El­frie­de Je­linek schreibt Dra­ma über das Ibi­za-Vi­deo

Im Wie­ner Aka­de­mie­thea­ter hat­te das neue Stück der No­bel­preis­trä­ge­rin Pre­mie­re. Es ver­han­delt den Fall Stra­che.

Rheinische Post Hilden - - Kultur - VON FA­BI­AN NITSCHMANN

WI­EN (dpa) Der Jo­ker, Bat­mans ver­rück­ter Ge­gen­spie­ler, ist ein mor­den­der Ir­rer. In der jüngs­ten, für elf Os­cars no­mi­nier­ten Ver­fil­mung mit Jo­aquin Pho­enix in der Haupt­rol­le wird er zu­dem zu ei­nem Sym­bol für Un­ge­rech­tig­keit, der Jo­ker wird hier im­mer mehr von der Ge­sell­schaft ver­sto­ßen, ehe er den Ver­stand ver­liert. Auf der Büh­ne des Wie­ner Aka­de­mie­thea­ters steht nun Schau­spie­ler Mar­tin Wutt­ke (57, „Tat­ort“Leip­zig), kurz­zei­tig ge­schminkt als eben je­ner Jo­ker, in ei­nem Stück über das Ibi­za-Vi­deo und den Rechts­po­pu­lis­mus. Und er jam­mert – jam­mert das Ge­jam­me­re ei­nes Rechts­po­pu­lis­ten, der sich doch mal wie­der nur als Op­fer sieht. Al­lein das Ar­ran­ge­ment die­ser Sze­ne sagt sehr viel dar­über aus, wie No­bel­preis­trä­ge­rin El­frie­de Je­linek (73) und der deut­sche Re­gis­seur Ro­bert Borg­mann in „Schwarz­was­ser“mit dem sich aus­brei­ten­den Rechts­po­pu­lis­mus ins Ge­richt ge­hen. Die Urauf­füh­rung im Wie­ner Aka­de­mie­thea­ter, ei­ner Spiel­stät­te des Burg­thea­ters, wur­de vom Pu­bli­kum mit Ju­bel und Ap­plaus ge­fei­ert.

Auf­hän­ger des Stücks ist das Ibi­za-Vi­deo, das im Mai 2019 ein po­li­ti­sches Be­ben in Ös­ter­reich aus­lös­te. Auf den Auf­nah­men wirkt Ex-FPÖChef Heinz-Christian Stra­che im Som­mer 2017 an­fäl­lig für Kor­rup­ti­on

und zeigt sich be­reit, das hal­be Land an ei­ne ver­meint­li­che rus­si­sche Olig­ar­chen-Nich­te zu ver­scher­beln. Als das heim­lich ge­film­te Vi­deo ge­zeigt wur­de, zer­brach die rechts­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung. Seit der Ver­öf­fent­li­chung des Vi­de­os in­sze­niert Stra­che sich als Op­fer ei­ner kri­mi­nel­len In­tri­ge ge­gen ihn.

Je­linek greift das The­ma auf, spielt im­mer wie­der auf prä­gnan­te Sze­nen aus dem Vi­deo an (et­wa auf Stra­ches Ex-Par­tei­freund Jo­hann Gu­de­nus in Schuss­po­si­ti­on), ver­mei­det da­bei aber kla­re Rol­len­zu­schrei­bun­gen, Na­men und ei­ne Hand­lung. Statt­des­sen wird das Stück von lan­gen Mo­no­lo­gen und Sprach­kon­struk­ten ge­tra­gen, in de­nen vor al­lem Mar­tin

Wutt­ke im­mer wie­der den rich­ti­gen Ton trifft und glän­zen kann.

Fe­lix Kam­me­rer (24) und Chris­toph Lu­ser ge­ben im­mer wie­der char­mant, glaub­wür­dig und un­ter­hal­tend zwei skru­pel­lo­se Po­li­ti­ker mit fe­schen Sprü­chen ab („Sie kön­nen al­les kos­ten, ge­hö­ren wird es ih­nen nicht“), Ca­ro­li­ne Peters (48, „Mord mit Aus­sicht“) über­zeugt in ver­schie­de­nen Rol­len. Die vier Darstel­ler ge­ben dem Stück mit ih­ren star­ken Leis­tun­gen ver­schie­de­ne Far­ben: Mal ist es Sa­ti­re, mal be­dau­ert man sich selbst, letzt­lich wird aber auch oft ge­warnt: „Der Keim wur­de ir­gend­wann mal ein­ge­schleppt, und jetzt bleibt er uns.“

Zu­sam­men­ge­fasst ist „Schwarz­was­ser“

aber auch ein Rund­um­schlag ge­gen kon­ser­va­ti­ve und rech­te Po­li­tik, ei­ne Be­stands­auf­nah­me, die Mus­ter frei­legt, oh­ne Ana­ly­sen zu prä­sen­tie­ren. In­di­rekt wird auch Ös­ter­reichs Bun­des­kanz­ler Sebastian Kurz scharf kri­ti­siert und im­mer wie­der als jun­ger Gott be­zeich­net, dem al­le ver­fal­len sind.

Re­gis­seur Ro­bert Borg­mann hat das al­les in ein auf­wen­di­ges und vor al­lem zu Be­ginn et­was über­frach­te­tes Büh­nen­bild ge­packt, das die Zu­schau­er mit der Auf­schrift „ein­tritt macht frei“be­grüßt. Die Darstel­ler friert er im Ver­lauf des Abends im­mer wie­der zu ein­drucks­vol­len Stand­bil­dern ein, die ent­zif­fert wer­den wol­len.

„Man kann das ja nicht über­tref­fen, nicht ein­mal par­odie­ren oder lä­cher­lich ma­chen“, schrieb Je­linek im Pro­gramm­heft über das Ibi­za-Vi­deo. Doch an vie­len klei­nen Stel­len ge­lingt ihr und Borg­mann ge­nau das. Die Li­te­ra­tur-No­bel­preis­trä­ge­rin ar­bei­tet sich in dem Stück an den Ge­gen­sät­zen der Rechts­po­pu­lis­ten ab, die sich bei ihr im Mach­t­rausch ver­lie­ren, das hal­be Land ver­scher­beln wol­len und gleich­zei­tig als jam­mern­de Op­fer ih­re ver­meint­li­che Un­schuld be­teu­ern.

Das al­les kommt bei El­frie­de Je­linek furcht­bar kom­plex da­her – der kräf­ti­ge Ap­plaus ist aber doch ver­dient.

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