Deutsch­lands Bör­sen-Hauptstadt heißt Mün­chen

In kei­ner an­de­ren Stadt ist so viel Bör­sen­wert ver­sam­melt wie in der baye­ri­schen Me­tro­po­le.

Rheinische Post Hilden - - Wirtschaft - VON GE­ORG WIN­TERS

DÜS­SEL­DORF Auf der Su­che nach der wich­tigs­ten Stadt Deutsch­lands in Sa­chen Ak­ti­en­markt kann man un­ter­schied­li­cher Mei­nung sein. Frank­furt sa­gen die ei­nen, weil dort die Deut­sche Börse ih­ren Sitz hat. Oder Mün­chen we­gen des ful­mi­nan­ten Bör­sen­wer­tes. Oder Wall­dorf? Oder gar Bre­men?

Nimmt man den ad­dier­ten Bör­sen­wert al­ler Un­ter­neh­men ei­ner Me­tro­po­le, kommt an der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt nie­mand vor­bei. Die fünf Dax-Un­ter­neh­men Sie­mens, Al­li­anz, BMW, Mün­che­ner Rück und MTU Ae­ro En­gi­nes kom­men zu­sam­men­ge­rech­net auf ei­ne Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 284 Mil­li­ar­den Eu­ro. Nimmt man In­fi­ne­on und Wi­re­card aus dem Land­kreis Mün­chen da­zu, steigt die Zahl auf 330 Mil­li­ar­den Eu­ro.

„Bay­ern pro­fi­tiert an der Börse da­von, dass das Ri­si­ko brei­ter ge­streut ist“

Joa­chim Schall­may­er De­ka-Ex­per­te

Nord­rhein-West­fa­len, das zwei­te Schwer­ge­wicht im Dax, kommt ak­tu­ell auf et­wa 295 Mil­li­ar­den Eu­ro, ob­wohl das be­völ­ke­rungs­reichs­te Bun­des­land im wich­tigs­ten Ak­ti­en-In­dex zwei Un­ter­neh­men mehr hat als Mün­chen.

Und auch SAP kommt da na­tür­lich nicht mit, ob­wohl der Soft­ware-Kon­zern aus dem ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Wall­dorf bei ei­nem Markt­wert von 153 Mil­li­ar­den Eu­ro mit gro­ßem Ab­stand das wert­volls­te deut­sche Un­ter­neh­men ist. Aber eben al­lein auf wei­ter Flur im be­schau­li­chen Wall­dorf. An­de­rer­seits bringt der Kon­zern mit ei­nem Kurs­an­stieg von knapp zwei Fünf­teln im ver­gan­ge­nen Jahr Ba­den-Würt­tem­berg nach vorn, weil das Vor­zei­ge­un­ter­neh­men al­lein 60 Pro­zent des ge­sam­ten Bör­sen­wer­tes im Länd­le aus­macht. Dass das in­ter­na­tio­nal bei Wei­tem nicht für ei­nen Spit­zen­platz reicht, ist ein an­de­res The­ma. Aber schon mal zum Ver­gleich: Der On­line-Händ­ler Ama­zon ist jüngst in den Kreis der Kon­zer­ne zu­rück­ge­kehrt, die ei­ne Bil­li­on Dol­lar (mehr als 900 Mil­li­ar­den Eu­ro) wert sind. Dort wa­ren be­reits App­le, Mi­cro­soft und Goog­le ver­tre­ten.

Bre­mens Sta­tus als Num­mer eins am Ak­ti­en­markt 2019 war nur ei­ne Epi­so­de. Der Kon­zert­ver­mark­ter CTS Even­tim war im ver­gan­ge­nen Jahr der stärks­te Auf­stei­ger in ei­nem der drei wich­tigs­ten deut­schen Bör­sen­in­di­zes. Das Kurs­plus: fast 75 Pro­zent, wie die De­ka Bank auf Ba­sis von Zah­len des Fi­nanz­dienst­leis­ters Bloom­berg er­rech­net hat.

Und weil CTS Even­tim das ein­zi­ge Un­ter­neh­men der Han­se­stadt in Dax, M-Dax und S-Dax war, er­gab sich der Spit­zen­platz au­to­ma­tisch. Da­hin­ter kommt Thü­rin­gen, das aber auch „nur“mit Jen­op­tik und Carl Zeiss glänzt, kei­nes­wegs mit ei­ner aus­ufern­den Bör­sen­prä­senz in al­len In­di­zes. Der Tec-Dax ist üb­ri­gens nicht ein­ge­rech­net, weil al­le da­rin ver­tre­te­nen Un­ter­neh­men auch Mit­glied in ei­nem der an­de­ren In­di­zes sind.

So­weit die Sta­tis­tik. Al­so bei­na­he. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber muss man noch dar­auf hin­wei­sen, dass bei der Beur­tei­lung, wie viel Wert ei­ne Re­gi­on an der Börse hat, ei­gent­lich nur vier Bun­des­län­der ei­ner ernst­haf­ten Be­trach­tung un­ter­zo­gen wer­den müs­sen: Ba­den-Würt­tem­berg, Bay­ern, Nord­rhein-West­fa­len und Hes­sen. Die Rei­hen­fol­ge ist nicht will­kür­lich ge­wählt, sie ent­spricht der Per­for­mance der Län­der in der Sta­tis­tik der De­ka.

