Das be­deu­tet der Ärz­te-Streik für Pa­ti­en­ten

Bun­des­weit le­gen Me­di­zi­ner an Uni­k­li­ni­ken die Ar­beit nie­der. Das be­ein­träch­tigt vie­ler­orts den Kli­nik-Be­trieb. Grund für den Warn­streik sind fest­ge­fah­re­ne Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Vie­le Ärz­te füh­len sich über­ar­bei­tet – und igno­riert.

Rheinische Post Hilden - - Wirtschaft - VON CHRISTIAN KANDZORRA

DÜSSELDORF Die Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund macht Ernst: Für die­sen Di­ens­tag hat sie Ärz­te bun­des­weit zu ei­nem Warn­streik auf­ge­ru­fen. Das hat Aus­wir­kun­gen auch auf die Be­hand­lung von Pa­ti­en­ten in Uni­k­li­ni­ken. Wir be­ant­wor­ten die wich­tigs­ten Fra­gen:

Wer ge­nau streikt?

Auf­ge­ru­fen sind Me­di­zi­ner an 23 Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken, die vom Mar­bur­ger Bund ver­tre­ten wer­den. Der Mar­bur­ger Bund ist die größ­te Ärz­te­ver­ei­ni­gung in Eu­ro­pa und ver­tritt bun­des­weit 70 Pro­zent al­ler Kran­ken­haus­ärz­te. In NRW sind sechs Uni­k­li­ni­ken vom Streik be­trof­fen: Aachen, Bonn, Düsseldorf, Es­sen, Köln und Müns­ter. Hier­zu­lan­de sind 6000 Ärz­te auf­ge­ru­fen, ih­re Ar­beit für ei­nen Tag nie­der­zu­le­gen. Die Ge­werk­schaft rech­net mit meh­re­ren Hun­dert Teil­neh­mern. So dürf­ten sich der Ein­schät­zung ei­nes Ge­werk­schafts­spre­chers al­lein 80 bis 100 Ärz­te der Uni­k­li­nik Düsseldorf an dem Streik be­tei­li­gen. Dort sind – ähn­lich wie bei den an­de­ren Uni­k­li­ni­ken in NRW – rund 1000 Ärz­te be­schäf­tigt.

Was be­deu­tet das für Pa­ti­en­ten?

In be­stimm­ten Fäl­len müs­sen Pa­ti­en­ten mit län­ge­ren War­te­zei­ten oder gar da­mit rech­nen, dass ih­re Be­hand­lung ver­scho­ben wird. Dies kön­ne Pa­ti­en­ten be­tref­fen, „de­ren Be­hand­lung me­di­zi­nisch ver­tret­bar ver­scho­ben wer­den kann“, sag­te ein Spre­cher des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Köln auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. In Köln und an­de­ren­orts gilt die Akut­ver­sor­gung von Pa­ti­en­ten je­doch als si­cher­ge­stellt. Zum Teil ha­ben die Kli­ni­ken mit Ver­tre­tern des Mar­bur­ger Bunds Not­dienst­plä­ne ver­ein­bart. Die Uni­k­li­nik Bonn et­wa rech­net da­mit, dass der Be­trieb

„ge­re­gelt wei­ter­läuft“. „Wir ge­hen da­von aus, dass die An­zahl der Teil­neh­mer un­ter un­se­ren Be­schäf­tig­ten im nied­ri­gen Pro­zent­be­reich liegt“, er­klär­te ei­ne Spre­che­rin. Aus dem Düs­sel­dor­fer Uni­k­li­ni­kum hieß es: „Wir bit­ten al­le Pa­ti­en­ten, die für den 4. Fe­bru­ar ein­be­stellt sind, nor­mal zu ih­rem Ter­min zu kom­men – auch bei ge­plan­ten OP-Ter­mi­nen.“

War­um strei­ken die Ärz­te?

Vie­le Me­di­zi­ner füh­len sich über­ar­bei­tet und mehr­fach be­las­tet. Das er­gab ei­ne Mit­glie­der­be­fra­gung des Mar­bur­ger Bun­des 2019. So soll ein Drit­tel der be­frag­ten Uni­k­li­nik-Ärz­te an­ge­ge­ben ha­ben, im Schnitt 60 St­un­den und mehr pro Wo­che zu ar­bei­ten.

