Po­kal­nacht mit Fol­gen

Nach dem Spiel zwi­schen Schal­ke und Her­tha BSC ging es kaum noch um Fußball. Der DFB er­mit­telt we­gen Ras­sis­mus.

Rheinische Post Hilden - - Sport - VON UL­LI BRÜNGER UND BIR­GIT MARSCHALL

GEL­SEN­KIR­CHEN (RP/dpa) Ver­let­zun­gen, Platz­ver­wei­se und der Vor­wurf ras­sis­ti­scher Ent­glei­sun­gen – die Po­kal-Nacht auf Schal­ke wird ein Nach­spiel ha­ben. Der Kon­troll­aus­schuss des Deut­schen Fußball-Bunds (DFB) kün­dig­te am Mitt­woch Er­mitt­lun­gen an. Und auch der Re­vier­club will die Vor­fäl­le un­ter­su­chen. Man neh­me die Aus­sa­gen von Her­tha-Pro­fi Jor­dan Tor­u­na­rig­ha „hin­sicht­lich ras­sis­ti­scher Aus­sa­gen und Lau­te ge­gen ihn“sehr ernst, hieß es in ei­ner Stel­lung­nah­me des Bun­des­li­gis­ten. Schal­ke hob sei­ne Null-To­le­ranz-Po­li­tik her­vor. „Ge­mein­sam mit der Po­li­zei, dem Si­cher­heits­dienst und in­ter­nen Quel­len, wie bei­spiels­wei­se der kürz­lich er­öff­ne­ten #steht­auf-An­lauf­stel­le, wird der Fall aus­führ­lich ge­prüft“, schrieb der Klub.

„Der jüngs­te Vor­fall in Gel­sen­kir­chen zeigt, wie dring­lich es ist, die­ses The­ma zu be­ar­bei­ten. Es ist ab­so­lu­ter Kon­sens beim DFB, dass die Ach­tung der Men­schen­wür­de, Re­spekt und Fair­ness, Viel­falt und To­le­ranz als die Wer­te des Fuß­balls über­all durch­ge­setzt wer­den müs­sen, wo Fußball ge­spielt wird“, sag­te der Vor­sit­zen­de der Ethik­kom­mis­si­on des Deut­schen Fußball-Bun­des, Tho­mas Op­per­mann (SPD), un­se­rer Re­dak­ti­on.

Wäh­rend die Be­hör­den und der Ver­ein ver­su­chen, die oder den Ur­he­ber zu er­mit­teln, nimmt die De­bat­te um Ras­sis­mus im Fußball neue Fahrt auf. „So was ge­hört sich nicht“, schimpf­te Her­tha-Coach Jürgen Klins­mann, der sei­nen Spie­ler durch das Schieds­rich­ter­ge­spann um Harm Os­mers nicht aus­rei­chend ge­schützt sah. „Da braucht man dann Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, muss den Jun­gen schüt­zen, ihn be­ru­hi­gen und ihm nicht spä­ter noch die zwei­te Gel­be Kar­te ge­ben.“Der 22-jäh­ri­ge Tor­u­na­rig­ha war in der Ver­län­ge­rung des Po­kal-Kri­mis, den Schal­ke nach ei­nem 0:2-Rück­stand noch 3:2 ge­wann, mit Gel­bRot vom Platz ge­flo­gen.

Nach ei­nem Foul von Schal­kes Omar Mas­ca­rell na­he der Sei­ten­li­nie war Tor­u­na­rig­ha in Schal­ke-Coach Da­vid Wa­gner ge­rutscht und hat­te wü­tend ei­ne Ge­trän­ke­kis­te auf den Bo­den ge­schmet­tert. Doch nicht nur der ehe­ma­li­ge deut­sche Ju­nio­ren-Na­tio­nal­spie­ler muss­te vom Feld (100. Mi­nu­te), auch Wa­gner sah nach Vi­deo­be­weis Rot und wur­de auf die Tri­bü­ne ge­schickt. Was die­ser gar nicht ver­stand. „Ich ha­be null Er­klä­rung für die Ro­te Kar­te“, sag­te Wa­gner. „Der Schieds­rich­ter hat mir er­klärt, dass ich den Spie­ler am Na­cken ge­packt ha­be. Aber ich woll­te ihm nur auf die Bei­ne hel­fen und be­ru­hi­gen.“

Schal­ke-Sport­vor­stand Jo­chen Schnei­der hat­te sich nach der Par­tie bei den Ber­li­nern und Tor­u­na­rig­ha ent­schul­digt und das Ver­hal­ten ver­ur­teilt. „Wir wer­den al­les da­für tun, dass wir die­je­ni­gen, die da­für ver­ant­wort­lich sind, aus­fin­dig ma­chen und mit Kon­se­quen­zen be­le­gen. Wir wer­den mit Sank­tio­nen re­agie­ren und die Vor­fäl­le auch ent­spre­chend zur An­zei­ge brin­gen“, sag­te Schnei­der. Et­was un­klar blieb, war­um Os­mers nicht ein­griff und – wie in sol­chen Fäl­len emp­foh­len – ei­ne Durch­sa­ge über das Sta­di­on-Mi­kro­fon ver­an­lass­te. Im­mer­hin sei er auf die Af­fen­lau­te aus dem Zu­schau­er­be­reich auf­merk­sam ge­macht wor­den, be­ton­ten die Ber­li­ner. Laut Pe­ter Sip­pel, beim DFB als Lei­ter Trai­ning und Qua­li­fi­zie­rung der Schieds­rich­ter tä­tig, er­fuhr Os­mers „erst­mals nach der re­gu­lä­ren Spiel­zeit und vor der Ver­län­ge­rung von dem Vor­fall“. Das sag­te er „sport­schau.de“. Er sei von Her­tha-Sport­di­rek­tor Mi­cha­el Preetz auf die Be­lei­di­gun­gen hin­ge­wie­sen wor­den. Da sich der Vor­fall laut Os­mers schon et­wa in der 70. Mi­nu­te er­eig­net ha­be, wä­re bei ei­ner Durch­sa­ge „der Kon­text nicht mehr her­zu­stel­len ge­we­sen“, sag­te Sip­pel.

