Iri­sche Re­vo­lu­ti­on

Die iri­sche Par­tei Sinn Fein hat bei der Wahl ei­nen his­to­ri­schen Durch­bruch ge­schafft und sich ge­gen die bei­den gro­ßen Par­tei­en Fi­ne Ga­el und Fi­an­na Fail durch­ge­setzt. Die Re­gie­rung wird Sinn Fein aber nicht stel­len.

Rheinische Post Hilden - - Stimme Des Westens - VON JO­CHEN WITT­MANN

Die strah­len­de Sie­ge­rin nann­te es „ei­ne Art von Re­vo­lu­ti­on an der Wahl­ur­ne“. Ma­ry Lou McDo­nald ist die Vor­sit­zen­de der iri­schen Par­tei Sinn Fein und konn­te sich in der Nacht zum Mon­tag über ei­nen his­to­ri­schen Durch­bruch freu­en. Am Sonn­tag hat­te die ers­te Hoch­rech­nung nach den Wah­len in Ir­land die links-na­tio­na­le Par­tei noch bei rund 22 Pro­zent und da­mit Kopf an Kopf mit der Re­gie­rungs­par­tei Fi­ne Ga­el und der kon­ser­va­ti­ven Fi­an­na Fail ge­se­hen. Doch als die Erst­prä­fe­ren­zen aus­ge­zählt wa­ren, wur­de klar: Sinn Fein liegt vorn, hat 24,5 Pro­zent der Stim­men ab­ge­räumt und Fi­an­na Fail mit 22,2 Pro­zent und Fi­ne Ga­el mit 20,9 Punk­ten auf die Plät­ze ver­wie­sen.

Das Er­geb­nis ist his­to­risch, weil seit der Grün­dung der Iri­schen Re­pu­blik ei­ne Art Zwei­par­tei­en­sys­tem in Ir­land galt: Stets hat­ten sich Fi­ne Ga­el und Fi­an­na Fail ge­gen­sei­tig an der Macht ab­ge­löst. Nie kam je­mand an­de­res zum Zu­ge als die bei­den bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en. Die klei­ne­ren Par­tei­en konn­ten den bei­den gro­ßen nie ge­fähr­lich wer­den. Jetzt ist das Duo­pol ge­bro­chen. Sinn Fein, ge­schicht­lich mit der Un­ter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on IRA ver­bun­den und des­halb ge­le­gent­lich als „po­li­ti­scher Arm der IRA“be­zeich­net, ist zur po­pu­lärs­ten po­li­ti­schen Kraft im Land ge­wor­den. Der Par­tei, die sich die na­tio­na­le Ein­heit auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat und zu­gleich ei­nen stramm lin­ken Kurs der so­zia­len Ge­rech­tig­keit fährt, scheint die Zu­kunft zu ge­hö­ren. Das Esta­blish­ment muss um­den­ken.

Man spricht von ei­nem „Ju­gend­be­ben“. Bei den Jun­gen be­son­ders, aber auch in an­de­ren Al­ters­grup­pen lag Sinn Fein vorn. Nur bei den über 65-Jäh­ri­gen konn­ten die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en noch punk­ten. Die Bot­schaft der Wahl war klar: Die Wäh­ler wol­len Wan­del. Sinn Fein ver­sprach mas­si­ve Fi­nanz­sprit­zen für das staat­li­che Ge­sund­heits­sys­tem

und will sich auf die gras­sie­ren­de Woh­nungs­not kon­zen­trie­ren – mit der Ein­füh­rung ei­ner Mit­preis­brem­se und der Auf­la­ge ei­nes am­bi­tio­nier­ten Woh­nungs­bau­pro­gramms. Nach Jah­ren der staat­li­chen Aus­te­ri­täts­po­li­tik, die dra­ko­ni­sche Strei­chun­gen im so­zia­len Sek­tor mit sich brach­te, ver­lan­gen die Iren wie­der mehr Staat: 65 Pro­zent, so ver­riet ei­ne Nach­wahl­be­fra­gung, wol­len, dass die Aus­ga­ben für öf­fent­li­che Di­ens­te er­höht wer­den, wäh­rend nur 35 Pro­zent Steu­er­sen­kun­gen vor­zie­hen.

Es war das Un­glück von Pre­mier­mi­nis­ter Leo Va­ra­dkar, dass er ei­ne so er­folg­rei­che Br­ex­it-Po­li­tik ge­macht hat­te. Er konn­te sei­nen bri­ti­schen Amts­kol­le­gen Bo­ris John­son da­zu zwin­gen, kei­ne har­te Gren­ze zwi­schen Nord­ir­land und dem Sü­den der In­sel zu er­lau­ben. Statt­des­sen ver­läuft jetzt die Gren­ze zwi­schen der EU und Groß­bri­tan­ni­en in der Iri­schen See, da Nord­ir­land wei­ter­hin in der Zoll­uni­on ver­bleibt. Doch mit dem Aus­tritt des Kö­nig­reichs En­de Ja­nu­ar ist das Br­ex­it-Dra­ma vor­erst vom Tisch. Für ge­ra­de ein Pro­zent der Iren, so die Nach­wahl­be­fra­gung, war das The­ma wahl­re­le­vant.

Frei­lich be­deu­tet Sinn Feins Tri­umph nicht, dass die Par­tei jetzt die nächs­te Re­gie­rung stel­len wird. Man hat­te dum­mer­wei­se nur 42 Kan­di­da­ten für den „Dail“, das 160 Sit­ze um­fas­sen­de Par­la­ment, auf­ge­stellt und bräuch­te ei­ne Mehr­heit von 80 Man­da­ten. Der Grund für den Pat­zer: Bei den ver­gan­ge­nen Kom­mu­nal- und Eu­ro­pa­wah­len hat­te Sinn Fein gar nicht gut ab­ge­schnit­ten und da­her bei den Par­la­ments­wah­len lie­ber zu­rück­ge­steckt. Das rächt sich jetzt. Man wird bes­ten­falls als Ju­ni­or­part­ner an der nächs­ten Re­gie­rung be­tei­ligt sein.

Wie die aus­se­hen könn­te, bleibt al­ler­dings un­klar. Auf Ir­land kom­men Mo­na­te von Ver­hand­lun­gen zwi­schen den Par­tei­en zu. Fi­an­na Fail dürf­te die stärks­te po­li­ti­sche Kraft im Dail wer­den. Fi­ne Ga­el wird vor­aus­sicht­lich Sit­ze ver­lie­ren. Bei­de Par­tei­en ha­ben wäh­rend

Die klei­ne­ren Par­tei­en konn­ten den bei­den gro­ßen nie ge­fähr­lich wer­den. Jetzt ist das Duo­pol ge­bro­chen.

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