Lan­ger Kampf für ei­ne ei­ge­ne Kir­che

Vor 300 Jah­ren be­gan­nen die Ar­bei­ten für das Bet­haus in Gruiten. Die Ar­chi­ve be­rich­ten von zahl­rei­chen Pro­ble­men und Hin­der­nis­sen, weiß Hei­mat­for­scher Lothar Wel­ler.

Rheinische Post Hilden - - Haan - VON CHRIS­TOPH SCHMIDT

GRUITEN Das Dorf Gruiten, heu­te ein Stadt­teil von Ha­an, ist schon sehr alt. Es ent­stand als Wei­ler im Düs­sel­tal in der Zeit um 1000. Am 5. Ju­ni 1719 wur­de der Grund­stein für die re­for­mier­te Kir­che im Dorf ge­legt. Was das be­deu­te­te, kann man erst ver­ste­hen, wenn man die span­nen­de Vor­ge­schich­te kennt.

1611 wech­sel­te Grui­tens ka­tho­li­scher Pries­ter die Sei­te und wur­de als re­for­mier­ter Pre­di­ger der Ge­mein­de Gruiten in die Ber­gi­sche Syn­ode auf­ge­nom­men. Und da­mit war das klei­ne Dorf mit­ten drin im Kir­chen­kampf. Denn nach dem frü­hem Tod (1615) des Kon­ver­tier­ten setz­te das Klos­ter Gräf­rath un­ter An­wen­dung von Ge­walt wie­der ei­nen ka­tho­li­schen Pries­ter in Gruiten ein. Den Re­for­mier­ten wur­de durch die welt­li­che

„... weil wir als ei­ne von Kir­chen­be­sitz ent­blös­te Ge­mein­de im Elend le­ben ...“

Aus ei­nem Bitt­brief von 1719

Ob­rig­keit die Nut­zung der Kir­che und des Pfarr­gu­tes un­ter­sagt. Die Grui­tener Pro­tes­tan­ten hat­ten kei­nen ei­ge­nen Pre­di­ger und kei­ne ei­ge­ne Kir­che und muss­ten des­halb in Nach­bar­ge­mein­den aus­wei­chen.

1618 be­ginnt der 30-jäh­ri­ge Krieg. Deutsch­land wird zum Schlacht­feld ei­nes po­li­ti­schen Kon­flikts der Nach­bar­län­der, der un­ter re­li­giö­sen Vor­zei­chen – Ka­tho­li­ken ge­gen Pro­tes­tan­ten – aus­ge­tra­gen wird. Es ist der schlimms­te, bru­tals­te und ver­hee­rends­te Krieg, den Deutsch­land je ge­se­hen hat. Am En­de 1648, sind in man­chen Land­stri­chen 40 Pro­zent der Be­völ­ke­rung tot.

Erst 1647 gibt es ein Le­bens­zei­chen der re­for­mier­ten Ge­mein­de Gruiten, sie ist nicht un­ter­ge­gan­gen: In die­sem Jahr nimmt wie­der ein Äl­tes­ter aus Gruiten an ei­nem Kon­vent teil. Da­nach ist 20 Jah­re nichts mehr zu fin­den. Erst 1665-70 tre­ten wie­der Grui­tener Re­for­mier­te bei Syn­oden auf, um Be­schwer­den ge­gen Maß­nah­men des ka­tho­li­schen Pfar­rers von Gruiten in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vor­zu­tra­gen und Un­ter­stüt­zung ge­gen Stra­fen der welt­li­chen Ob­rig­keit zu er­bit­ten.

1672 schlie­ßen die re­gie­ren­den Fürs­ten er­neut (wie schon 1648) ei­nen Re­li­gi­ons­ver­gleich. 1674 dür­fen auch die Re­for­mier­ten in Gruiten

