Aus dem Schat­ten der Schwes­ter

Kli­ma-Ak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg ist welt­be­rühmt. Ih­re Schwes­ter Bea­ta Ern­man be­tritt nun auch die gro­ße Büh­ne und wird in Schwe­den als Sän­ge­rin ge­fei­ert. Bald spielt sie in ei­nem Mu­si­cal die jun­ge Edith Piaf.

Rheinische Post Hilden - - Panorama - VON AN­DRÉ AN­WAR

STOCKHOLM Im Hau­se Thun­berg schlum­mern noch wei­te­re Ta­len­te: Nach der welt­be­rühm­ten Kli­ma­schüt­ze­rin Gre­ta Thun­berg (17) sorgt nun auch ih­re klei­ne Schwes­ter Bea­ta für Auf­se­hen. Die 14-Jäh­ri­ge er­obert als Sän­ge­rin mit ge­sell­schaft­li­chem En­ga­ge­ment die Her­zen der Schwe­den.

Ih­ren ers­ten gro­ßen Durch­bruch hat­te sie, al­ler­dings da­mals noch im Schat­ten der Schwes­ter, im ver­gan­ge­nen Jahr: Im größ­ten schwe­di­schen Pri­vat­fern­seh­sen­der TV4 gab sie ein In­ter­view und sang. In An­leh­nung an die Ver­fil­mung der schwe­di­schen An­ti-Mob­bing-Kin­der­buch­rei­he „Ein Hand­buch für Su­per­hel­den“, die an Pip­pi Langs­trumpf er­in­nert, trat sie im ro­ten Hel­den­kos­tüm auf. Die­ses Out­fit trägt auch die ge­mobb­te Se­ri­en-Su­per­hel­din „Li­sa“. Da­zu sang Bea­ta das Se­ri­en­lied „Ba­ra du vill“(Wenn du nur willst). Die Ju­gend­li­che will Kin­dern, die ge­hän­selt wer­den, Mut und Trost spen­den. „Auch ich wur­de ge­mobbt“, sag­te Bea­ta vor dem Auf­tritt.

„Du hast ei­ne fan­tas­ti­sche Stim­me“, be­fand Mo­de­ra­to­rin Ma­lou von Si­vers in der Sen­dung, und ganz Schwe­den stimm­te ein. „Ei­ne fan­tas­ti­sche Stim­me, ein fan­tas­ti­sches Mäd­chen“, schrieb ei­ne Zu­schaue­rin. „Ich muss wei­nen, wenn ich Bea­ta hö­re. Was für ein Ta­lent“, hieß es in ei­nem an­de­ren Kom­men­tar. „Viel Glück Bea­ta! Die Welt braucht sol­che wie dich“, war ei­ne wei­te­re Zu­schau­er­mei­nung. Auch die Me­di­en sind voll des Lo­bes für Bea­ta.

Die Ju­gend­li­che hat wie nur we­ni­ge Men­schen ein ab­so­lu­tes Ge­hör. Sie kor­ri­gie­re mit ih­rem Ge­hör so­gar die Mut­ter, Ma­le­na Ern­man (49), ei­ne be­kann­te Opern­sän­ge­rin, die Schwe­den im Jahr 2009 beim Eu­ro­vi­si­on Song Con­test ver­trat, sag­te Bea­ta. „Das ist ein Scherz, den wir zu­ein­an­der sa­gen, aber es ist auch kei­ne Lü­ge.“

Für Bea­ta hat­ten die El­tern frü­her kaum Zeit, weil Gre­ta an erns­ten psy­chi­schen Pro­ble­men litt. Die gan­ze Fa­mi­lie ha­be sich um sie ge­sorgt, wie die Mut­ter er­zählt. Gre­ta selbst sag­te: „Ich be­kam da­mals ei­ne De­pres­si­on, saß nur noch Zu­hau­se her­um, ging nicht mehr in die Schu­le. Ich hör­te auf zu es­sen, hör­te auf zu re­den. Ich sah kei­nen Grund mehr, um wei­ter­le­ben. Ich wur­de sehr krank, war ziem­lich un­ter­ernährt, ver­lor rund zehn Ki­lo­gramm in zwei Mo­na­ten.“Dann ent­deck­te sie den Kli­ma­schutz als ih­ren Le­bens­sinn.

