Ex­per­ten er­klä­ren die Vo­gel­welt

War­um Spat­zen im­mer we­ni­ger wer­den und der Uhu über­lebt. Ex­per­ten be­fas­sen sich mit hei­mi­schen Wild­vö­geln.

Rheinische Post Hilden - - Hilden / Haan - VON ISA­BEL KLAAS

HILDEN/HAAN „Bes­ser den Spatz in der Hand, als die Tau­be auf dem Dach“will sa­gen: dass man sich lie­ber mit Klei­nem und Er­reich­ba­rem zu­frie­den ge­ben soll, als nach Grö­ße­rem und Wert­vol­lem zu grei­fen, das nur schwer zu be­kom­men ist. Schaut man in die ak­tu­el­le Vo­gel­welt im Kreis Mett­mann und Düsseldorf, ist al­ler­dings der Spatz mitt­ler­wei­le das un­er­reich­ba­re Ob­jekt und die Tau­be eher die all­ge­gen­wär­ti­ge Ner­ven­sä­ge in Gär­ten, Parks und auf öf­fent­li­chen Plät­zen. Wie es um die Wild­vö­gel um uns her­um be­stellt ist und ob wir ab En­de März wie­der das er­sehn­te Zwit­schern und Ju­bi­lie­ren zum Früh­jahrs­be­ginn hö­ren wer­den, woll­ten wir von zwei Ex­per­ten wis­sen: Mo­riz Schul­ze, Di­plom-Um­welt­wis­sen­schaft­ler, und Ju­li­an Oy­manns, der seit 6. Ja­nu­ar als Wild­bio­lo­ge bei der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on Haus Bür­gel ar­bei­tet. Bei­de ha­ben sich der Vo­gel­kun­de ver­schrie­ben.

Vor­ur­tei­le und be­droh­te Ar­ten

Rund 50 Sing­vo­gel­ar­ten gibt es in un­se­rer Re­gi­on. Doch der kes­se klei­ne, bräun­li­che Spatz, der uns noch vor 50 Jah­ren in Scha­ren über­all be­geg­ne­te, ge­hört, wenn es so wei­ter geht, bald nicht mehr da­zu. In­ner­halb von 100 Jah­ren ist er auf ein Fünf­tel sei­nes Vor­kom­mens ge­schrumpft. Der zur Gat­tung der Haus- und Feld­sper­lin­ge ge­hö­ren­de Vo­gel ist kurz vor dem Auss­ter­ben, sagt Schul­ze. Der Grund ist nicht et­wa die bö­se und ro­bus­te Els­ter, die sich der Spat­zen­ei­er be­mäch­tigt. Es ist der schwin­den­de Le­bens­raum, so Oy­manns. „Nist­mög­lich­kei­ten und Nah­rungs­an­ge­bot feh­len“. An neu­en Häu­sern fin­det man kei­ne Rit­zen und Lü­cken so­wie lo­se Dach­pfan­nen, in und un­ter de­nen Spat­zen ih­re Nes­ter bau­en kön­nen. Auch wenn der an­pas­sungs­fä­hi­ge Haus­sper­ling sich mit­un­ter mit Krü­meln und Pom­mes-Res­ten über Was­ser hal­ten kann, so feh­len ihm doch Scheu­nen und Stäl­le, Kör­ner und Alt­ge­trei­de, das auf dem Feld lie­gen bleibt. Sein Nach­wuchs stirbt oft an pes­ti­zid­ver­seuch­ten In­sek­ten.

Das Vor­ur­teil ge­gen die Els­tern, die un­se­re Sing­vö­gel an­geb­lich ver­trei­ben, sei falsch und rein emo­tio­nal, er­klärt El­ke Löp­ke, Ge­schäfts­füh­re­rin und wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on Haus Bür­gel. „Eich­hörn­chen sind eben­falls Ne­sträu­ber und fres­sen Eier. Min­des­tens eben­so oft wie Els­tern“, sagt sie, „aber über Eich­hörn­chen, die­se put­zi­gen Kerl­chen,

hat sich noch nie je­mand be­schwert.“Der Be­stand der Els­tern wächst auch nicht – wie oft be­haup­tet – ins Ufer­lo­se, sagt Löp­ke. „Im ver­gan­ge­nen Jahr ist er schon er­heb­lich ge­schrumpft. Und das liegt an der deut­li­chen Zu­nah­me der Uhus.“Der sor­ge für Aus­gleich im Vo­gel­reich, in­dem die Els­ter auf sei­nem Spei­se­plan weit oben ran­gie­re.

