Was Net­zer und Vogts mit Fortu­na ver­bin­det

Der Re­gis­seur und der Ab­wehr­spe­zia­list präg­ten Glad­bach. Doch fast wä­ren bei­de in Düsseldorf ge­lan­det.

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Sport - VON KARS­TEN KEL­LER­MANN

Wä­re Bru­no Recht, da­mals Prä­si­dent von Fortu­na Düsseldorf, an je­nem Tag zur Ver­ab­re­dung in dem Mön­chen­glad­ba­cher Re­stau­rant er­schie­nen, dann wä­re heu­te vi­el­leicht al­les an­ders. Bei Bo­rus­sia. Und bei Fortu­na Düsseldorf. Denn so war­te­te Gün­ter Net­zer mit sei­nem Va­ter ver­ge­bens auf den Fortu­na-Boss. An­sons­ten wä­re Net­zers Ver­trag bei Fortu­na wohl un­ter­schrie­ben wor­den. So war es näm­lich ver­ein­bart. Doch Recht kam nicht. „War­um nicht? Ich weiß es nicht, es gab kei­ne Aus­sa­ge, kei­ne nach­träg­li­che Er­klä­rung, es gab nur mei­ne Ent­täu­schung“, no­tier­te Net­zer vie­le Jah­re spä­ter in sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Aus der Tie­fe des Rau­mes“.

Der zwei­te ganz gro­ße Bo­rus­se, Ber­ti Vogts, wä­re eben­falls um ein Haar bei Fortu­na ge­lan­det, dem Klub, dem in sei­ner Kind­heit sein Herz ge­hör­te. „Ich war auch kurz da­vor bei Fortu­na zu un­ter­schrei­ben. Ich hät­te dort auch mehr Geld ver­die­nen kön­nen als in Glad­bach. Aber Dett­mar Cra­mer, der da­mals mein U18-Aus­wahl­trai­ner war, hat mir ge­sagt, ich sol­le nicht aufs Geld schau­en, son­dern auf die sport­li­che Per­spek­ti­ve. Er riet mir, zu Bo­rus­sia zu ge­hen. Er sag­te: Da sind vie­le Spie­ler, die ich aus der Aus­wahl kann­te, wie Gün­ter Net­zer, Jupp Heynckes oder Wer­ner Wad­dey. Und du hast da ei­nen Trai­ner, der nur mit jun­gen Leu­ten ar­bei­tet – Hen­nes Weis­wei­ler. Dett­mar Cra­mer hat al­so ei­gent­lich da­für ge­sorgt, dass ich Bo­rus­se wur­de“, er­zähl­te Vogts 2017 im Ge­spräch mit un­se­rer Redaktion.

Man stel­le sich das mal vor: Net­zer wä­re nicht der „King vom Bö­kel­berg“, son­dern der „King der Kö­nigs­al­lee“ge­wor­den. Und Vogts hät­te die Stür­mer Eu­ro­pas nicht in Schwarz-Weiß-Grün, son­dern in Rot-Weiß ver­folgt und an­ge­ket­tet. Be­trach­tet man die Fortu­na je­ner Ta­ge, so hät­te es durch­aus ge­passt mit den bei­den.

Denn die Düs­sel­dor­fer, die 1971 in die Bun­des­li­ga auf­stie­gen, hat­ten ein spiel­star­kes Team und in Heinz Lu­cas, dem Ber­li­ner, ei­nen Trai­ner, der ei­nen ähn­li­chen Fuß­ball­stil wie Weis­wei­ler spie­len ließ und ein vä­ter­li­cher Typ war. Für bei­de, Net­zer wie Vogts, war der mensch­li­che Aspekt stets wich­tig in der Be­zie­hung zu Weis­wei­ler. Vi­el­leicht hät­te es statt des Köl­ners auch der Ber­li­ner sein kön­nen, der die­se Rol­le spielt.

