Was ein gu­ter Ani­ma­teur kön­nen muss

Ein Ani­ma­teur-Cas­ting ist ein Vor­stel­lungs­ge­spräch der be­son­de­ren Art. Die Be­wer­ber müs­sen schon in den ers­ten Mi­nu­ten zei­gen, was sie drauf­ha­ben. Für vie­le ist es ein Traum­job, reich wer­den sie nicht.

Rheinische Post Hilden - - Mensch & Stadt - VON CHRIS­TOPH WE­GE­NER

Sid­ney ist auf der Flucht. So schnell es geht, tas­tet sich der 18-Jäh­ri­ge durch ei­ne dunk­le Höh­le, muss kurz da­nach ei­nen gro­ßen See durch­que­ren und über ei­ne Wie­se lau­fen, bis er sein Haus er­reicht hat. End­lich ist er vor dem hung­ri­gen Lö­wen, der ihn ver­folgt hat, in Si­cher­heit. Sid­ney und sei­ne zehn Be­glei­ter sind aus der Pus­te, doch Angst hat­ten sie kei­ne. Das liegt nicht an man­geln­dem Re­spekt vor Raub­kat­zen, son­dern dar­an, dass es gar kei­nen Lö­wen gibt. Die Grup­pe ist auch nicht in Afri­ka, son­dern in ei­nem Ta­gungs­raum des a&o-Hos­tels an der Cor­ne­li­us­stra­ße.

Die von Sid­ney nach­ge­spiel­te Lö­wen­jagd ist sei­ne Idee, um zu be­wei­sen, dass er als Be­treu­er ei­ne Grup­pe Kin­der mit krea­ti­ven Ein­fäl­len un­ter­hal­ten kann. Wie die an­de­ren zehn Be­wer­ber möch­te er als Kin­der­ani­ma­teur für das Rei­se­un­ter­neh­men TUI ar­bei­ten und ist des­we­gen zum Cas­ting nach Düs­sel­dorf ge­kom­men. „Es macht mir wahn­sin­nig Spaß, Kin­dern ei­ne sor­gen­freie Zeit zu er­mög­li­chen“, sagt Sid­ney. „Gleich­zei­tig kann man selbst viel bei der Ar­beit ler­nen. Kin­der er­öff­nen ei­nem selbst neue Blick­win­kel.“

Dass sich die An­we­sen­den nicht für ei­nen be­zahl­ten Ur­laub un­ter Pal­men, son­dern ei­nen stres­si­gen Job be­wer­ben, wird schnell deut­lich: „Man sitzt nicht mit ei­ner Pi­na Co­la­da am Strand und kann ent­span­nen“, stellt Ca­ro Fröh­lich von TUI bei der Be­grü­ßung klar. „Ihr soll­tet rund um die Uhr en­er­gie­ge­la­den sein und die Kin­der so be­schäf­ti­gen, dass sie am En­de des Tages mü­de sind.“Da­zu kom­men ad­mi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben und Ser­vice­tä­tig­kei­ten. Auch Aus­flü­ge auf ei­ge­ne Faust sind nur ein­mal pro Wo­che mög­lich. Die rest­li­chen sechs Ta­ge wird je nach Ta­ges­pro­gramm un­ter­schied­lich lan­ge ge­ar­bei­tet.

Reich wer­den die Kin­der­be­treu­er nicht. Be­rufs­ein­stei­ger be­kom­men ein Net­to­ge­halt von 750 Eu­ro im Mo­nat. Je nach zu­sätz­li­cher Qua­li­fi­ka­ti­on wie ei­ner ab­ge­schlos­se­nen Er­zie­he­r­aus­bil­dung kann die Be­zah­lung auch hö­her aus­fal­len. Rei­se­kos­ten und Auf­ent­halt im Ho­tel wer­den über­nom­men.