Der Uhu ist im Kom­men

Die­se größ­te Eu­len­art der Welt mit ih­ren bern­stein­far­be­nen Au­gen, fühlt sich im Kreis Mett­mann und in Düsseldorf wohl. Er nis­tet in St­ein­brü­chen in Grui­ten und Wül­frath eben­so wie in Kies­gru­ben. So­gar auf den Bal­ko­nen leer­ste­hen­der Hoch­häu­ser soll er schon ge­brü­tet ha­ben. „Er hat ein sehr brei­tes Nah­rungs­spek­trum von Ka­nin­chen, Rat­ten, Mäu­sen bis Tau­ben“, sagt Schul­ze, „und fin­det hier von al­lem ge­nug.“Vor al­lem aber hat er es auch auf Kor­mo­ra­ne und Grau­rei­her ab­ge­se­hen. Im Wup­per­ta­ler Zoo soll sich der Uhu schon Kai­ser­pin­gui­ne und Fla­min­gos zum be­son­de­ren Schmaus ge­holt ha­ben, sagt Schul­ze. Na­tür­li­che Fein­de hat der im­po­san­te Vo­gel nicht. So dass wir das „Bu-Ho“der Uhu-Männ­chen und „U-Hu“der Weib­chen bald wie­der mit et­was Glück bei Ein­bruch der Dun­kel­heit hö­ren wer­den.

Des Uhus Kum­pel, die wun­der­schö­ne Schlei­er­eu­le, ist da er­heb­lich wäh­le­ri­scher und hat es des­halb schwe­rer beim Über­le­ben. Ihr fehlt der alt her­ge­brach­te Heu­bo­den, wo sie un­term Dach in luf­ti­ger Hö­he auf ih­ren Ei­ern sitzt und ih­re Jun­gen auf­zieht. Es feh­len ihr die Mäu­se auf her­kömm­li­chen Bau­ern­hö­fen, von de­nen sie sich haupt­säch­lich er­nährt.

Und es setzt ihr das Gift zu, mit dem Land­wir­te heut­zu­ta­ge Na­ger be­kämp­fen. Die kon­ta­mi­nier­te Nah­rung tö­tet die Schlei­er­eu­le. Erst jüngst ha­ben Hel­fer des Hil­de­ner He­ge­rin­ges an ei­ni­gen Bau­ern­hö­fen in der Um­ge­bung Nist­käs­ten für den sel­ten ge­wor­de­nen Nacht­vo­gel an­ge­bracht. Jetzt hofft man wie­der auf Be­woh­ner.

Star auf der ro­ten Lis­te

Ei­ner der be­kann­tes­ten Sing­vö­gel in un­se­ren Ge­fil­den, der Star, vor 50 Jah­ren noch ein Al­ler­welts­vo­gel, steht heu­te bei uns auf der ro­ten Lis­te. Der Vo­gel mit dem hüb­schen schwarz glän­zen Ge­fie­der mit wei­ßen Spren­keln ist äu­ßerst sprach­be­gabt. „Er kann viel nach­ma­chen und je­den be­lie­bi­gen an­de­ren Vo­gel imi­tie­ren“, sagt Schul­ze. Da­für ist er mit sei­nem Spei­se­plan sehr fest­ge­legt: Au­ßer Heu­schre­cken, Wie­sen­schna­ken und Forst­schäd­lin­gen so­wie di­ver­sen Ma­den be­vor­zugt er rei­fen­de Kir­sche, Wein­trau­ben und Bee­ren. Sein Fut­ter sucht er vor al­lem auf kurz ge­schnit­te­nen Wei­den und Wie­sen. Und fin­det da­von im­mer we­ni­ger. Sei­ne Nist­plät­ze hat er in Baum­höh­len und Ge­bäu­den. Am liebs­ten ist der Star in Schwär­men von meh­re­ren Tau­send un­ter­wegs. Zu­sam­men su­chen die Vö­gel sich ih­ren Schlaf­platz. In Lyon und Rom zähl­te man Schwär­me mit über ei­ner Mil­li­on Tie­re.