Fortu­na je­den­falls hat da­mals vi­el­leicht ge­nau das Quänt­chen Klas­se ge­fehlt, um ein ganz gro­ßes Team zu ha­ben, wie es sich dann in Glad­bach ent­wi­ckel­te. Dort ging es fuß­bal­le­risch vor Net­zer und Co. eher ro­bust zu, wie der Zam­pa­no schreibt. „Ein schlech­te­res Image als die Bo­rus­sia es hat­te, konn­te man im Fuß­ball in die­ser Re­gi­on und zu die­ser Zeit kaum ha­ben. Woll­te man die da­ma­li­ge Bo­rus­sia lo­ben, so konn­te man sa­gen, dass sie ei­ne Kampf­mann­schaft war. Et­was we­ni­ger nett for­mu­liert muss­te man al­ler­dings fest­stel­len, dass ihr Fuß­ball nichts wei­ter als de­struk­tiv war, furcht­bar de­struk­tiv, kul­tur­los, ide­en­los – es wur­de ro­bust ge­bolzt. Hät­te ich da­mals schon ei­nen Plan ver­folgt, wie mein fuß­bal­le­ri­scher Auf­stieg sich zu voll­zie­hen hät­te, nie und nim­mer hät­te ich die­se Wahl tref­fen dür­fen“, heißt es.

Preu­ßen Müns­ter buhl­te ne­ben den For­tu­nen um Net­zers Gunst, doch der jun­ge Mann war hei­mat­ver­bun­den: „Bo­rus­sia war in je­der Hin­sicht die na­he­lie­gen­de Lö­sung. Ich konn­te da­heim woh­nen blei­ben, mei­ne El­tern hat­ten mich um sich und ich konn­te in ei­ner Li­ga spie­len, in ei­ner Mann­schaft, in der ich für mei­nen Spaß auch noch Geld be­kam“. Das war 1963. Da war noch Fritz Lang­ner Trai­ner. Er leg­te die Ba­sis für die Foh­len­elf, ging dann aber 1964 zu Schal­ke in die Bun­des­li­ga. Weis­wei­ler kam. 1965 stieg Bo­rus­sia in die Bun­des­li­ga auf. Weis­wei­ler hol­te nun auch Vogts. „Er hat al­le Re­gis­ter ge­zo­gen. Ich durf­te im Schlaf­wa­gen mit dem Team mit zum Auf­stiegs­run­den­spiel in Kiel fah­ren. Das war na­tür­lich be­ein­dru­ckend. Auf der Rück­fahrt ha­be ich un­ter­schrie­ben“, sag­te Vogts im In­ter­view.

Nun wa­ren sie al­le da bei Bo­rus­sia: Net­zer, Vogts und Heynckes. Und Weis­wei­ler, der „Va­ter der Foh­len­elf“. Es war die per­fek­te Uni­on bei Bo­rus­sia, ei­ne Jahr­hun­dert-Zu­sam­men­kunft, die al­les hat­te: Spiel­witz, Kampf­kraft, Ehr­geiz und Ge­nie. „Weis­wei­ler und wir, das pass­te zu­sam­men. Und bei­de Tei­le wuch­sen an­ein­an­der und lern­ten von­ein­an­der. Zu­sam­men wur­den wir stark und groß“, schreibt Net­zer.

Was ge­we­sen wä­re, wenn Weis­wei­lers Me­lan­ge zwei Zu­ta­ten ge­fehlt hät­ten? Ei­ne hy­po­the­ti­sche Fra­ge. Doch ist es im­mer die Sum­me der Tei­le, die ei­ne Sa­che aus­macht, und wenn zwei ent­schei­den­de Tei­le feh­len, kann es ver­hee­rend sein. Von da­her muss Bo­rus­sia Bru­no Recht und Dett­mar Cra­mer dank­bar sein. Denn oh­ne sie hät­te es vi­el­leicht die wun­der­ba­ren 1970er Jah­re, wel­che die Ba­sis sind auch für Bo­rus­si­as Ge­gen­wart, nie ge­ge­ben. Vi­el­leicht wä­re sonst Fortu­na heu­te die gro­ße Num­mer am Nie­der­rhein. Doch das Schick­sal hat sich da­mals wohl für Glad­bach ent­schie­den.

FO­TO: IM­A­GO IMAGES

Tref­fen in der Foh­len­welt in Mön­chen­glad­bach: Gün­ter Net­zer (li.) und Ber­ti Vogts im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber.

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