Grund­sätz­lich se­hen die Ver­hal­tens­richt­li­ni­en der Ver­bän­de Fi­fa und Ue­fa bei dis­kri­mi­nie­ren­den und ras­sis­ti­schen Vor­fäl­len für den Schieds­rich­ter die Mög­lich­keit des Ein­schrei­tens vor, in drei Stu­fen: Er kann das Spiel un­ter­bre­chen und die Zu­schau­er per Sta­di­on­durch­sa­ge auf­for­dern, das dis­kri­mi­nie­ren­de Ver­hal­ten zu un­ter­las­sen; das Spiel im Wie­der­ho­lungs­fall für ei­ne wei­te­re Durch­sa­ge un­ter­bre­chen und die Spie­ler für ei­nen Zei­t­raum in die Um­klei­de­ka­bi­ne schi­cken; das Spiel nach Rück­spra­che ab­bre­chen, falls das dis­kri­mi­nie­ren­de Ver­hal­ten an­hält.

Ein Fuß­ball­spie­ler wird von den geg­ne­ri­schen Fans ras­sis­tisch be­schimpft. In vie­len Sta­di­en ist das auch in Deutsch­land lei­der All­tag. Auch, weil von vie­len Sei­ten nicht kon­se­quent ein­ge­grif­fen wird. Der neu­es­te Vor­fall im DFB-Po­kal­spiel zwi­schen Schal­ke 04 und Her­tha BSC am Di­ens­tag­abend ist ein trau­ri­ges Bei­spiel, war­um Ras­sis­mus im Fußball im­mer noch Platz fin­det. Schal­ker Fans sol­len den Ber­li­ner Jor­dan Tor­u­na­rig­ha das Spiel über im­mer wie­der ras­sis­tisch be­lei­digt ha­ben.

Auf dem Spiel­feld gab es kaum wahr­nehm­ba­re Re­ak­tio­nen dar­auf. Und ge­nau das ist das Pro­blem. Nach der Par­tie be­rich­te­ten Mit­spie­ler und auch Schal­ker, Jor­dan Tor­u­na­rig­ha ha­be ge­weint und das Spiel­feld ver­las­sen wol­len. Her­tha-Trai­ner Jürgen Klins­mann sag­te, er ha­be das Schieds­rich­ter­team über die Ru­fe in­for­miert und ge­be­ten, den Spie­ler zu schüt­zen. Doch Schieds­rich­ter Harm Os­mers un­ter­nahm nichts. Laut Fi­fa-Sta­tu­ten hät­te er, das Spiel un­ter­bre­chen und die Fans zum Un­ter­las­sen auf­ru­fen kön­nen, wenn er die Be­lei­di­gun­gen selbst hört. Als letz­te Mög­lich­keit darf er ein Spiel auch ab­bre­chen. Doch er schritt gar nicht ein. Mög­li­cher­wei­se hat er die Ru­fe nicht ge­hört. Meh­re­re Spie­ler schon. Auch sie un­ter­nah­men nichts. Bei­de Teams hät­ten ein deut­li­ches Zei­chen set­zen und ge­mein­sam das Feld ver­las­sen kön­nen. Der Ber­li­ner Spie­ler ist in der Ver­län­ge­rung auch noch vom Platz ge­stellt wor­den, weil er ei­ne Ge­trän­ke­kis­te auf den Bo­den schleu­der­te. Gelb-Rot war die ent­spre­chen­de Re­ak­ti­on auf ei­ne sol­che Uns­port­lich­keit. Zu der wä­re es aber viel­leicht gar nicht ge­kom­men, wenn der Spie­ler nicht von den Be­lei­di­gun­gen in ei­ne emo­tio­na­le Aus­nah­me­si­tua­ti­on ge­trie­ben wor­den wä­re. Ge­nau sol­che Re­ak­tio­nen wol­len die­se Fans pro­vo­zie­ren. Auf Schal­ke ha­ben sie am Di­ens­tag­abend ihr Ziel er­reicht, weil nie­mand dem Spie­ler tat­säch­lich zur Sei­te stand.

FO­TO: DPA

Da­vid Wa­gner und Hert­has Jor­dan Tor­u­na­rig­ha pral­len zu­sam­men und ran­geln an­schlie­ßend mit­ein­an­der. Schal­kes Trai­ner sieht Rot, der jun­ge Hert­ha­ner sei­ne zwei­te Gel­be Kar­te des Abends.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.