„Herbst­milch“-Re­gis­seur Jo­seph Vilsmaier ist ge­stor­ben

Rheinische Post Hilden - - Kultur - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

MÜN­CHEN In Fil­men von Jo­seph Vilsmaier hat man ge­merkt, wie schön das ei­gent­lich ist, da­zu­sit­zen und et­was er­zählt zu be­kom­men. Vilsmaier er­zähl­te ganz ur­sprüng­lich, ar­cha­isch mit­un­ter, und im­mer aus dem Bauch her­aus. Er be­nö­tig­te kei­ne Ef­fek­te da­für, er ver­trau­te ein­fach auf die Kraft sei­ner Ge­schich­ten, auf die Wirk­macht sei­ner Bil­der.

„Herbst­milch“war 1988 sein ers­ter Ki­no­film, und man kann sich gut vor­stel­len, was ihn an der Buch­vor­la­ge ge­reizt hat. Der 65 Jah­re al­ten Bäue­rin An­na Wim­schnei­der war mit ih­ren Er­in­ne­run­gen ei­ner der größ­ten Er­fol­ge auf dem deut­schen Buch­markt ge­lun­gen. Bin­nen vier Wo­chen hat­te sie den her­ben Text in zwei Schul­hef­te ge­schrie­ben. Sie be­rich­te­te von ih­rem ent­beh­rungs­rei­chen Le­ben in Nie­der­bay­ern. Mit acht ar­bei­te­te sie be­reits dem Va­ter auf dem Hof zu, im Krieg führ­te sie den Hof des Man­nes, der an der Front war. Vilsmaier be­setz­te sei­ne Frau Da­na Váv­ro­vá für die Haupt­rol­le, und ge­mein­sam er­reich­ten sie mit ih­rer emo­tio­na­len Er­zäh­lung über ei­ne Frau, die trotz al­ler Mü­hen und Be­drän­gun­gen ih­re Em­pa­thie und ih­ren An­stand nie ver­liert, zwei­ein­halb Mil­lio­nen Zu­schau­er.

Vilsmaier war fas­zi­niert von Schick­sa­len, sein Werk wim­melt von Men­schen, die sich un­ter wid­ri­gen Um­stän­den be­haup­ten müs­sen wie die Mess­ner-Brü­der in „Nan­ga Par­bat“. Er schlug sich da­bei stets auf de­ren Sei­te, er hat immerzu für das Hu­ma­ne Par­tei er­grif­fen, für die

Auf­rich­tig­keit, und ge­nau das war­fen ihm ei­ni­ge Kri­ti­ker vor, weil sie die­sen Zug als fal­schen Hang zum Sen­ti­ment wer­te­ten. Vilsmaier hör­te nicht dar­auf, er konn­te nichts Schlim­mes dar­an fin­den, als Fil­me­ma­cher auch mal geis­tig-mo­ra­li­sche Er­bau­ungs­ar­beit zu leis­ten, und er dreh­te ein­fach wei­ter: „Schla­fes Bru­der“wur­de für den Os­car no­mi­niert, „Co­me­di­an Har­mo­nists“wur­de ein Kas­sen­knül­ler. Im­mer tie­fer drang Vilsmaier in die deut­sche Ge­schich­te vor, be­rich­te­te in „Ra­ma da­ma“, „Sta­lin­grad“und „Die Gust­loff“, wie un­mensch­lich es zu­ging.

Er war Münch­ner, dort wur­de ge­bo­ren, dort stu­dier­te er Mu­sik mit dem Schwer­punkt Kla­vier, und dort jobb­te er beim Film. Ers­te En­ga­ge­ments hat­te er als Ka­me­ra­mann et­wa beim „Tat­ort“. Am Set lern­te er auch sei­ne Frau ken­nen, und mit En­de 40 setz­te er sich dann auf den Re­gie­stuhl. „Sepp“ha­ben sie ihn ge­nannt, und si­cher wer­den sie sei­nen Na­men oft an ein Seuf­zen ge­kop­pelt ha­ben. Ein Dick­kopf war der Vilsmaier, als „hu­mo­ri­gen Qu­er­kopf“be­zeich­ne­te ihn Ha­pe Ker­ke­ling. Vilsmaier ließ sich nicht ger­ne rein­re­den, wes­we­gen er bald sei­ne ei­ge­ne Pro­duk­ti­ons­fir­ma grün­de­te.

Der Mensch in der Na­tur, das in­ter­es­sier­te Vilsmaier, das Klei­ne in­mit­ten des Er­ha­be­nen. Die Land­schaft

sei­ner Hei­mat dien­te da­bei oft als In­spi­ra­ti­on und Hin­ter­grund, er hat sie auch in Do­ku­men­tar­fil­men

auf der Lein­wand aus­ge­brei­tet, und lo­gisch war ei­gent­lich, dass er ir­gend­wann Adal­bert Stif­ter ver­fil­men wür­de. „Wir wol­len das sanf­te Ge­setz zu er­bli­cken su­chen, wo­durch das mensch­li­che Ge­schlecht ge­lei­tet wird“, hat­te der 1835 in sei­ner be­rühm­ten Vor­re­de zur No­vel­len­samm­lung „Bun­te St­ei­ne“ge­schrie­ben. 2004 brach­te Vilsmaier schließ­lich Stif­ters Er­zäh­lung „Berg­kris­tall“ins Ki­no, zwei Kin­der im mäch­ti­gen Eis des Hoch­ge­bir­ges, und das al­les am Hei­li­gen Abend. Das war ge­nau Vils­mai­ers Su­jet.

Zu­letzt konn­te sich Jo­seph Vilsmaier nur noch ein­ge­schränkt be­we­gen. Bei den Dreh­ar­bei­ten zu „Der letz­te Zug“war der Re­gie­turm zu­sam­men­ge­bro­chen, auf dem er saß, da­bei ver­letz­te er sich. Sei­ne Frau Da­na Váv­ro­vá, mit der er drei Kin­der hat, ist vor elf Jah­ren an Krebs ge­stor­ben. Den­noch dreh­te Vilsmaier im­mer wei­ter, erst im Ja­nu­ar stell­te er „Der Bo­andlkra­mer und die ewi­ge Lie­be“fer­tig, ge­mein­sam mit Bul­ly Her­big.

Die für No­vem­ber ge­plan­te Pre­mie­re wird er nun nicht mehr er­le­ben. Der Ge­schich­ten­er­zäh­ler Jo­seph Vilsmaier ist in Mün­chen ge­stor­ben. Er wur­de 81 Jah­re alt.

FO­TO: DPA

Jo­seph Vilsmaier wur­de 81 Jah­re alt.

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