end­lich ih­re Re­li­gi­on öf­fent­lich aus­üben – mit al­lem, was da­zu ge­hört. 1675 be­kommt die Ge­mein­de den ers­ten ei­ge­nen Pre­di­ger Tho­mas Kol­ha­gen. Sie hat aber im­mer noch kei­ne Kir­che. Die Re­for­mier­ten stel­len zwar die Mehr­heit der Ein­woh­ner im Dorf, Zu­griff auf den kirch­li­chen Be­sitz ha­ben sie aber nicht. Wenn sie ih­re Ver­stor­be­nen auf dem Fried­hof be­er­di­gen wol­len, müs­sen sie da­für ei­ne Ge­bühr an den ka­tho­li­schen Pfar­rer be­zah­len. Und die „Ket­zer“brau­chen die Er­laub­nis, bei Be­er­di­gun­gen die Glo­cke der ka­tho­li­schen Kir­che läu­ten zu dür­fen. Die­se Zu­stän­de sor­gen für Dau­er-Streit. Des­halb be­schlie­ßen die Pro­tes­tan­ten ein Grund­stück zu kau­fen und dort ein Bet­haus zu er­rich­ten. Da­für brau­chen sie die Er­laub­nis der Ob­rig­keit. Sie schrei­ben ei­nen Bitt­brief, den Lothar Wel­ler über­setzt hat: „So weh­re nun un­ser fle­hend­li­ches Er­su­chen, weil wir als ei­ne von Kir­chen­be­sitz ent­blös­te Ge­mein­de im Elend le­ben, für un­sern Pre­di­gern kein Hauß noch Her­ber­ge ha­ben, in ei­nem ver­fal­len­den Back­hauß uns­ren Got­tes­dienst mü­ßen ver­rich­ten, daß wir nun wohl ge­sin­net weh­ren, mit der Hul­ffe Got­tes ein Häuß­gen auf­zu­rich­ten, wenn sol­ches uns könn­te er­lau­bet wer­den. Wir hof­fen, es wer­den sich mil­de Ge­ber fin­den, wel­che dem Bauw der Kir­che mit ei­ner mil­den Bey­steu­er

bey­sprin­gen, wenn sie die Ver­si­che­rung ha­ben, daß uns von Ihro Durch­laucht er­lau­bet und ver­guns­ti­get wur­de, zu bau­wen.“So wird 1682 ein Pre­digt­haus mit Woh­nung für die Fa­mi­lie des Pre­di­gers er­baut.

Erst vor die­sem Hin­ter­grund kann man ver­ste­hen, was es für die Gläu­bi­gen be­deu­tet ha­ben muss, als am 5. Ju­ni 1719 der Grund­stein für die Grui­tener „Kir­che im Dorf“ge­legt wird. Das Con­sis­to­ri­um streckt zur Fi­nan­zie­rung 100 Reichstha­ler aus der Ar­men­kas­se vor. Man hofft, durch Kol­lek­ten und Spen­den die­sen Vor­schuss wie­der zu­rück­zah­len zu kön­nen. Es gibt – wie heu­te auch – je­de Men­ge Pro­ble­me und Är­ger mit den Hand­wer­kern und „sa­e­u­mi­gen, ei­gen­sin­ni­gen und wi­der­spens­ti­gen Gei­mens­mit­glie­dern“, die sich of­fen­bar wei­gern, ihr Scherf­lein für die neue Kir­che bei­zu­tra­gen. Der Pas­tor geht mehr­fach auf Spen­den­tour, be­rich­tet Lothar Wel­ler, so­gar nach Duisburg, Mühl­heim/Ruhr und Kett­wig. Doch das Geld reicht im­mer noch nicht Des­halb wird mehr nur in der Nach­bar­schaft, son­dern auch bei Glau­bens­brü­dern am gan­zen Nie­der­rhein, in West­fa­len und selbst in Hol­land ge­sam­melt. So fi­nan­zie­ren heu­te noch vie­le mus­li­mi­sche Ge­mein­den bei uns ih­re Mo­sche­en. Auch Ga­ben von Be­hör­den ge­hen ein, hat Wel­ler re­cher­chiert: vom Ma­gis­trat zu Soest, den Städ­ten Bie­le­feld, Iser­lohn und Plet­ten­berg, von der Herr­schaft Ber­le­burg, der We­ber­zunft zu Bie­den­kopf, der Schuh­ma­cher­zunft Mar­burg, Zünf­ten aus Bie­le­feld, vom Bür­ger­meis­ter zu Har­den­berg und von der Uni­ver­si­tät Duisburg. Al­le ha­ben für die klei­ne Kir­che im Dorf Gruiten ge­spen­det.

2018 Reichstha­ler kom­men zu­sam­men. Fei­er­lich wird das Got­tes­haus am 5. Ok­to­ber 1721 ein­ge­weiht: Die Kir­che ist nicht kom­plett be­zahlt. Und Geld für Glo­cken hat man auch nicht. Aber die re­for­mier­te Ge­mein­de Gruiten hat end­lich – mit Got­tes Hil­fe – ei­ne ei­ge­ne Kir­che. 300 Jah­re ist das jetzt her.

RP-FO­TO: STE­PHAN KÖHLEN

Die Kir­che der evan­ge­lisch-re­for­mier­ten Kir­chen­ge­mein­de Gruiten-Schöl­ler in Gruiten-Dorf. Das Kirch­lein steht di­rekt an der Düs­sel. Rechts ist das Pfarr­haus, links das Pre­digt­haus.

RP-FO­TO:STE­PHAN KÖHLEN

Sch­licht, weiß, an­rüh­rend: Die evan­ge­lisch-re­for­mier­te Kir­che in Gruiten-Dorf ist ein be­son­de­rer Schatz. Blick ins In­ne­re.

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