Büt­ten­red­ner ge­sucht

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Wirtschaft -

Men­schen wie und ge­hö­ren zu ei­ner aus­ster­ben­den Spe­zi­es im Kar­ne­val: den Büt­ten­red­nern. Wäh­rend die Künst­ler frü­her fes­ter Be­stand­teil ei­ner je­den Kar­ne­vals­sit­zung wa­ren, wer­den ih­re Auf­trit­te heu­te im­mer sel­te­ner. Was steckt hin­ter die­ser Ent­wick­lung?

Aus Sicht von Jür­gen Hil­ger, der fast seit 50 Jah­ren re­gel­mä­ßig auf der Büh­ne steht, liegt es vor al­lem an ei­ner Ver­än­de­rung des Kar­ne­vals. Wäh­rend frü­her die Büt­ten­re­den im Vor­der­grund ge­we­sen wä­ren, sei es heu­te vor al­lem Mu­sik. „Das Pu­bli­kum hat sich ver­än­dert, Kar­ne­val ist ein le­ben­di­ges Fest, das muss man ak­zep­tie­ren.“Mit ei­ner an­de­ren Sa­che wol­le er sich da­ge­gen nicht ab­fin­den: „Das Pu­bli­kum ist un­sag­bar re­spekt­los ge­wor­den.“Oft wür­den die Zu­schau­er un­ge­ach­tet der Büt­ten­red­ner wei­ter­re­den und -fei­ern. Das deckt sich auch mit den Er­fah­run­gen von Hil­de­gard Dah­men, die in­zwi­schen Vor­sit­zen­de der Mos­tert­pött­ches, der Gil­de der Kar­ne­vals­künst­ler, ist. Der Ge­schmack des Pu­bli­kums ha­be sich mehr zum Par­ty­ma­chen ver­än­dert, wes­halb vie­le Zu­schau­er den Künst­lern nicht mehr zu­hö­ren wür­den. „Für die Per­son auf der Büh­ne ist das sehr frus­trie­rend“, sagt sie. Prä­si­dent

Hil­ger Dah­men Tho­mas Pup­pe, Jür­gen Hil­de­gard

Sze­ne ge­setzt wer­den.

Wie das aus­se­hen kann, ha­ben die Schü­ler am Don­ners­tag bei ei­ner Mo­den­schau in der Au­la der Schu­le ih­ren Mit­schü­lern, aber auch den Ama­zo­nen ge­zeigt. „Es ist im­mer wie­der be­ein­dru­ckend, was die Herr­schaf­ten aus dem Hut zau­bern“, so Un­k­rig-Kre­mer. Sie ha­be schon ein Lieb­lings­kos­tüm aus­ge­macht: Aga­tha Alt­bier. „Das ist ein ech­tes Mäd­chen­kleid und passt na­tür­lich sehr gut zu Düs­sel­dorf.“Die Idee kam Na­di­ne Dis­ze­ra­tis eher zu­fäl­lig „Ich ar­bei­te ne­ben­bei in ei­ner Knei­pe und woll­te des­halb et­was mit Bier ma­chen.“Die­se hat­te sie zwar zu­nächst wie­der ver­wor­fen, doch als sie dann ei­nen über­quel­len­den Müll­ei­mer sah, wur­de die Bier­fla­sche „re­ak­ti­viert“. „Ich dach­te, dass ein Müll­ei­mer als Ko­s­tüm nicht so schön ist, da­her wur­de es dann ei­ne schäu­men­de Bier­fla­sche.“

Die zehn prä­sen­tier­ten Kos­tü­me und die 20 wei­te­re Krea­tio­nen, eins vom De­si­gner wer­den am 12. Fe­bru­ar beim Modetee in der Rhein­ter­ras­se prä­sen­tiert.

Phil­ip­pe Ca­rouge,

der Kar­ne­vals­freun­de der ka­tho­li­schen Ju­gend (Ka­kaJu), sieht in die­sem Punkt auch die Ver­ei­ne in der Pflicht, das Pu­bli­kum zu dis­zi­pli­nie­ren. „Wenn es im Saal zu laut wird, ge­he ich da­zwi­schen.“

Aber auch die Men­ge an Büt­ten­red­nern ist rück­läu­fig. „Es wird im­mer schwe­rer, gu­te Leu­te zu fin­den“, sagt Hil­de­gard Dah­men.

Das zei­ge sich auch bei der Viel­falt der Künst­ler. Ty­pen­red­ner, die auf der Büh­ne ei­ne be­stimm­te Kunst­fi­gur an­neh­men, ge­be es im­mer sel­te­ner, wie Jür­gen Hil­ger be­rich­tet. Er selbst stand im Ver­lauf sei­ner Kar­rie­re in ver­schie­de­nen Rol­len wie dem „Ber­gi­schen Lö­wen“, „Schnei­der-Wib­bel“oder zu­letzt als „Dat Fim­männ­chen“auf der Büh­ne. Auch der klas­si­sche Wit­ze­er­zäh­ler tre­te – mit Aus­nah­me von – kaum noch in Er­schei­nung. „Der Hu­mor hat sich ver­än­dert, heu­te ist vor al­lem Stand-up-Come­dy ge­fragt“, so Hil­ger.

