Die Wucht, mit der vie­le auf das Co­ro­na­vi­rus re­agie­ren, ist Aus­druck ei­ner Asym­me­trie der Wahr­neh­mung

Rheinische Post Hilden - - Stimme Des Westens -

Man­cher Le­ser wird sich an Wim Tho­el­kes ZDFShow „Der gro­ße Preis“er­in­nern. Da­mals sa­ßen wir noch in fa­mi­liä­rer Run­de vor dem Fern­se­her und bang­ten mit den Teil­neh­mern. Als die „Ri­si­ko“-Fra­ge kam, hall­te ei­ne dunk­le Stim­me durchs Stu­dio, ver­dun­kel­te sich der Saal, und der Kan­di­dat muss­te ei­nen Teil sei­nes Gut­ha­bens ein­set­zen.

Je­den Tag set­zen wir ei­nen Teil un­se­res wich­tigs­ten Gut­ha­bens – näm­lich un­ser Le­ben – ein, weil un­se­re Exis­tenz al­le paar Me­ter un­ver­meid­lich von Ri­si­ken ver­dun­kelt zu wer­den droht; sie chan­gie­ren zwi­schen lä­cher­lich und dra­ma­tisch. Wir könn­ten auf der Fahrt zur Ar­beit ei­nen Un­fall er­lei­den, uns auf der Trep­pe die Ha­xen bre­chen oder beim Mit­tags­tisch ei­ne Fisch­grä­te ver­schlu­cken. Da­nach könn­te ei­nem der Kol­le­ge ei­ne Tür vor die Na­se schla­gen oder mit un­ge­wa­sche­nen Fin­gern ei­ne von Darm­kei­men be­sie­del­te Pra­li­ne an­bie­ten.

Al­les sehr un­wahr­schein­lich, aber nicht un­denk­bar. Trotz­dem ver­schwen­den wir mit Ge­dan­ken an die­se Pe­ti­tes­sen kei­ne Se­kun­de. Eben­so gleich­gül­tig sind vie­le ge­gen­über ge­fähr­li­che­ren Le­bens­wei­sen: dem Al­ko­hol, den sie trin­ken, den Zi­ga­ret­ten, die sie rau­chen, den Imp­fun­gen, die sie ver­ges­sen, den fet­ti­gen Frit­ten, die sie kon­su­mie­ren, und dem ei­ge­nen Hin­tern, den sie nicht hoch­be­kom­men. Sie ge­ben sich der Il­lu­si­on hin, selbst ge­wähl­te Ri­si­ken steu­ern zu kön­nen. Aber kaum le­sen sie, dass das Co­ro­na­vi­rus in Deutsch­land an­ge­kom­men ist und die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO den in­ter­na­tio­na­len Not­stand aus­ge­ru­fen hat, be­kom­men sie Schnap­p­at­mung. Müs­sen sie sich Atem­schutz­mas­ken be­sor­gen? Be­nö­ti­gen sie Des­in­fek­ti­ons­mit­tel? Und wann reicht die Ach­se des Vi­ra­len von Wu­han nach Düsseldorf?

Das Ver­wun­der­li­che an der ak­tu­el­len La­ge ist, wie schnell wir funk­tio­nie­ren­de Be­rei­che un­se­res Be­wusst­seins eva­ku­ie­ren, um die Leer­räu­me mit dem Stoff ab­zu­fül­len, aus dem die Pa­nik­ma­che ist. Da gibt es nun ein klei­nes Vi­rus, das nicht ge­fähr­li­cher ist als an­de­re Vi­ren, die in den mensch­li­chen Atem­we­gen für Tur­bu­len­zen sor­gen. Mög­li­cher­wei­se gibt es der­zeit Mil­lio­nen Chi­ne­sen, die in­fi­ziert sind, aber kei­ne Sym­pto­me ent­wi­ckeln und nicht bett­lä­ge­rig wer­den, aber trotz­dem für ein paar Ta­ge an­ste­ckend sind. Ei­nen Mo­nat ist der Keim jetzt auf dem Markt, mehr als 200 Men­schen sind ge­stor­ben, knapp 10.000 in­fi­ziert. Aber zu ei­ner un­be­re­chen­ba­ren La­ge wird es höchst­wahr­schein­lich nicht kom­men. Ein tat­säch­li­cher Not­stand könn­te höchs­tens in Län­dern mit schlech­ter Ge­sund­heits­ver­sor­gung ein­tre­ten; die­sen Ge­bie­ten gilt die Sor­ge der WHO und der Tat­sa­che, dass man mitt­ler­wei­le nicht in Chi­na ge­we­sen sein muss, um sich zu in­fi­zie­ren.

Die Wahr­schein­lich­keit, dass uns 2019-nCoV, so der vor­läu­fi­ge Na­me die­ses un­sicht­ba­ren Glo­be­trot­ters, hier­zu­lan­de ernst­haft be­dro­hen kann, ist ver­schwin­dend ge­ring. Trotz­dem wird der­zeit al­les ge­tan, da­mit das Si­cher­heits­be­dürf­nis der Welt ge­sät­tigt wird. Kör­per­scan­ner, Fie­ber­ther­mo­me­ter, Si­cher­heits­zo­nen in Flug­hä­fen – das ist nichts als Kos­me­tik, mit der wir die Tat­sa­che über­schmin­ken, dass an­de­re Krank­hei­ten mit ih­ren töd­li­chen Fol­gen hier­zu­lan­de chro­nisch un­ter­schätzt und aus­ge­blen­det wer­den. Dass wir seit Be­ginn der Grip­pe­sai­son neu­lich, im Ok­to­ber 2019, be­reits knapp 14.000 be­stä­tig­te Fäl­le ha­ben – wer hät­te es ge­wusst? Dass die Zahl noch deut­lich stei­gen wird – wer möch­te es wis­sen? Fast 4000 Men­schen muss­ten im Kran­ken­haus be­han­delt wer­den, knapp 40 Men­schen star­ben be­reits, mit­ten in Deutsch­land. Die Grip­pe­wel­le 2017/18 hat so­gar rund 25.100 Men­schen in Deutsch­land das Le­ben ge­kos­tet. Sind seit­dem mehr Men­schen ge­impft wor­den? Nein.

Das Co­ro­na­vi­rus be­fällt vie­le, tö­tet aber vor­nehm­lich Men­schen, die

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