„Keller woll­te die Li­nie 708 ab­schaf­fen“

Der grü­ne Spit­zen­kan­di­dat über den CDU-Her­aus­for­de­rer Ste­phan Keller und die Ver­kehrs­po­li­tik.

Rheinische Post Hilden - - Fakten & Hintergrun­d - VON UWE-JENS RUHNAU

Ste­fan Engstfeld sitzt im Zug, als wir ihn am Frei­tag er­rei­chen. Er fährt von Schott­land nach London. Es ist der Tag, da Groß­bri­tan­ni­en und Nord­ir­land die EU ver­las­sen. Der grü­ne Spit­zen­kan­di­dat für die OBWahl ist Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Vor­sit­zen­der der En­que­te-Kom­mis­si­on zum Br­ex­it.

Herr Engstfeld, Ste­phan Keller wird Spit­zen­kan­di­dat der CDU bei der Kom­mu­nal­wahl. Wie schät­zen Sie ihn als Geg­ner ein?

ENGSTFELD Zu­nächst mag ich das Wort Geg­ner nicht. Wir ken­nen uns und ich kom­me mit ihm zwi­schen­mensch­lich gut klar. Aber wir sind po­li­ti­sche Kon­kur­ren­ten, eben­so wie SPD-Kan­di­dat und Amts­in­ha­ber Tho­mas Gei­sel und FDP-Kan­di­da­tin Ma­rie-Ag­nes Strack-Zim­mer­mann. Gut fin­de ich, dass die Düs­sel­dor­fe­rin­nen und Düs­sel­dor­fer bei der OB-Wahl nun ei­ne wirk­li­che Aus­wahl ha­ben – zwi­schen vier völ­lig un­ter­schied­li­chen Per­sön­lich­kei­ten mit ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen und Po­li­tik­sti­len.

Wie wol­len Sie ihn schla­gen? ENGSTFELD Wie ge­sagt, gibt es vier Kan­di­da­ten. Ich fin­de, Düsseldorf soll­te nicht wie ein Groß­kon­zern ge­ma­nagt, ein­fach sto­isch ver­wal­tet oder gar im­mer nur schlecht ge­re­det wer­den. Düsseldorf ist un­se­re Hei­mat, die wir lie­ben, und so müs­sen wir sie auch be­han­deln und re­gie­ren. Mit­ein­an­der statt ge­gen­ein­an­der. Ich ste­he für ei­ne ech­te Ver­kehrs­wen­de, die Ver­bin­dung von Öko­lo­gie und be­zahl­ba­rem Wohn­raum, so­wie für die Ein­heit von Wirtschaft und Um­welt.

Keller will die Um­welt­spu­ren ab­schaf­fen. Ei­ne rich­ti­ge Maß­nah­me? ENGSTFELD Das blo­ße Ab­schaf­fen von et­was ist ja noch lan­ge kein Kon­zept – schon gar nicht für das so wich­ti­ge The­ma ei­ner ech­ten Ver­kehrs­wen­de, die wir brau­chen, um nicht am Ver­kehr zu er­sti­cken. Auch wirk­sa­me kurz­fris­ti­ge Al­ter­na­ti­ven nennt Keller nicht. Oder will er wie in Köln Pfört­ner­am­peln?

Aber die Grü­nen im Stadt­rat ha­ben auch mit dem Ge­dan­ken ge­spielt, für die Um­welt­spu­ren ein Mo­ra­to­ri­um zu be­schlie­ßen.

ENGSTFELD Ja, wir sind mit der Um­set­zung und der Kom­mu­ni­ka­ti­on der drit­ten

Um­welt­spur sehr un­zu­frie­den. Hier wur­de der drit­te Schritt vor dem ers­ten und zwei­ten ge­macht.

Zum Bei­spiel fehlt es noch an Park-and-Ri­de-Plät­zen und wei­te­ren Pend­ler-Bus­sen. Auch hät­ten die Nach­bar­städ­te und -ge­mein­den mit ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Die Stadt­spit­ze hat bei der Ver­kehrs­wen­de erst viel zu we­nig, und dann die Din­ge zu hek­tisch an­ge­packt. Da­durch ent­stan­den vie­le hand­werk­li­che Feh­ler. Da möch­te ich als OB ei­nen an­de­ren Po­li­tik­stil pfle­gen.

Keller kri­ti­siert, dass sich seit der Er­öff­nung der Wehr­hahn­li­nie in Düsseldorf für den ÖPNV kaum et­was ge­tan hat. Hat er recht? ENGSTFELD Da soll­te er vor­sich­tig sein. Es ist auf je­den Fall mehr in Rich­tung Wachs­tum und Fort­schritt pas­siert als in den Jah­ren der CDU-FDP-Re­gie­rung in die­ser Stadt. Im Üb­ri­gen: Wir ha­ben mit der Am­pel die Li­nie 708 ge­ret­tet, die er als Ver­kehrs­de­zer­nent ab­schaf­fen woll­te.

Keller sagt, OB Gei­sel und die Am­pel, zu der ja die Grü­nen ge­hö­ren, hät­ten ver­kehrs­po­li­tisch den Of­fen­ba­rungs­eid ge­leis­tet. Konn­ten die Grü­nen im Stadt­rat in dem Punkt nicht mehr er­rei­chen?

