Das Be­ben in Er­furt bringt die Uni­on in Not

Die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­wahl in Thü­rin­gen wird Aus­wir­kun­gen auf den Bund ha­ben, mög­li­cher­wei­se auch auf den Be­stand der Groko.

Rheinische Post Hilden - - Politik - VON BIR­GIT MARSCHALL

BER­LIN/ER­FURT Mit ver­stei­ner­ter Mie­ne ver­nimmt Bo­do Ra­me­low das Er­geb­nis der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­wahl im Er­fur­ter Land­tag. Auf ihn ent­fal­len 44 Stim­men, sagt Land­tags­prä­si­den­tin Bir­git Kel­ler (Lin­ke). Und dann folgt die Sen­sa­ti­on. Der Kan­di­dat der kleins­ten Frak­ti­on im Land­tag, Tho­mas Kem­me­rich von der FDP, er­hält 45 Stim­men. Ra­me­low blin­zelt, schüt­telt un­gläu­big den Kopf, je­mand klopft ihm trös­tend auf die Schul­ter. Kel­ler fragt Kem­me­rich nur Se­kun­den spä­ter: „Neh­men Sie die Wahl an?“Und der sagt nur: „Ja.“

Ra­me­low, der mit Ab­stand be­lieb­tes­te Po­li­ti­ker Thü­rin­gens, ist in die­sem Mo­ment um kurz nach halb zwei nicht mehr Mi­nis­ter­prä­si­dent. Er wur­de in ge­hei­mer Ab­stim­mung ab­ge­wählt von den Ab­ge­ord­ne­ten der CDU, der FDP – und der AfD. Die brei­te Mehr­heit der CDU-Ab­ge­ord­ne­ten hat sich ent­schie­den, im drit­ten und ent­schei­den­den Durch­gang den FDP-Kan­di­da­ten zu wäh­len, bei dem das Ri­si­ko be­stand, dass ihn auch die AfD un­ter­stüt­zen könn­te. Fast ge­schlos­sen gin­gen CDU und FDP in die­se tak­ti­sche Fal­le der Rechts­po­pu­lis­ten: Für den ei­ge­nen Kan­di­da­ten, den par­tei­lo­sen eh­ren­amt­li­chen Bür­ger­meis­ter der 350-See­len-Ge­mein­de Sund­hau­sen, Chris­toph Kin­der­va­ter, stimm­te kein ein­zi­ger der 22 AfD-Ab­ge­ord­ne­ten.

Die Wahl Kem­me­richs löst ein po­li­ti­sches Erd­be­ben weit über die Gren­zen Thü­rin­gens hin­aus aus. Sie wird Aus­wir­kun­gen auf die Bun­des­par­tei­en ha­ben, mög­li­cher­wei­se auch auf den Be­stand der gro­ßen Ko­ali­ti­on in Ber­lin. Ent­ge­gen ih­rer Be­schluss­la­ge hat die CDU nun doch ge­mein­sa­me Sa­che mit der AfD ge­macht. Für die FDP dürf­ten die Fol­gen nicht min­der gra­vie­rend sein. Auch bei ihr ist die Brand­mau­er zur AfD ge­bro­chen.

Selbst Tho­mas Kem­me­rich, ein aus Aa­chen stam­men­der 54-jäh­ri­ger Un­ter­neh­mer, scheint von sei­ner Wahl über­rascht zu sein. Er hat we­der ei­ne Re­de vor­be­rei­tet noch ver­fügt er über ei­ne Re­gie­rungs­mann­schaft, ge­schwei­ge denn über ein Pro­gramm. Nach der Wahl wer­den kei­ne Mi­nis­ter er­nannt. Auch ei­ne Ka­bi­netts­sit­zung fin­det nicht statt.

Erst zwei St­un­den nach sei­ner Wahl hält er im Land­tag ei­ne An­spra­che. „Wer Kem­me­rich ge­wählt hat, hat ei­nen er­bit­ter­ten Geg­ner von al­lem ge­wählt, das auch nur den Hauch von Fa­schis­mus auf­weist“, er­klärt er und ern­tet spöt­ti­sches Ge­läch­ter aus den Rei­hen von Rot-Rot-Grün. „Ich bin An­ti-AfD, An­ti-Hö­cke“, sagt Kem­me­rich. Die „Brand­mau­ern“ge­gen­über der AfD blie­ben be­ste­hen. Bei der Re­gie­rungs­bil­dung sei „an­ge­dacht“, auch Ex­per­ten zu be­ru­fen, die den Par­tei­en na­he stün­den.

Kem­me­rich for­dert CDU, SPD und Grü­ne auf, mit ihm zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. SPD und Grü­ne dürf­ten dem schwer­lich fol­gen. „Wir wer­den kei­ner­lei Ka­bi­netts­an­ge­bo­te von Herrn Kem­me­rich an­neh­men“, sagt SPD-Frak­ti­ons­chef Mat­thi­as Hey. Kem­me­rich könn­te zwar mit der Uni­on ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung bil­den, die aber noch we­ni­ger Rück­halt hät­te, als sie Ra­me­low mit ei­nem rot-rot-grü­nen Bünd­nis ge­habt hät­te. Den­noch ist klar: Kem­me­rich wird nicht zu­rück­tre­ten und Neu­wah­len aus­lö­sen – zu­min­dest nicht un­mit­tel­bar.

