Der größ­te De­al der Wirt­schafts­ge­schich­te

Am Di­ens­tag jährt sich der Ver­kauf von Man­nes­mann an Vo­da­fo­ne zum 20. Mal. Heu­te steht die deut­sche Vo­da­fo­ne in­ner­halb des Kon­zerns so stark da wie nie.

Rheinische Post Hilden - - Wirtschaft - VON REINHARD KOWALEWSKY

DÜSSELDORF Zu­min­dest ein­mal wur­de in der NRW-Lan­des­haupt­stadt glo­ba­le Wirt­schafts­ge­schich­te ge­schrie­ben: Der Auf­sichts­rat des Tra­di­ti­ons­kon­zerns Man­nes­mann stimm­te am 4. Fe­bru­ar 2000 dem Ver­kauf an den bri­ti­schen Te­le­fon­kon­zern Vo­da­fo­ne zu. 190 Mil­li­ar­den Eu­ro be­trug der Preis per Ak­ti­en­tausch, es war und ist bis heu­te die teu­ers­te Über­nah­me ei­nes Un­ter­neh­mens welt­weit. In der kom­men­den Wo­che jährt sich der Ter­min zum zwan­zigs­ten Mal.

Man­nes­mann hat­te die Über­nah­me pro­vo­ziert. Der 1890 ge­grün­de­te Röh­ren­kon­zern hat­te mit gro­ßem Er­folg ab 1989 ei­ne ei­ge­ne Mo­bil­funk­spar­te auf­ge­baut. Doch im Ok­to­ber 1999 wur­de Vor­stands­chef Klaus Es­ser schon we­ni­ge Mo­na­te nach sei­nem Amts­an­tritt über­mü­tig: Der hoch­in­tel­li­gen­te Ju­rist kün­dig­te nach meh­re­ren an­de­ren Über­nah­men an, auch den bri­ti­schen Mo­bil­fun­ker Oran­ge schlu­cken zu wol­len. Doch weil Es­ser so den größ­ten Mo­bil­funk­kon­zern der Welt, Vo­da­fo­ne, in des­sen Hei­mat­markt her­aus­for­der­te, schlug des­sen Vor­stands­chef Chris Gent zu­rück: Gent bot 100 Mil­li­ar­den Eu­ro für Man­nes­mann, Es­ser wies dies als „völ­lig un­an­ge­mes­sen“zu­rück, drei Mo­na­te be­kämpf­ten sich die Kon­tra­hen­ten, rund 500 Mil­lio­nen Eu­ro kos­te­ten Be­ra­ter und Wer­bung, am En­de zahl­te Vo­da­fo­ne 190 Mil­li­ar­den Eu­ro. Es­ser stimm­te dem Ver­kauf zu und ging.

Schlag­zei­len mach­ten er spä­ter er­neut, als her­aus­kam, dass er 30 Mil­lio­nen Eu­ro Prä­mie kas­siert hat­te. Es­ser so­wie ei­ni­ge Auf­sichts­rä­te wie der da­ma­li­ge Chef der Deut­schen Bank, Jo­sef Acker­mann, ka­men vor Ge­richt, der „spek­ta­ku­lärs­te Wirt­schafts­pro­zess in der Bun­des­re­pu­blik“(Süd­deut­sche Zei­tung) star­te­te. Am En­de kam Es­ser mit ei­ner Geld­bu­ße

von 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro da­von.

20 Jah­re nach der Über­nah­me ist von Man­nes­mann in Düsseldorf und NRW fast nichts mehr üb­rig ge­blie­ben, Vo­da­fo­ne Deutsch­land ist da­ge­gen so stark wie nie. 2013 wur­de der neue Fir­men­cam­pus in Düsseldorf-He­erdt er­öff­net, der frü­he­re Man­nes­mann-Turm am Rhein­ufer war längst nicht so schick.

15.000 Be­schäf­tig­te hat Vo­da­fo­ne Deutsch­land ak­tu­ell, bei Man­nes­mann wa­ren es zu Hoch­zei­ten in der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­spar­te nur rund 7000 Mit­ar­bei­ter.

Deutsch­land ist für Vo­da­fo­ne zum wich­tigs­ten Stand­ort ge­wor­den. In kein an­de­res Land der Welt pump­te der Kon­zern in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr Geld. Für mehr als 20 Mil­li­ar­den Eu­ro wur­den in die­ser Zeit Ka­bel­net­ze auf­ge­kauft. Jetzt kann die hie­si­ge Vo­da­fo­ne die Deut­sche Te­le­kom in fast al­len Städ­ten mit über­le­ge­nen Ka­bel-An­schlüs­sen her­aus­for­dern. Der Witz: Die Stra­te­gie, Fest­netz und Mo­bil­funk ge­mein­sam an­zu­bie­ten, ist ein Man­nes­mann-Ver­mächt­nis, das das Un­ter­neh­men schon bei sei­nem Ab­le­ger Ar­cor prak­ti­zier­te. Vo­da­fo­ne ver­stand sich eher als rei­ner Mo­bil­fun­ker. „Vo­da­fo­ne geht mit dem Fest­netz­ge­schäft sehr in die Of­fen­si­ve“, sagt Tors­ten Ger­pott, Wirt­schafts­pro­fes­sor aus Duis­burg. Han­nes Amets­rei­ter, seit 2015 Chef von Vo­da­fo­ne Deutsch­land, drückt es et­was spek­ta­ku­lä­rer aus: „Wir ma­chen 25 Mil­lio­nen Haus­hal­te be­reit für Gi­ga­bit-Tem­po.“