Wie fühl­te sich ih­re Kind­heit an der Sei­te die­ser Schwes­ter für Bea­ta an? „Ein­sam“, sag­te sie. „Ich konn­te nichts tun, ich hielt mich ab­seits“. Auch Bea­ta be­kam ei­ne psych­ia­tri­sche Dia­gno­se: Sie hat ADHS, Asper­ger und ei­ne ex­tre­me Ge­räu­schüber­emp­find­lich­keit, wie sie of­fen er­zählt. Auch heu­te noch fal­le es ihr schwer, im Un­ter­richt an ih­rer Schu­le mit Schwer­punkt Mu­sik still auf dem Stuhl zu sit­zen. Die Dia­gno­se sei ei­ne Er­leich­te­rung für sie ge­we­sen, sagt Bea­ta. Da­durch ha­be sie ver­stan­den, wie­so sie ist, wie sie ist. „Mir fällt es schwer, mich zu kon­zen­trie­ren, ich bin über­emp­find­lich. Wenn man sich für et­was en­ga­giert, tut man es to­tal, und wenn man et­was hasst, hasst man es to­tal, man kann es nicht kon­trol­lie­ren“, be­schreibt sie ih­re „psy­chi­schen Ei­gen­hei­ten“

– die sie aus­drück­lich nicht als Krank­hei­ten be­zeich­net.

Wie ih­re Schwes­ter im Kli­ma­schutz hat Bea­ta in der Mu­sik so­wie im Kampf ge­gen Mob­bing und Dis­kri­mi­nie­rung von „psy­chisch an­ders ti­cken­den Men­schen“neu­en Le­bens­mut ge­fun­den, sagt sie. Die zwei Schwes­tern ha­ben zu­dem ei­ne Stif­tung ge­grün­det, um Gre­tas Preis­gel­der und die vie­len Spen­den zu ver­wal­ten und zu re­inves­tie­ren. Ge­för­dert wer­den sol­len dem­nach Pro­jek­te für Kli­ma­schutz und men­ta­le Ge­sund­heit. Bea­ta en­ga­giert sich au­ßer­dem für den Fe­mi­nis­mus. Mit ih­ren El­tern und Gre­ta spiel­te sie frü­her oft Kar­ten. „Ich ha­be dann be­stimmt, dass die Kö­ni­ge un­ter den Kö­ni­gin­nen ste­hen, al­so ga­ben die Kö­ni­gin­nen bei uns mehr Punk­te als die Kö­ni­ge“, er­zähl­te Bea­ta schwe­di­schen Me­di­en.

Vor Kur­zem ver­zück­te die 14-Jäh­ri­ge ganz Schwe­den mit ei­nem Auf­tritt zur bes­ten Sen­de­zeit im schwe­di­schen Fern­se­hen. Als Chan­son-Sän­ge­rin Edith Piaf ver­klei­det sang sie ei­ne schwe­di­sche Spaß­ver­si­on von „Non, je ne re­g­ret­te ri­en”. Den be­rühm­ten „Ich be­daue­re nichts“-Re­frain er­setz­te sie durch „Ni kom­mer dö“(Ihr wer­det ster­ben, ihr wer­det al­le ster­ben) und sang da­bei über an­ti­bio­tika­re­sis­ten­te Bak­te­ri­en.

Ab Mit­te Sep­tem­ber wird Bea­ta dann in ei­nem Mu­si­cal in Stockholm die Haupt­rol­le spie­len, wie­der gibt sie Edith Piaf, die­ses Mal in jun­gen Jah­ren. Ih­re Mut­ter spielt die fran­zö­si­sche Sän­ge­rin in der äl­te­ren Le­bens­pha­se. „So lan­ge, wie ich mich er­in­nern kann, ha­be ich schon ge­sun­gen und ge­tanzt“, sagt Bea­ta. Mit dem Mu­si­cal ge­he ein Traum in Er­fül­lung. „Es ist schön, dass ich mit mei­ner Toch­ter Bea­ta auf­tre­ten kann“, sagt ih­re Mut­ter. „Es gibt nie­man­den, dem ich mu­si­ka­lisch so ver­traue. Ih­re Ge­s­angs­tech­nik in­spi­riert mich.“

FO­TO: IM­A­GO IMAGES

Bea­ta Ern­man bei ei­nem Auf­tritt in der schwe­di­schen Stadt Rätt­vik im Ju­li 2019. Die 14-Jäh­ri­ge hat ein ab­so­lu­tes Ge­hör und singt bald zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter, der aus­ge­bil­de­ten Opern­sän­ge­rin Ma­le­na Ern­man, in ei­nem Mu­si­cal in Stockholm..

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