Eu­ro­pas Tand zu Kunst ge­macht

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Kultur - VON CLE­MENS HEN­LE

Im Aus­stel­lungs­raum „Da in die Front“in Flin­gern be­schäf­ti­gen sich Künst­ler mit Skulp­tu­ren.

In Brüs­sel fin­det täg­lich das­sel­be Schau­spiel statt. Auf dem Platz „Jeu de Bal­le“bau­en früh am Mor­gen Tröd­ler aus ganz Eu­ro­pa Stän­de mit Tand, ge­tra­ge­ner Klei­dung, An­ti­qui­tä­ten, Bü­chern und al­ler­lei Krims­krams aus Haus­halts­auf­lö­sun­gen auf. Seit 1873 be­steht die­ser Floh­markt. Ge­gen Mit­tag räu­men die Händ­ler ih­re Stän­de auf und stel­len Über­bleib­sel, Be­schä­dig­tes, Un­voll­stän­di­ges und Res­te zum kos­ten­lo­sen Mit­neh­men auf den Platz. Der „Jeu de Bal­le“wird so für kur­ze Zeit zu ei­nem an­ar­chi­schen Tum­mel­feld, auf dem wah­re Schät­ze ne­ben Nutz­lo­sem und Zer­bro­che­nem lie­gen. In die dann herr­schen­de Gold­grä­ber­stim­mung drin­gen nach ei­ni­ger Zeit Rei­ni­gungs­ma­schi­nen, die den Platz säu­bern und al­le Über­res­te ent­fer­nen, be­vor das Trei­ben am nächs­ten Tag wie­der von vor­ne los­geht.

Mit die­sem so­ge­nann­ten Ma­gen Eu­ro­pas be­schäf­ti­gen sich die bei­den Künst­ler Jur­gen Ots und Chris­toph Wes­ter­mei­er in ih­rer gleich­na­mi­gen Ausstellun­g. In dem klei­nen tem­po­rä­ren Aus­stel­lungs­raum „Da in die Front“, gut ver­steckt in ei­nem Hin­ter­hof an der Bir­ken­stra­ße, zei­gen die Künst­ler Ob­jek­te, die sie auf dem Markt ge­fun­de­ne ha­ben. Mit­tig im Raum steht ei­ne In­stal­la­ti­on in Ma­gen­form, be­spannt mit vom Markt mit­ge­nom­me­nem Kunst­le­der und klei­nen Raum­tren­nern von ei­ner Bü­ro­auf­lö­sung. „Ein­zel­han­dels­ar­cheo­lo­gie“nennt der Bel­gi­er Ots das, was er täg­lich auf dem Markt mit­nimmt und was Chris­toph Wes­ter­mei­er fo­to­gra­fisch fest­hält. Be­son­ders fas­zi­nie­rend ist ein Kas­ten mit Kar­tei­kar­ten. Fein säu­ber­lich sind dort Fotos von Wer­be­an­zei­gen, Fa­mi­li­en­fo­tos, Post­kar­ten und Aus­ris­se zu se­hen. So er­gibt sich ein wun­der­ba­rer Ein­blick in die eu­ro­päi­sche All­tags­kul­tur mit manch­mal sehr pri­va­ten Fotos aus ei­ner sehr an­de­ren Zeit.

Mit die­ser kon­zep­tio­nel­len Her­an­ge­hens­wei­se bleibt „Der Ma­gen Eu­ro­pas“weit weg von der land­läu­fi­gen Floh­markt-Ro­man­tik. An den Wän­den hän­gen von Ots in müh­sa­mer Klein­ar­beit ge­mach­te Ob­jek­te. Mit an­ein­an­der­ge­reih­ten Pa­pier­schnip­seln

aus al­ten Fo­to­al­ben hat Ots ei­ne wei­ße Lein­wand mit die­sen weiß mä­an­dern­den Bah­nen ge­stal­tet. Von der Wand ra­gen da­zu ei­ne gel­be Plas­tik­mas­ke und zwei Hal­ter her­aus, aus ei­nem an­de­ren Bild ein über­di­men­sio­nier­ter schwar­zer Gum­mi-Dil­do.

Der Künst­ler und Haus­herr von „Da in die Front“, Mat­thi­as Gro­tevent, be­schäf­tigt sich in ei­ner Aus­stel­lungs­rei­he mit Sta­tu­en. Da­zu hat er sehr un­ter­schied­li­che Künst­ler ein­ge­la­den, de­ren Ar­bei­ten zwi­schen Fi­gu­ra­ti­vem und Abs­trak­tem al­les ab­de­cken. Wäh­rend Ca­mil­lo Grewe und Pe­ter Ewig bild­haue­risch und plas­tisch mit der Auf­ga­ben­stel­lung um­ge­gan­gen sind, gab es bei

Chris­ti­ne Mold­rickx ei­ne Vi­deo­in­stal­la­ti­on zu se­hen. Die Düs­sel­dor­fer Künst­le­rin An­ge­la Fet­te wie­der­um zeigt in für sie un­ge­wöhn­li­chen Grau­stu­fen im Raum hän­gen­de Lein­wän­de mit der Sphinx als klas­si­sche Sta­tue.

Bild­hau­er Gro­tevent sieht sich da­bei nicht als Ku­ra­tor von „Da in die Front“. Für ihn ist die Be­reit­stel­lung des Aus­stel­lungs­raums Teil sei­ner künst­le­ri­schen Pra­xis. An des­sen En­de soll ein Buch über die Sta­tue in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst ste­hen. Den Ti­tel für die Rei­he, die zugleich den Raum be­nennt, hat er üb­ri­gens ei­nem wis­sen­schaft­li­chen Ar­ti­kel ent­nom­men: „da in­stink­tiv die Fron­tal­an­sicht do­mi­niert“stand dort über die Sta­tue. Die letz­te Ausstellun­g wird vom Düs­sel­dor­fer Ma­ler Re­né Spit­zer ge­stal­tet.

Ei­ne klas­si­sche Fron­tal­an­sicht auf die Sta­tue gibt es bei Ots und Wes­ter­mei­er nicht. Viel­mehr wer­den die auf dem Floh­markt ge­fun­de­nen Ge­gen­stän­de bild­haue­risch und fo­to­gra­fisch neu an­ge­ord­net. Die Idee des „Jeu de Bal­le“als Ma­gen Eu­ro­pas, der die Über­bleib­sel der eu­ro­päi­schen All­tags­kul­tur ver­daut, ist da­bei sehr an­schau­lich. Jur­gen Ots und Chris­toph Wes­ter­mei­er hin­ge­gen ret­ten ei­ni­ge Ar­te­fak­te vor der Ver­dau­ung und er­hal­ten sie für die Nach­welt.

In­fo Da in die Front, Bir­ken­stra­ße 61, Hin­ter­hof, 1. Eta­ge. Öff­nungs­zei­ten: je­den Sams­tag bis zum 29. Fe­bru­ar von 11 bis 14 Uhr und nach Ver­ein­ba­rung; per E-Mail an: da­in­[email protected]­tevent.com

FOTO: AN­NE ORTHEN

Künst­ler Jur­gen Ots und Chris­toph Wes­ter­mei­er so­wie Mat­thi­as Gro­tevent (v.l.), der den Aus­stel­lungs­raum „Da in die Front“be­treibt.

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