War­um kommt Nord­rhein-West­fa­len da­bei deut­lich schlech­ter weg als die süd­deut­schen Län­der? „Das un­ter­durch­schnitt­li­che Ab­schnei­den des Bun­des­lan­des er­klärt sich haupt­säch­lich durch die un­ter­durch­schnitt­li­che Wert­ent­wick­lung von Ti­teln mit ho­her Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung“, sagt De­ka-Ex­per­te Joa­chim Schall­may­er. Im De­tail: Die Deut­sche Te­le­kom, Hen­kel und Eon ha­ben trotz leich­ter Kurs­ge­win­ne in ei­nem star­ken Bör­sen­jahr die Per­for­mance von NRW ver­dor­ben, und das konn­ten die Deut­sche Post und ei­ni­ge Wer­te aus der zwei­ten Rei­he (bei­spiels­wei­se Lan­xess, Hel­la, Strö­er) nicht wett­ma­chen. Die Te­le­kom war mit ei­nem Plus von fünf Pro­zent weit un­ter Durch­schnitt, Hen­kel kam nach drei Ge­winn­war­nun­gen

bin­nen ei­nes Jah­res und ei­ner Ach­ter­bahn-Fahrt am Ak­ti­en­markt auch nicht auf gro­ße Sprün­ge. Und Eon stürz­te im Som­mer ab, als die An­le­ger ver­in­ner­lich­ten, dass RWE aus der Zer­schla­gung und Ver­tei­lung von In­no­gy als der gro­ße Pro­fi­teur her­vor­ge­hen wür­de.

„Da­ge­gen pro­fi­tiert Bay­ern da­von, dass die Un­ter­neh­men stär­ker auf ver­schie­de­ne Bran­chen ver­teilt sind und da­mit das Ri­si­ko brei­ter ge­streut ist“, er­klärt Schall­may­er. In­dus­trie, Ver­si­che­run­gen, Kon­sum­gü­ter, Tech­no­lo­gie, Phar­ma – die Bay­ern ha­ben die gan­ze Pa­let­te, und nie­mand be­sitzt al­lein mehr als ein Fünf­tel der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung. Im S-Dax gab es vier baye­ri­sche Auf­stei­ger, der M-Dax be­kam drei Neue aus Bay­ern, und im Dax lös­te MTU Ae­ro En­gi­nes Thys­senk­rupp ab. Kein Un­ter­neh­men ver­eint mehr als 20 Pro­zent der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung auf sich, was das Ab­sturz­ri­si­ko ver­rin­gert. Die Bay­ern sei­en auch schon 2018, als die Per­for­mance über­all deut­lich schlech­ter ge­we­sen sei, mit ei­nem Mi­nus von nur 7,4 Pro­zent weg­ge­kom­men, so der De­ka-Ex­per­te.

In­so­fern liegt NRW in der Rück­schau auf das ver­gan­ge­ne Jahr deut­lich hin­ter Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern zu­rück. Da­für aber noch vor Hes­sen, des­sen Rück­stand nicht durch ei­nen Kurs­ab­sturz der Groß­ban­ken aus­ge­löst wur­de, wie man ver­mu­ten könn­te (der hat­te schon vor­her für ei­nen sin­ken­den Bör­sen­wert ge­sorgt), son­dern durch Phar­ma­kon­zer­ne, die die Er­war­tun­gen nicht er­füll­ten.

Apro­pos Er­war­tun­gen: Das Jahr 2020 wird aus Schall­may­ers Sicht mög­li­cher­wei­se nicht so gut lau­fen wie das vor­an­ge­gan­ge­ne. Aber: „Die Aus­gangs­la­ge für Ak­ti­en ist

nach wie vor kon­struk­tiv.“Das The­ma Br­ex­it rü­cke in den Hin­ter­grund, beim Han­dels­streit zwi­schen Chi­na und den USA zeich­ne sich zu­min­dest ei­ne ge­wis­se Dee­s­ka­la­ti­on ab. So­mit sei zu­min­dest die Ba­sis da­für ge­legt, dass die Un­ter­neh­men et­was we­ni­ger ver­un­si­chert in die Zu­kunft bli­cken könn­ten. „Wir rech­nen da­mit, dass der Ge­samt­markt Po­ten­zi­al für wei­te­re Kurs­ge­win­ne hat“, sagt Schall­may­er.

Und das nach ei­nem Jahr, in dem man mit Dax-Ak­ti­en schon mehr als 30 Pro­zent Ge­winn vor Steu­ern und Kos­ten ge­macht hat. Selbst wenn es in die­sem Jahr deut­lich we­ni­ger wird – um das Spar­buch zu schla­gen, wird es wohl al­le­mal rei­chen. Der Dax hat in die­sem Jahr bis­her 2,5 Pro­zent zu­ge­legt. Das soll­ten sich die Vor­sichts­spa­rer viel­leicht doch noch ein­mal durch den Kopf ge­hen las­sen.

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