Die Par­tei­zen­tra­len von CDU und FDP in Ber­lin brau­chen St­un­den, bis sie end­lich re­agie­ren. FDPChef Christian Lind­ner ist im­mer­hin schnel­ler als die Uni­on. Lind­ner ap­pel­liert wie Kem­me­rich an Uni­on, SPD und Grü­ne, mit der FDP in Thü­rin­gen zu ko­ope­rie­ren. Soll­ten sich die drei Par­tei­en dem „fun­da­men­tal ver­wei­gern, dann wä­ren bal­di­ge Neu­wah­len aus mei­ner Sicht nö­tig“, sagt Lind­ner. FDP-Vi­ze Wolf­gang Ku­bi­cki er­in­nert Rot-Rot-Grün noch dar­an, dass die drei Par­tei­en vor der Wahl selbst ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung bil­den woll­ten, die auf Un­ter­stüt­zung von an­de­ren an­ge­wie­sen ge­we­sen wä­re.

Die CDU schickt ih­ren Ge­ne­ral­se­kre­tär Paul Zie­mi­ak we­nig spä­ter vor. Der greift die FDP scharf an. Die ha­be „un­ser gan­zes Land in Brand ge­steckt“, sagt er. Aber auch CDU-Ab­ge­ord­ne­te in Thü­rin­gen hät­ten bil­li­gend in Kauf ge­nom­men, dass ein Mi­nis­ter­prä­si­dent mit Stim­men „von Na­zis“ge­wählt wer­den konn­te. Das sei kei­ne Grund­la­ge für ei­ne sta­bi­le Re­gie­rung oder für ei­ne bür­ger­li­che Po­li­tik. „Das Bes­te wä­ren Neu­wah­len“, schließt Zie­mi­ak.

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er braucht lan­ge, bis sie von sich hö­ren lässt. In ih­rer Par­tei brennt es, weil Lan­des­chef Mi­ke Mohring ent­ge­gen al­len Ab­spra­chen nicht ver­hin­dert hat, dass ein Mi­nis­ter­prä­si­dent mit den Stim­men von Uni­on und AfD ins Amt kommt. Die Thü­rin­ger CDU-Frak­ti­on ha­be „aus­drück­lich ge­gen die Emp­feh­lun­gen, For­de­run­gen und Bit­ten der Bun­des­par­tei“ge­han­delt, sagt sie. Am Abend „emp­fiehlt“das Par­tei­prä­si­di­um ein­stim­mig Neu­wah­len.

Für die SPD hat das Stimm­ver­hal­ten der CDU Fol­gen für die gro­ße Ko­ali­ti­on. Die Wahl sei ab­ge­kar­tet und müs­se kor­ri­giert wer­den, twit­tert Par­tei­che­fin Sas­kia Es­ken. Man ha­be drin­gen­de Fra­gen an die CDU. Auch Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz (SPD) ver­langt schnel­le Ant­wor­ten. Es stell­ten sich sehr erns­te Fra­gen an die Spit­ze der Bun­des-CDU. Ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der AfD von Lan­des­par­tei­chef Björn Hö­cke sei für die SPD „ab­so­lut un­ak­zep­ta­bel“.

Für die Grü­nen ist der Fall klar: Uni­on und FDP hät­ten ihr Wort ge­bro­chen. „Die Wahl von Tho­mas Kem­me­rich zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten mit Stim­men der AfD ist kein Unfall, son­dern ein be­wuss­ter Ver­stoß ge­gen die de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­te un­se­res Lan­des“, sagt Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­ring-Eckardt, die aus Thü­rin­gen stammt. „Frau Kramp-Kar­ren­bau­er und Herr Lind­ner müs­sen ih­re Lan­des­ver­bän­de in Thü­rin­gen aus­schlie­ßen, wenn sie an dem Pakt mit Rechts­ex­tre­mis­ten fest­hal­ten.“Par­tei­che­fin An­na­le­na Ba­er­bock for­dert Kem­me­rich zum Rück­tritt auf. Tue er das nicht, müss­ten CDU und FDP die Thü­rin­ger Lan­des­ver­bän­de aus­schlie­ßen. So weit aber dürf­ten die Par­tei­en nicht ge­hen.

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Su­san­ne Hennig-Well­sow, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Lin­ken im Thü­rin­ger Land­tag, warf dem neu­ge­wähl­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Tho­mas Kem­me­rich ih­ren Blu­men­strauß vor die Fü­ße.

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Bo­do Ra­me­low, zu die­sem Zeit­punkt noch am­tie­ren­der Mi­nis­ter­prä­si­dent, wäh­rend des für ihn quä­len­den Wahl­ver­fah­rens.

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Tho­mas Kem­me­rich 2013 im Er­fur­ter Kar­ne­val, bei der so­ge­nann­ten Prin­zes­sin­nen­tau­fe im ört­li­chen Por­sche-Zen­trum.

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Zu­schaue­rin: Ra­me­lows Frau Ger­ma­na Al­ber­ti vom Ho­fe.

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CDU-Lan­des­chef Mi­ke Mohring gra­tu­liert – oh­ne Blu­men­wurf.

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