Die schö­ne Tau­be

Auch wenn wir die Stra­ßen­tau­be auf­grund ih­res Lärms und Drecks, den sie ver­ur­sacht, nicht mö­gen, so gibt es doch ei­ne Art, die un­ser Herz hö­her schla­gen lässt: die Tur­tel­tau­be, das Syn­onym für Ver­lieb­te. Lei­der ist der schlan­ke Vo­gel mit dem hübsch ge­mus­ter­ten Ge­fie­der nicht so ro­bust wie sein Kol­le­ge von der Stra­ße. Ge­ra­de mal sie­ben Brut­paa­re gibt es in der Re­gi­on noch, sa­gen die Ken­ner von Haus Bür­gel. Der Weg­fall von Rai­nen und Bra­chen, die In­ten­si­vie­rung der Land­wirt­schaft und karg be­wach­se­ne Flä­chen ma­chen ihr das Le­ben schwer. Wäh­rend die do­mes­ti­zier­te Stra­ßen­tau­be, die einst von der Fel­sen­tau­be ab­stamm­te, zum Bei­spiel kein Pro­blem mit Stra­ßen­lärm hat, weil ih­re Vor­fah­ren in Fel­sen­höh­len di­rekt ne­ben to­sen­den Bran­dun­gen brü­te­ten, fin­det die Tur­tel­tau­be eher sel­ten ein ru­hi­ges Plätz­chen in lich­ten Laub- und Mi­sch­wäl­dern.

Hil­fe für die Sing­vö­gel

Die häu­figs­ten Sing­vo­gel­sor­ten in un­se­rer Ge­gend sind Am­seln, Mei­sen, Buch­fin­ken, Rot­kehl­chen, Zaun­kö­nig, He­cken­brau­nel­len, Stieg­litz, Grün­fink, Rot­schwanz und Gim­pel. Wir kön­nen viel da­für tun, dass un­se­re Vö­gel über­le­ben. Gär­ten mit Obst­bäu­men, Stau­den mit Sa­men­stand und Wild­wie­sen, Wild­ro­sen, ei­ne mit Efeu be­wach­se­ne Wand oder dich­tes Strauch­werk hel­fen den hei­mi­schen Vö­geln zu über­le­ben. Mit Hor­ten­si­en, Rho­do­dend­ren, Aza­le­en und Glanz­mis­pel ist un­se­ren Vö­geln nicht ge­dient. Wel­che Nist­käs­ten man auf­hängt, hängt von den dort vor­kom­men­den Vö­geln ab. Bei uns sind es meist Mei­sen. Da­bei muss man auf die pas­sen­de Grö­ße der Ein­flug­öff­nung ach­ten.

Um­strit­ten ist, zu wel­cher Jah­res­zeit ge­füt­tert wird. Die Vo­ge­l­ex­per­ten von Haus Bür­gel emp­feh­len: „In Not­zei­ten füt­tern, wenn drau­ßen nicht viel zu fin­den ist, wie der­zeit.“Da­bei soll­te man dar­auf ach­ten, dass nicht zu viel Fut­ter auf den Bo­den fällt. Das lockt Rat­ten und Mäu­se an. Zu­dem soll­te der Vo­gel beim Fres­sen nicht im ei­ge­nen Kot oder dem an­de­rer Vö­gel ste­hen. Dann wächst die In­fek­ti­ons­ge­fahr. Gut ge­eig­net sind hän­gen­de Säu­len. Vo­gel­häus­chen müs­sen re­gel­mä­ßig ge­säu­bert wer­den. Wenn man das be­her­zigt, wird es im März wie­der ein or­dent­li­ches Ge­zwit­scher ge­ben. Das üb­ri­gens nicht nur aus rei­ner Le­bens­freu­de er­klingt, son­dern vor al­lem, um Part­ner an­zu­lo­cken und sein Re­vier ab­zu­gren­zen.

RP-FO­TO: RALPH MATZERATH

Mo­ritz Schul­ze und Ju­li­an Oy­manns (von links) von der Bio­lo­gi­schen Sta­ti­on ken­nen sich gut mit hei­mi­schen Vö­geln aus.

FO­TO: MA­RI­AN­NE WIORA

Sper­ber sind ha­bicht­ar­ti­ge Greif­vö­gel.

FO­TO: DPA

Els­tern sind in­zwi­schen in je­dem Gar­ten hei­misch ge­wor­den.

FO­TO: WIORA

An­der als frü­her sind Spat­zen bei uns jetzt sel­te­ner an­zu­tref­fen.

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