ENGSTFELD Ich fin­de es mu­tig, der Am­pel ei­nen Of­fen­ba­rungs­eid vor­zu­wer­fen, wenn zeit­gleich Kel­lers Par­tei­freun­de et­wa Park­ge­büh­ren für Fahr­rä­der in der In­nen­stadt for­dern. In der Am­pel ha­ben wir als Grü­ne viel er­reicht: Gro­ße Tei­le des Rad­haupt­net­zes sind be­schlos­sen, bes­se­re Tak­te für Bus­se und Bah­nen eben­so. Die Um­set­zung ist das Pro­blem und da­für ist ne­ben SPD-OB Gei­sel auch der ehe­ma­li­ge Ver­kehrs­de­zer­nent Keller ver­ant­wort­lich. Für ei­ne ech­te Ver­kehrs­wen­de braucht es aber Mut und neue Im­pul­se von der Stadt­spit­ze.

Im neu­en Stadt­rat könn­te es zu ei­ner schwarz-grü­nen Mehr­heit kom­men. Wä­re Keller da­für ein gu­ter Part­ner, soll­te er – was Sie ja ver­hin­dern wol­len – OB wer­den? ENGSTFELD Ich bin mir si­cher, dass ich als ers­ter grü­ner Ober­bür­ger­meis­ter Düs­sel­dorfs gut mit dem Köl­ner Stadt­di­rek­tor Keller zu­sam­men ar­bei­ten kann, um die re­gio­na­le Zu­sam­men­ar­beit wie­der in ver­trau­ens­vol­le Bah­nen zu len­ken.

Wo se­hen Sie Schnitt­men­gen zwi­schen Grü­nen und CDU? ENGSTFELD Das müs­sen die Wahl­pro­gram­me zei­gen, die von den Par­tei­en und ih­ren Mit­glie­dern der­zeit er­ar­bei­tet wer­den.

Beim Woh­nungs­bau macht sich der CDU-Kan­di­dat für Qua­li­tät und ei­nen Schutz der

Frei­räu­me stark. Wie se­hen Sie das? ENGSTFELD Ich set­ze dar­auf, dass sich Qua­li­tät und Be­zahl­bar­keit eben­so we­nig wi­der­spre­chen, wie be­zahl­ba­rer und en­er­ge­tisch op­ti­mier­ter Wohn­raum. Woh­nen ist ein Grund­recht. Be­zahl­ba­rer Wohn­raum ist aber wei­ter Man­gel­wa­re in Düsseldorf. Egal ob für Jung oder Alt, Singles oder Fa­mi­li­en: Woh­nen ist zur zen­tra­len Ge­rech­tig­keits­fra­ge bei uns ge­wor­den. Pro­jek­te, die von ei­nem In­ves­tor an den nächs­ten ver­kauft wer­den und am En­de fast nur Lu­xus­woh­nun­gen her­vor­brin­gen, sind ge­nau­so we­nig ei­ne Lö­sung wie Hoch­häu­ser, die Frisch­luft­schnei­sen ver­bau­en. Das ist nicht un­ser Düsseldorf. Hier brau­chen wir neue Ide­en, um dem Ver­drän­gungs­wett­be­werb und Grund­stücks­spe­ku­la­tio­nen wirk­sam zu be­geg­nen.

Keller sagt, Düsseldorf wird un­ter Wert re­giert. OB Gei­sel kom­me mit der Rats­mehr­heit nicht zu­recht, sie stim­me oft ge­gen ihn. Wie lau­tet Ih­re Ana­ly­se in die­sem Punkt? ENGSTFELD Ich glau­be, Gei­sel kommt mit an­de­ren Mei­nun­gen nicht zu­recht und be­zieht da­her oft nie­man­den – we­der Be­trof­fe­ne, noch an­de­re Frak­tio­nen, noch Ex­per­ten aus der Ver­wal­tung – im Vor­feld in sei­ne Ent­schei­dun­gen ein. Ich ha­be ei­nen an­de­ren Stil: Zeit neh­men, Zu­hö­ren, zu­sam­men an­pa­cken. Mit Re­spekt vor an­de­ren Mei­nun­gen und dem Ziel, schein­ba­re Ge­gen­sät­ze zu ei­ner neu­en Lö­sung zu kom­bi­nie­ren. Da­für ste­he ich.

Auch als Ober­bür­ger­meis­ter möch­te Keller oft mit dem Fahr­rad fah­ren. Da be­kom­men Sie ja Kon­kur­renz, oder ra­deln Sie mehr? ENGSTFELD Ich ma­che es wie wahr­schein­lich vie­le Düs­sel­dor­fe­rin­nen und Düs­sel­dor­fer: Ich rad­le, ge­he zu Fuß, fah­re Bus, Bahn und Ta­xi oder lei­he mir bei Be­darf ein Car­sha­rin­gAu­to. Die Mo­bi­li­tät ei­nes OB soll­te kein Wett­streit sein, son­dern in­tel­li­gent und ge­sund – und die Po­li­tik muss die Vor­aus­set­zun­gen da­für schaf­fen.

FOTO:ANDREASBRE­TZ

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