­sen Bil­dern?

Gibt es nicht, sagt die Ku­ra­to­rin. Kauffmanns Bil­der er­zäh­len ein­fach nur star­ke Ge­schich­ten von Men­schen aus ei­ner an­de­ren Zeit. Und sind ent­schie­den schön. Man kann Kauffmann als eu­ro­päi­sche Pio­nie­rin und ma­le­ri­sche Grö­ße fei­ern.

FO­TO: NA­TIO­NAL TRUST IMAGES

An­ge­li­ka Kauffmanns „Selbst­bild­nis am Schei­de­weg zwi­schen Mu­sik und Ma­le­rei“von 1794 ist jetzt im Kunst­pa­last zu se­hen.

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