Sind Büt­ten­red­ner so­mit ein Aus­lauf­mo­dell? Für die Kar­ne­va­lis­ten un­denk­bar. „Büt­ten­re­den ge­hö­ren zum Brauch­tum“, sagt Hil­de­gard Dah­men. Ka­kaJu-Prä­si­dent Pup­pe pflich­tet ihr bei: „Der Ur­sprung des Kar­ne­vals ist, dass das Volk den Mäch­ti­gen den Spie­gel vor­hält, des­halb soll­te die­ses Kul­tur­gut ge­pflegt wer­den.“

Jür­gen Hil­ger setzt bei der Brauch­tums­pfle­ge auf neue Sit­zungs­for­ma­te.

Mar­kus Krebs

Ein Bei­spiel da­für sei­en die so­ge­nann­ten Flüs­ter­sit­zun­gen, die es zum Bei­spiel in Köln gibt. Dort wird von vorn­her­ein auf gro­ße Par­tys ver­zich­tet. Auch Kar­ne­vals­sit­zun­gen in Thea­tern oder Opern zu ver­an­stal­ten, sei ei­ne gu­te Idee. In Duis­burg fin­det seit ei­ni­gen Jah­ren ei­ne Sit­zung in der Oper statt und wird auch gut be­sucht. Durch die Rei­hen­be­stuh­lung wer­de die Auf­merk­sam­keit des Pu­bli­kums au­to­ma­tisch in Rich­tung Büh­ne ge­lenkt, so Hil­gers. Tho­mas Pup­pe sieht da­bei je­doch Schwie­rig­kei­ten. Zum ei­nen sei­en ihm Sit­zun­gen in Thea­tern oder Opern zu un­kom­mu­ni­ka­tiv, zum an­de­ren wol­le er ver­mei­den, dass sich Kar­ne­val frag­men­tiert. „Es wä­re falsch, wenn es nur noch von­ein­an­der ge­trenn­te Flüs­ter- und Par­ty­sit­zun­gen gä­be.“Bei der Schnup­per­sit­zung der Ka­kaJu, bei der auch vie­le un­be­kann­te Künst­ler auf­tre­ten, ha­be er gu­te Er­fah­run­gen mit Büt­ten­red­nern und auch der Be­reit­schaft der Zu­schau­er zum Zu­hö­ren ge­macht. Am En­de sei aber na­tür­lich auch die Zu­sam­men­set­zung des je­wei­li­gen Pu­bli­kums ent­schei­dend.

Ein wei­te­rer Punkt ist die Ge­win­nung von Nach­wuchs. Zu­dem be­steht das Gros der Red­ner in­zwi­schen aus pro­fes­sio­nel­len Künst­lern, wäh­rend die Men­ge von Ama­teu­ren im­mer wei­ter zu­rück­geht. Ein Pro­jekt, das jun­ge Ta­len­te för­dert, ist „Pänz en de Bütt“, das von und in­iti­iert wur­de. Dort wer­den Kin­der und Ju­gend­li­che von pro­fes­sio­nel­len Coa­ches zu Kar­ne­vals­künst­lern aus­ge­bil­det. Aus Sicht von Hil­de­gard Dah­men ei­ne wich­ti­ge Initia­ti­ve, die mit Teil­neh­mern wie der 14-jäh­ri­gen die erst Kin­der­hop­pe­ditz war und in die­ser Ses­si­on Ju­gendhop­pe­ditz ist, be­reits ei­ni­ge Er­fol­ge fei­ern konn­te. „Doch die Her­aus­for­de­rung ist, die Leu­te bei der Stan­ge zu hal­ten“, so Dah­men. Ir­gend­wann gel­te Kar­ne­val im Freun­des­kreis als un­cool, so­dass sich vie­le Ta­len­te wie­der zu­rück­zie­hen wür­den. Bar­ba­ra Oxen­fort sieht da­für aber noch ei­nen an­de­ren Grund: „Die Leu­te ha­ben kei­ne Zeit mehr.“Die Be­las­tung durch Schu­le oder Aus­bil­dung sei oft sehr hoch, so­dass sich das kar­ne­va­lis­ti­sche En­ga­ge­ment da­mit oft nicht mehr ver­ein­ba­ren las­se. Ab­ge­se­hen da­von bräuch­ten die Nach­wuchs­künst­ler aber auch Büh­nen­er­fah­rung zur Ent­wick­lung. „Die jun­gen Leu­te müs­sen häu­fi­ger ge­bucht wer­den.“Da­bei sieht sie vor al­lem die Kar­ne­vals­ver­ei­ne in der Pflicht, den Ta­len­ten die Chan­ce zu ge­ben, ihr Ta­lent bei Kar­ne­vals­sit­zun­gen un­ter Be­weis zu stel­len – na­tür­lich vor­aus­ge­setzt, dass das Pu­bli­kum auch zu­hört.

Bar­ba­ra Oxen­fort Jo­sef Hin­kel Jana Leh­ne, Da­ni­el Schra­der

RP-FO­TO: AN­NE ORTHEN

Ein Bild, das im Kar­ne­val im­mer sel­te­ner wird: der Auf­tritt von Büt­ten­red­nern wie Jür­gen Hil­ger, hier in der Rol­le als „Dat Fim­männ­chen“.

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