Wie wich­tig Vo­da­fo­ne Deutsch­land ge­wor­den ist, zeigt sich auch dar­an, dass Amets­rei­ter im Ge­gen­satz zu al­len Amts­vor­gän­gern Mit­glied des er­wei­ter­ten Kon­zern­vor­stan­des in London wur­de. In Düsseldorf sind wich­ti­ge La­bo­re des Kon­zerns wie für das „In­ter­net der Din­ge“. Ein Drit­tel des Grup­pen-Um­sat­zes ent­fällt auf Deutsch­land. In kei­nem Land wird mehr Ge­schäft ge­macht als hier­zu­lan­de, seit Vo­da­fo­ne 2013 sein USA-Ge­schäft auf­gab. „Ich freue mich, dass Vo­da­fo­ne hier so stark ist“, sagt NRW-Wirt­schafts­mi­nis­ter Andre­as Pink­wart (FDP): „Das Un­ter­neh­men treibt den Gi­ga­bi­taus­bau vor­an und leis­tet ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur di­gi­ta­len Er­neue­rung von Wirtschaft und Ge­sell­schaft in NRW.“

Doch so er­freu­lich die Po­si­ti­on von Vo­da­fo­ne hier­zu­lan­de ist, so groß wa­ren da­mals auch die Aus­wir­kun­gen vor 20 Jah­ren: Um Geld für die Über­nah­me auf­zu­trei­ben, wur­den al­le Ak­ti­vi­tä­ten jen­seits der Te­le­fo­nie ab­ge­sto­ßen. So wan­der­te das Röh­ren­ge­schäft an Salz­git­ter, Lu­xus­uh­ren an Ri­che­mont aus Süd­afri­ka, das In­dus­trie­ge­schäft ging an Sie­mens, mehr als 100.000 Ar­beit­neh­mer wech­sel­ten den Ar­beit­neh­mer. „Wir wur­den zer­rupft und zer­schla­gen“, sag­te ein Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter da­zu.

Zur Wahr­heit ge­hört aber auch: Selbst wenn Man­nes­mann un­ab­hän­gig ge­blie­ben wä­re, hät­te der Vor­stand auch fast al­le In­dus­trie­ge­schäf­te ab­ge­ge­ben. „Wir woll­ten die Trans­for­ma­ti­on, nicht nur die Di­ver­si­fi­ka­ti­on“, sagt Klaus Es­ser En­de Ja­nu­ar im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Wir hät­ten das Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­schäft und die In­dus­trie­be­rei­che so­wie­so von­ein­an­der ge­trennt“, er­gänzt er. Der ver­hei­ra­te­te Va­ter zwei­er Kin­der lebt nun in Mün­chen, wo er frü­her stu­diert hat­te. „Düsseldorf war gut zum Ar­bei­ten und auch ei­ne schö­ne Stadt“, sagt er, „aber die jet­zi­ge Pha­se des Le­bens sind wir lie­ber in Mün­chen.“Es­ser ist mit 72 Jah­ren Auf­sichts­rats­chef des Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens Com­puGroup Me­di­ca aus Ko­blenz, das Soft­ware für den Ge­sund­heits­be­reich ent­wi­ckelt.

Bei der Über­nah­me ver­füll­ten sich ei­ni­ge Träu­me von Vo­da­fo­ne nicht. Der Preis von 190 Mil­li­ar­den Eu­ro er­gab sich nur aus der Hoff­nung, mit mo­bi­len In­ter­net­diens­ten viel Geld ver­die­nen zu kön­nen. Tat­säch­lich wer­den die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze von Vo­da­fo­ne, Te­le­kom und Co. so in­ten­siv ge­nutzt wie nie, doch gro­ßes Geld ma­chen da­mit eher App­le, Goog­le, Face­book und an­de­re US-Kon­zer­ne. „Die On­li­ne­kon­zer­ne und App­le er­wirt­schaf­ten mit re­la­tiv nied­ri­gen In­ves­ti­tio­nen sehr ho­he Mar­gen“, sagt Ex­per­te Ger­pott: „Die Te­le­fon­kon­zer­ne müs­sen da­ge­gen viel mehr in­ves­tie­ren.“

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