Tho­mas Kem­me­rich liebt die Pro­vo­ka­ti­on

Rheinische Post Hilden - - Politik - VON RO­BERT ES­SER

Der neue Mi­nis­ter­prä­si­dent stammt aus Aa­chen. Sei­ne Lie­be zu Thü­rin­gen hat er früh ent­deckt.

ER­FURT Der Mann ist Mar­ke. Oben Glat­ze, un­ten Cow­boy­stie­fel. Stie­fel trägt er seit sei­nem 16. Le­bens­jahr, da hat­te er noch vol­les Haupt­haar und leb­te in sei­ner Ge­burts­stadt Aa­chen. Vor gut drei Mo­na­ten hat Tho­mas Kem­me­rich aus dem West­zip­fel der Re­pu­blik 445 Ki­lo­me­ter wei­ter öst­lich sei­ne FDP in Thü­rin­gen mit ei­nem hauch­dün­nen Vor­sprung von 73 Wäh­ler­stim­men über die Fünf-Pro­zent-Hür­de in den Er­fur­ter Land­tag ge­hievt – und jetzt ist er mit nur ei­ner Stim­me Mehr­heit Mi­nis­ter­prä­si­dent des Frei­staats ge­wor­den.

Da­mals knall­ten im gel­ben La­ger die Sekt­kor­ken, mit dem Er­folg hat­te kaum je­mand ge­rech­net. Kem­me­rich, der lie­ber Bier oder Co­la trinkt, schon. „Mir war klar, dass wir es schaf­fen. Und mir war klar, dass es erst da­nach schwie­rig wird“, sagt der 54-Jäh­ri­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Wie schwie­rig, das wuss­te wohl auch er nicht. Der Li­be­ra­le ko­ket­tiert durch­aus mit sei­nem

Cow­boy-Image: „Mei­ne Stie­fel zie­he ich nur am Strand und zum Ski­fah­ren aus“, sagt er. Und er gibt Spo­ren. Das war schon im­mer so. Nach dem Abitur am Aa­che­ner Pi­us-Gym­na­si­um stu­dier­te Kem­me­rich Ju­ra in Bonn, leg­te das ers­te Staats­ex­amen ab. Ei­ner sei­ner Kom­mi­li­to­nen war Gui­do Wes­ter­wel­le, bei­de lie­ßen sich in Ka­min­ge­sprä­chen der Bon­ner Re­pu­blik von den The­sen des FDP-Spit­zen­po­li­ti­kers Ot­to Graf Lambs­dorff be­geis­tern. „Po­li­tik hat mich schon da­mals fas­zi­niert, erst in der Jun­gen Uni­on Aa­chen, dann in der FDP.“Par­al­lel meis­ter­te er ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re im Groß- und Ein­zel­han­del, ab­sol­vier­te Be­triebs­wirt­schafts­kur­se an der RWTH Aa­chen.

Am 10. No­vem­ber 1989, dem Tag nach dem Mau­er­fall, setz­te sich Kem­me­rich ins Au­to, fuhr nach Er­furt und leg­te los. „Ich hab‘ mich in mein Au­to ge­setzt und bin da­hin­ge­fah­ren. Gold­grä­ber­stim­mung, auf­re­gend! Das war ei­ne ein­ma­li­ge Chan­ce, hier konn­te man ge­stal­ten“, er­in­nert er sich. Wäh­rend Wes­sis Fax­ge­rä­te aus den Kof­fer­räu­men ih­rer West­au­tos her­aus ver­kauf­ten, mach­te sich Kem­me­rich als Un­ter­neh­mens­be­ra­ter selbst­stän­dig.

Und er blieb. Er be­riet rei­hen­wei­se land­wirt­schaft­li­che Be­trie­be und Hand­wer­ker. „Die Fir­men muss­ten für den Markt fit­ge­macht wer­den. Das war die größ­te Wel­le von Start-ups in der jün­ge­ren deut­schen Ge­schich­te“, sagt Kem­me­rich. Er schuf­te­te, ret­te­te ei­nen Be­trieb nach dem an­de­ren, ins­ge­samt et­wa 80; und er grün­de­te ein Dut­zend neue. Al­le exis­tie­ren heu­te noch und schrei­ben schwar­ze Zah­len. „Die Men­schen hier ha­ben un­heim­lich viel drauf, es fehl­te da­mals nur an kauf­män­ni­schem Know-how“, sagt Kem­me­rich. Ab 1991 wan­del­te der Mann mit der mar­kan­ten Glat­ze

Tho­mas Kem­me­rich Mi­nis­ter­prä­si­dent von Thü­rin­gen

das DDR-Di­enst­leis­tungs­kom­bi­nat „Fri­seur & Kos­me­tik“so­wie ei­ne Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft des Fri­seur­hand­werks zur Fri­seur Mas­son Gm­bH um. Kem­me­rich hei­ra­te­te, wur­de Va­ter von sechs Kin­dern und mach­te al­lein mit sei­ner Fri­seur­ket­te und zeit­wei­se mehr als 30 Ge­schäf­ten und über 150 Mit­ar­bei­tern rund fünf Mil­lio­nen Eu­ro Jah­res­um­satz. Gleich­zei­tig sitzt er in Auf­sichts­rä­ten, nimmt neue Ge­schäfts­be­rei­che ins Vi­sier. Jüngs­te Er­run­gen­schaft: ei­ne ed­le Ma­nu­fak­tur, das Uh­ren­werk Wei­mar. Dort, in der Schil­ler- und Goe­the­stadt, lebt er mit sei­ner Fa­mi­lie.

Kem­me­rich pro­vo­ziert ger­ne. So warb er im Wahl­kampf mit Pla­ka­ten, die ihn von hin­ten zeig­ten. Slo­gan: „End­lich ei­ne Glat­ze, die in Ge­schich­te auf­ge­passt hat.“In so­zia­len Me­di­en war das der Ren­ner. Eben­so die Cow­boy­stie­fel, die er zu gla­mou­rö­sen An­läs­sen auch mal in FDPGelb trägt. Kem­me­rich ist im Os­ten ex­trem po­pu­lär. Ob die Um­stän­de sei­ner Wahl zum Lan­des­va­ter dar­an et­was än­dern, wird sich zei­gen.

„Am Tag nach dem Mau­er­fall bin ich nach Er­furt ge­fah­ren“

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