Die jun­gen Lin­ken lie­ben „Ber­nie“

Der 78-jäh­ri­ge San­ders ge­wann die Vor­wahl in New Hamp­shire vor dem 40 Jah­re jün­ge­ren But­ti­gieg. Noch ist das Ren­nen völ­lig of­fen.

Rheinische Post Hilden - - Politik - VON FRANK HERR­MANN

CON­CORD Nach ei­ner Faust­re­gel ame­ri­ka­ni­scher Vor­wah­len gibt es nur zwei Fahr­kar­ten her­aus aus New Hamp­shire. Dem­nach kann nur Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat sei­ner Par­tei wer­den, wer bei der Pri­ma­ry dort die Zi­el­li­nie als Ers­ter oder Zwei­ter über­quert. Theo­re­tisch wä­re da­mit ent­schie­den, dass die De­mo­kra­ten auf ih­rem Wahl­kon­vent im Ju­li in Mil­wau­kee Ber­nie San­ders oder Pe­te But­ti­gieg zum Her­aus­for­de­rer Do­nald Trumps kü­ren. San­ders, mit 78 der Äl­tes­te des Be­wer­ber­felds, hol­te im „Gra­ni­te Sta­te“knapp 26 Pro­zent der Stim­men. But­ti­gieg, mit 38 der Jüngs­te, kam auf 24 Pro­zent.

Auf Faust­re­geln aber soll­te man in die­sem Jahr nicht all­zu sehr bau­en. Da­zu ist in ei­ner Par­tei, die hef­ti­ge Flü­gel­kämp­fe aus­trägt, zu vie­les im Fluss. Fest steht nach New Hamp­shire nur dies: Die Lin­ke hat in San­ders, wie schon 2016 beim Du­ell ge­gen Hil­la­ry Cl­in­ton, er­neut ih­ren Cham­pi­on ge­fun­den. Eliz­a­beth War­ren, die pro­gram­ma­tisch mit dem Se­na­tor aus Ver­mont auf ei­ner Li­nie liegt, die wie er ein staat­lich or­ga­ni­sier­tes Ge­sund­heits­sys­tem und ge­büh­ren­freie Uni­ver­si­tä­ten an­strebt, muss ih­re Hoff­nun­gen an­ge­sichts ei­nes ent­täu­schen­den vier­ten Plat­zes wohl schon be­gra­ben. So de­tail­liert ih­re Re­form­plä­ne auch sind, letzt­lich hat sie dem knor­rig Au­then­ti­schen, das jun­ge Ame­ri­ka­ner an San­ders schät­zen, kein ei­ge­nes Cha­rak­ter­pro­fil ent­ge­gen­zu­set­zen, das stark ge­nug wä­re, um mit der un­ver­wech­sel­ba­ren Mar­ke „Ber­nie“zu kon­kur­rie­ren.

Of­fen bleibt, wer den mo­de­ra­ten Par­tei­flü­gel an­füh­ren wird. Nach heu­ti­gem Stand sind es drei Be­wer­ber, die sich Chan­cen aus­rech­nen kön­nen: Pe­te But­ti­gieg, Amy Klo­buchar und Micha­el Bloom­berg. But­ti­gieg hat be­stä­tigt, dass sein Auf­takt­sieg – oder zu­min­dest das Re­mis ge­gen San­ders – in Io­wa kei­ne Ein­tags­flie­ge war. Mit ihm stürmt je­nes Na­tur­ta­lent aus der Pro­vinz auf die Büh­ne, für das Ame­ri­kas De­mo­kra­ten ei­ne Schwä­che ha­ben. Was Bill Cl­in­ton 1992 war und Ba­rack Oba­ma 2008, das ist 2020 der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter von South Bend, In­dia­na. Al­ler­dings muss But­ti­gieg zwei Här­te­tests be­ste­hen, be­vor am „Su­per Tu­es­day“An­fang März vor­aus­sicht­lich die Ent­schei­dung fällt. In Io­wa wie in New Hamp­shire wa­ren es zu rund 90 Pro­zent wei­ße Wäh­ler, die ab­ge­stimmt ha­ben, in New Hamp­shire üb­ri­gens nicht nur re­gis­trier­te De­mo­kra­ten, son­dern auch Un­ab­hän­gi­ge, die sich an kei­ne Par­tei bin­den wol­len. In Ne­va­da, auf der drit­ten Etap­pe des Ren­nens, wer­den La­ti­nos maß­geb­lich ins Ge­sche­hen ein­grei­fen. In South Ca­ro­li­na, auf der vier­ten, bil­den schwar­ze Ame­ri­ka­ner das Gros der Par­tei­ba­sis. Vor al­lem un­ter ih­nen, wirt­schafts­po­li­tisch pro­gres­siv, ge­sell­schaft­lich eher kon­ser­va­tiv, vie­le in der Kir­che ver­wur­zelt, herrscht Skep­sis ge­gen­über ei­nem Po­li­ti­ker, der of­fen ho­mo­se­xu­ell lebt. Ob But­ti­gieg das zu än­dern ver­mag, wird sich er­wei­sen.