Laut Ge­werk­schaft rau­be die ho­he Zahl der Nacht- und Wo­chen­end­diens­te den Ärz­ten die Zeit für Er­ho­lung, kör­per­li­chen Aus­gleich und Fort­bil­dun­gen. Ei­ni­ge Ärz­te füh­len sich der Ge­werk­schaft zu­fol­ge vom Ver­hand­lungs­geg­ner, der Ta­rif­ge­mein­schaft deut­scher Län­der, igno­riert und sind des­halb wü­tend. Die Ta­rif­ge­mein­schaft „hat sich in den bis­he­ri­gen zwei Ver­hand­lungs­run­den taub ge­stellt. Zeit­wei­lig ver­mit­tel­te die Ar­beit­ge­ber­sei­te den Ein­druck, als be­trach­te sie die Über­last in den Kli­ni­ken als in­di­vi­du­el­les Pro­blem der Ärz­te“, sag­te Ge­werk­schafts­vi­ze Andre­as Botz­lar. Jetzt wol­len die Ärz­te ih­ren For­de­run­gen Nach­druck ver­lei­hen.

Was sind die For­de­run­gen der Ärz­te­ver­tre­tung?

Der Tag des Streiks ist kei­nes­falls zu­fäl­lig ge­wählt: Am Di­ens­tag­nach­mit­tag tref­fen sich Ver­tre­ter bei­der Ta­rif­par­tei­en zu ei­ner drit­ten Ver­hand­lungs­run­de in Han­no­ver. Bun­des­weit star­ten von 23 Uni­k­li­ni­ken aus Rei­se­bus­se dort­hin – Hun­der­te Ärz­te wol­len an ei­ner Kund­ge­bung teil­neh­men. Der Mar­bur­ger Bund strebt ei­ne Re­form an: Be­reit­schafts­diens­te sol­len be­grenzt, Di­enst­plä­ne ver­läss­lich ge­stal­tet und die Ar­beits­zei­ten ma­ni­pu­la­ti­ons­frei er­fasst wer­den. „Au­ßer­dem for­dert der Mar­bur­ger Bund sechs Pro­zent mehr Ge­halt be­zo­gen auf ein Jahr und ei­ne Neu­re­ge­lung des Zu­satz­ur­lau­bes für Nacht­ar­beit“, sag­te Ge­werk­schafts­spre­cher Micha­el Helm­kamp, der von ei­nem „ho­hen Ver­ständ­nis un­ter Pa­ti­en­ten für den Streik“spricht. Helm­kamp zu­fol­ge wis­sen vie­le Pa­ti­en­ten um die Ar­beits­be­din­gun­gen ih­rer Ärz­te.

Wie re­agiert die Ge­gen­sei­te?

Ver­hand­lungs­füh­rer auf Sei­ten der Ta­rif­ge­mein­schaft deut­scher Län­der ist der nie­der­säch­si­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Rein­hold Hil­bers (CDU). Ein Spre­cher des Mi­nis­te­ri­ums be­stä­tig­te auf An­fra­ge, dass die Ge­sprä­che mit dem Mar­bur­ger Bund im De­zem­ber oh­ne Er­geb­nis ver­tagt wur­den. „Ins­be­son­de­re auf­grund der Kom­ple­xi­tät der For­de­run­gen war ei­ne Ei­ni­gung zum En­de des Jah­res nicht mög­lich“, hieß es. Es gin­ge auch um struk­tu­rel­le Fra­ge­stel­lun­gen wie Ar­beits­zei­ten und Wo­che­n­end­ar­beit, bei de­nen es gel­te, auch die In­ter­es­sen der Län­der zu be­ach­ten. Ei­ne Ei­ni­gung sei erst dann in Sicht, wenn bei­de Par­tei­en ei­nen Kom­pro­miss ge­fun­den hät­ten – da­für näh­men sich bei­de Sei­ten die er­for­der­li­che Zeit. Im De­tail woll­te sich das Mi­nis­te­ri­um zu den For­de­run­gen nicht äu­ßern.

ARCHIVFOTO: DA­NI­EL NAUPOLD/DPA

Am Ein­gang ei­ner Kli­nik hängt ein Schild des Mar­bur­ger Bun­des mit der Auf­schrift „Die­se Kli­nik wird be­streikt!“. Der Warn­streik die­sen Di­ens­tag dürf­te vie­ler­orts Aus­wir­kun­gen auf den Kli­nik-Be­trieb ha­ben.

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