Wäh­rend man in an­de­ren As­sess­ment-Cen­tern zum Ein­stieg ei­ne Vor­stel­lungs­run­de macht, ist die­ses Cas­ting von der ers­ten Mi­nu­te an pra­xis­ori­en­tiert. So dau­ert es nicht lan­ge, bis die An­wär­ter in den „Par­ty­train“ein­stei­gen und ge­mein­sam ei­ne kur­ze Cho­reo­gra­fie nacht­an­zen müs­sen. Das Tanz­ta­lent der Kan­di­da­ten steht da­bei we­ni­ger auf dem Prüf­stand, viel­mehr geht es um ih­re Mo­ti­va­ti­ons­be­reit­schaft. „Als Ani­ma­teur muss man die Kin­der be­geis­tern kön­nen. Das funk­tio­niert am Bes­ten, wenn man den Leu­ten die Freu­de an ih­rem Job auch im­mer an­sieht“, sagt Ani­ma­teur-Trai­ner Da­ni­el Klein. Von ih­rer Ar­beit hän­ge häu­fig der Er­folg des ge­sam­ten Fa­mi­li­en­ur­laubs ab: „Wenn die Kin­der glück­lich sind, dann sind es ih­re El­tern auch.“

Je­der Be­wer­ber hat ei­ne ei­ge­ne

Idee mit­ge­bracht, die die klei­nen Ho­tel­gäs­te bei Lau­ne hal­ten soll. Es wer­den Mär­chen er­zählt, ei­ne As­tro­nau­ten­maus tan­zend auf ih­rem Weg ins All be­glei­tet und mit Sid­ney ei­ne stres­si­ge Sa­fa­ri nach­ge­spielt. Ei­ni­ge der Be­wer­ber ha­ben schon ers­te Be­rufs­er­fah­run­gen ge­sam­melt: „Ich ar­bei­te als Kin­der­gärt­ne­rin und ha­be et­was mit­ge­bracht, was den Klei­nen ga­ran­tiert im­mer Spaß macht“, er­zählt Jas­mi­na, nach­dem sie mit ei­nem selbst­ge­bas­tel­ten Hai in der Hand Jagd auf klei­ne Fi­sche ge­macht hat. „Der Job in­ter­es­siert mich vor al­lem, weil er mir die Mög­lich­keit gibt, et­was ganz Neu­es zu er­le­ben, woran ich wach­sen kann“, sagt die 23-Jäh­ri­ge und er­gänzt mit ei­nem La­chen: „Und um mein Eng­lisch auf­zu­bes­sern.“

Im An­schluss an die Ein­zel­prä­sen­ta­tio­nen müs­sen die Be­wer­ber in Teams ein Kon­zept er­ar­bei­ten, mit dem Kin­der un­ter­schied­li­chen Al­ters

un­ter­hal­ten wer­den. Es dau­ert nicht lan­ge, dann steht Sid­ney mit Au­gen­klap­pe, Pi­ra­ten­hut und klei­ner Schatz­tru­he in der Hand hin­ter ei­ner Wand und muss als ver­schol­le­ner Pi­rat von der an­de­ren Grup­pe ge­fun­den wer­den.

Län­ger als zwei Wo­chen war der Schü­ler bis­her noch nicht von zu Hau­se weg. Dass der Ein­satz wäh­rend der Sai­son meh­re­re Mo­na­te dau­ert, stört ihn je­doch nicht: „Ich freue mich ein­fach dar­auf, an­de­re Kul­tu­ren ken­nen­zu­ler­nen und nach der Schu­le et­was an­de­res zu er­le­ben.“

Am En­de des Cas­tings kön­nen er und die an­de­ren zehn Be­wer­be­rin­nen si­cher sein, dass ihr Fern­weh bald ge­lin­dert wird. Al­le wer­den als Kin­der­be­treu­er ge­nom­men. Ihr mög­li­ches Ein­satz­ge­biet er­streckt sich über 49 Län­der. Wo­hin es am En­de geht, ent­schei­det sich im März.

RP-FOTO: ANDREAS BRETZ

Klau­dia ist ei­ne von zehn Ani­ma­teu­rin­nen, die sich bald um Kin­der­be­treu­ung küm­mern wird.

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