Amy Klo­buchar, die Se­na­to­rin aus Min­ne­so­ta, hat mit ei­nem star­ken drit­ten Rang (20 Pro­zent) die Er­war­tun­gen über­trof­fen. Of­fen­sicht­lich hat sie bei Leu­ten ge­punk­tet, die den Glau­ben an Joe Bi­den ver­lo­ren ha­ben, den ur­sprüng­lich haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten, der zu mü­de, zu fah­rig wirkt. Und in den Au­gen je­ner, die But­ti­gieg zwar ei­ne gro­ße Zu­kunft pro­phe­zei­en, ihn aber noch für zu un­er­fah­ren hal­ten, pro­fi­liert sie sich als die we­ni­ger ris­kan­te Al­ter­na­ti­ve. Klo­buchar, im US-Se­nat be­kannt durch Ver­su­che, über Par­tei­gren­zen hin­weg mit Re­pu­bli­ka­nern zu ko­ope­rie­ren, steht für die Sehn­sucht nach Kom­pro­mis­sen in der Mit­te. Nur: Auch sie muss in Ne­va­da und South Ca­ro­li­na erst zei­gen, ob sie in ei­nem Mi­lieu be­ste­hen kann, das die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in ih­rer gan­zen Viel­falt wi­der­spie­gelt.

Schließ­lich Mi­ke Bloom­berg, der die ris­kan­te Wet­te ein­geht, dass man auch ge­win­nen kann, wenn man sich bis zum „Su­per Tu­es­day“mit der Zu­schau­er­rol­le be­gnügt, um erst ein­zu­stei­gen, wenn Be­völ­ke­rungs­rie­sen wie Ka­li­for­ni­en oder Te­xas ihr Ge­wicht in die Waag­scha­le wer­fen. Klar ist, dass sein Be­kannt­heits­grad den sei­ner Kon­tra­hen­ten, ab­ge­se­hen vi­el­leicht von San­ders, über­strahlt. Klar ist auch, dass ein Ex-Bür­ger­meis­ter New Yorks glaub­haf­ter den ver­wal­tungs­er­fah­re­nen Prak­ti­ker ge­ben kann als ein Ex-Bür­ger­meis­ter South Bends. Klar ist schließ­lich, dass ein 77-Jäh­ri­ger wie Bloom­berg mehr po­li­ti­schen Bal­last mit sich her­um­schleppt als ein New­co­mer wie But­ti­gieg. Wie auch im­mer, ein Mul­timil­li­ar­där, der sei­ne Kam­pa­gne samt teu­rer, flä­chen­de­cken­der Fern­seh­wer­bung mü­he­los fi­nan­zie­ren kann, oh­ne auf die Gunst von Spen­dern an­ge­wie­sen zu sein – so et­was kann­ten die De­mo­kra­ten bis da­to nicht. Al­lein we­gen der gro­ßen Un­be­kann­ten Bloom­berg gilt: Al­te Faust­re­geln ver­lie­ren dies­mal vi­el­leicht ih­re Gül­tig­keit.

FO­TO: AFP

Se­na­tor Ber­nie San­ders hat die wich­ti­ge Prä­si­dent­schafts­vor­wahl der US-De­mo­kra­ten im Bun­des­staat New Hamp­shire für sich ent­schie­den.

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