„Ich brau­che das Cha­os im Kopf“

Die 36-jäh­ri­ge Nie­der­län­de­rin Lot­te de Beer führt an der Rhein­oper Re­gie in Hän­dels Ba­rock­oper „Al­ci­na“.

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Kultur - VON REGINA GOLDLÜCKE

Wie ei­ne jun­ge Re­gis­seu­rin Hän­dels Ba­rock­oper „Al­ci­na“um­setzt, ist ab Frei­tag in der Rhein­oper zu er­le­ben. Die Nie­der­län­de­rin Lot­te de Beer hat mit 36 Jah­ren schon be­ein­dru­ckend vie­le Opern in­sze­niert. In ganz Eu­ro­pa. Was muss sie rei­zen an ei­nem An­ge­bot – der Stoff, die Mu­sik, das Haus? „Von al­lem et­was“, ant­wor­tet sie. „Manch­mal auch das En­sem­ble. Haupt­säch­lich aber kommt es dar­auf an, dass ich Lust ha­be, ei­ne be­stimm­te Ge­schich­te zu er­zäh­len.“

Was bei der Zau­be­rin Al­ci­na der Fall war. „Die­se Frau hat mich so­fort fas­zi­niert“, sagt sie. „Ja, sie ist bö­se. Man fin­det nichts Gu­tes an ihr. Aber sie singt so schön, so herz­er­grei­fend! Ich woll­te be­grei­fen, war­um sie so ge­wor­den ist.“

Leicht sei das auf kei­nen Fall ge­we­sen. „Mit ei­ner Frau, die Män­ner ge­fan­gen hält, sie un­ter­drückt und schließ­lich mit magischen Kräf­ten ver­wan­delt, kann ich mich nur schwer iden­ti­fi­zie­ren. Ih­re star­ken Emo­tio­nen und ih­re Ver­wund­bar­keit aber ver­ste­he ich.“Lot­te de Beer ver­mu­tet, dass Al­ci­na trau­ma­ti­siert sein kön­ne.

Des­halb ha­be sie aus ei­ner Wüs­te ein Pa­ra­dies er­schaf­fen. „Ei­ne In­sel mit ihr als Kö­ni­gin, und wer Kö­ni­gin ist, braucht Un­ter­ta­nen“, führt die Re­gis­seu­rin aus. „Nur dar­um ker­kert sie die­se Her­ren ein. Doch der ma­gi­sche Gar­ten nützt ihr nichts, ih­re See­le bleibt trotz­dem ei­ne Wüs­te.“

Was lock­te Lot­te de Beer nach Düs­sel­dorf? „Die Rhein­oper hat ei­nen gu­ten Ruf. Tol­le Sän­ger und Mu­si­ker, bes­te Ar­beits­be­din­gun­gen. Na, und wenn dann noch Hän­del da­zu­kommt!“Das Wun­der­ba­re an sei­ner Mu­sik sei­en die Re­zi­ta­ti­ve. „Sie sind ge­schrie­ben wie ein Schau­spiel und rü­cken die Dra­ma­tik in den Vor­der­grund. Die Re­zi­ta­ti­ve spie­geln Si­tua­tio­nen wi­der, die Ari­en be­die­nen Ge­füh­le. Wenn man Sän­ger hat wie hier, ist das fan­tas­tisch. Ich ha­be so viel Glück. Jac­que­lyn Wa­gner in der Ti­tel­par­tie ist ein Traum.“

Fast wä­re Lot­te de Beer – auf­ge­wach­sen in Maas­tricht – auch auf ei­ner Büh­ne ge­lan­det. Als Sie­ben­jäh­ri­ge nah­men ih­re El­tern sie in die Oper nach Lüt­tich mit. „Das Or­ches­ter stimm­te sich ein, und schon dach­te ich: ja! Spä­ter stu­dier­te ich Kla­vier und Ge­sang, merk­te aber auf dem Kon­ser­va­to­ri­um, dass ich für bei­des nicht be­gabt ge­nug war. Auch nicht für die Schau­spie­le­rei, was ich eben­falls ver­such­te.“

Auf der Schau­spiel­schu­le lös­te ein Leh­rer den ent­schei­den­den Im­puls aus, die Wei­chen neu zu stel­len. „Du kannst sehr gut dei­nen Kol­le­gen hel­fen“, sag­te er. „Das hat ei­nen Na­men, das nennt man Re­gie füh­ren. Du machst das schon jetzt, du weißt es nur noch nicht.“Sie be­her­zig­te die­sen Rat, über­wand ih­re Scheu und stu­dier­te schließ­lich Re­gie an der Kunst­hoch­schu­le in Ams­ter­dam.

„Im zwei­ten Jahr durf­te ich mit Opern­sän­gern ar­bei­ten“, er­zählt sie, „da spür­te ich, ich bin zu Hau­se.“Ers­te Pro­jek­te lei­te­te Lot­te de Beer noch als Stu­den­tin – und bald schon ha­gel­te es die ers­ten Prei­se. Heu­te ist sie ne­ben ih­ren En­ga­ge­ments an be­deu­ten­den Häu­sern künst­le­ri­sche Lei­te­rin des nie­der­län­di­schen En­sem­bles Ope­ra­front, mit dem Ziel, ein jun­ges Pu­bli­kum für die Oper zu be­geis­tern.

Sie ge­nießt es, ganz viel par­al­lel zu ma­chen. „Ich brau­che das Cha­os im Kopf“, sagt sie und lacht. „Ir­gend­wann er­wächst et­was aus dem Wirr­warr der Ge­dan­ken. Dann schnip­pe ich plötz­lich mit dem Fin­ger und weiß, das ist es. Die bes­ten Ide­en kom­men mir nicht am Schreib­tisch. Eher beim Aus­räu­men der Spül­ma­schi­ne.“

Das klingt jetzt so, als ha­be Lot­te de Beer ei­nen Haus­halt. Hat sie aber nicht. Kei­ne Woh­nung, kein ei­ge­nes Nest, kei­nen Be­sitz. „Mir reicht mein Kof­fer, nur so füh­le ich mich frei und leicht“, be­teu­ert sie.

Of­fen­bar ei­ne glück­li­che No­ma­din oh­ne Wur­zeln. Da­zu muss man wis­sen, dass ih­re Toch­ter erst zwei­ein­halb Jah­re alt ist. „Sie kommt mit, wo im­mer ich ge­ra­de bin. In die­sem Al­ter geht das noch.“Lot­te de Beer hat auch ei­nen Mann: den Ame­ri­ka­ner

„Die Rhein­oper hat ei­nen gu­ten Ruf.

Na, und wenn dann noch Hän­del da­zu­kommt!“

Lot­te de Beer Opern­re­gis­seu­rin

FOTO: JOCHEM JURGENS

Die nie­der­län­di­sche Opern­re­gis­seu­rin Lot­te de Beer.

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