Das Foto zur Bar­schel-Af­fä­re wird Kunst

Rheinische Post Hilden - - Düsseldorf­er Kultur - VON CLE­MENS HENLE

Die neue Aus­stel­lung „JSC on View“in der Julia Sto­schek Collec­tion ist auch po­li­tisch.

Ei­ne Kies­gru­be En­de der 80er Jah­re ir­gend­wo bei Mün­chen. Drei Frau­en in Le­der­ja­cken und Stie­feln ver­prü­geln ei­ne gan­ze Hor­de Män­ner, ehe sie auf ih­ren Mo­tor­rä­dern in den Son­nen­un­ter­gang fah­ren. Ge­dreht hat die­sen fe­mi­nis­ti­schen Mar­ti­al-Arts-Film im Stil des Ex­ploi­ta­ti­on­ki­nos die da­mals 17-jäh­ri­ge Hi­to Stey­erl. Heu­te ist sie ei­ne der ge­frag­tes­ten Künst­le­rin­nen der Welt, im Sep­tem­ber be­kommt sie ei­ne Über­blicks­schau im K21.

In der neu­en Aus­stel­lung „JSC on View“in der Julia Sto­schek Collec­tion ist schon jetzt Stey­erls per­sön­li­ches Vi­deo-Es­say „No­vem­ber“zu se­hen. Das mit eben je­nen kris­se­li­gen Su­per-8-Sze­nen be­ginnt. Nben Stey­erl ist da­rin ih­re da­mals bes­te Freun­din Andrea Wolf zu se­hen. Der Le­bens­weg der bei­den trennt sich in den 90er Jah­ren. Wolf ra­di­ka­li­siert sich zu­neh­mend, schließt sich als Kämp­fe­rin der PKK an und stirbt 1998 in Ana­to­li­en. In kur­di­schen Krei­sen wird sie als „un­sterb­li­che Re­vo­lu­tio­nä­rin“ver­ehrt, ihr Bild auf De­mons­tra­tio­nen mit­ge­tra­gen.

Stey­erl un­ter­sucht in dem Es­say die Rol­le von Bil­dern so­wie de­ren Be­deu­tungs­ver­schie­bung. Die Gren­zen zwi­schen Fak­ten und Fik­ti­on ver­schwim­men da­rin im­mer mehr. Da­bei ge­lingt es Stey­erl, un­ge­ach­tet von Aus­flü­gen in die Fil­me von Bru­ce Lee oder Kon­stan­tin

Costa-Gav­ras, ei­ne strin­gen­te Ar­gu­men­ta­ti­on bei­zu­be­hal­ten und trotz­dem in der Vi­deo­kunst ver­wur­zelt zu blei­ben. Pa­cken­de Kunst ist das, für die man sich Zeit neh­men soll­te.

Ne­ben sie­ben Vi­de­os wer­den in der Schau sechs Fo­to­gra­fi­en ge­zeigt. Die al­le­samt qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Ar­bei­ten zei­gen, welch Po­ten­zi­al in der bald 13 Jah­re al­ten Samm­lung von Julia Sto­schek steckt. Und mit wel­cher Akri­bie sie ih­re Samm­lung ver­grö­ßert. Der Hö­he­punkt der Schau ist das Foto „Ba­de­zim­mer / Ba­throom“von Tho­mas De­mand. Schon von wei­tem kommt ei­nem die vol­le Ba­de­wan­ne mit dem leicht zu­rück­ge­zo­ge­nen Vor­hang und ei­ner halb of­fe­nen Tür be­kannt vor. Es ist ein Foto ei­nes Nach­baus der Ba­de­wan­ne, in der der to­te Uwe Bar­schel lag. Das 1987 im „Stern“er­schie­ne­ne Foto hat sich so tief in das deut­sche Bild­ge­dächt­nis ein­ge­brannt, dass es auch oh­ne Bar­schels Lei­che so­fort Er­in­ne­run­gen weckt. Da­bei sind De­man­ds ori­gi­nal­ge­treue Nach­bau­ten aus Pap­pe im Maß­stab 1:10 selt­sam ent­rückt. Zeigt er doch, dass die Bar­schel-Af­fä­re vom Me­di­um Fo­to­gra­fie be­stimmt war. Die Fotos der „Stern“-Re­por­ter gin­gen um die Welt; zum ers­ten Mal zier­te ein ver­meint­li­ches Selbst­mord­op­fer den Ti­tel ei­nes deut­schen Ma­ga­zins. Spä­ter dien­te es der Po­li­zei als Be­weis­fo­to. Und das ob­wohl die bei­den Re­por­ter den Kopf aus dem Was­ser ge­ho­ben hat­ten, um ihn bes­ser fo­to­gra­fie­ren zu kön­nen.

Zwi­schen Fo­to­gra­fie und Vi­deo­kunst be­wegt sich das Werk von To­bi­as Zie­l­o­ny. Gleich am Ein­gang der neu­en Aus­stel­lung fla­ckert sei­ne Ar­beit „Mas­ki­rov­ka“über den Bild­schirm. Mit­tels Stop-Mo­ti­on-Tech­nik hat Zie­l­o­ny hier 5400 Ein­zel­fo­to­gra­fi­en zu ei­nem Vi­deo zu­sam­men ge­fügt. Ent­stan­den sind die Bil­der im Zu­ge ei­nes Be­suchs in Kiev wäh­rend der Mai­dan-Pro­tes­te. Wie im­mer bei Zie­l­o­ny ste­hen Ju­gend­li­che im Mit­tel­punkt sei­ner Ar­beit. In stro­bo­sko­par­ti­gen Fla­ckern schafft er so ei­ne pa­cken­de Ge­gen­warts­er­zäh­lung über die Zufluchts­or­te

der Kie­wer Tech­no- und Schwu­len-Sze­ne in­mit­ten des durch Ge­walt und Re­pres­si­on ge­präg­ten ukrai­ni­schen Bür­ger­kriegs.

Eben­so po­li­tisch sind die drei Fotos von Ta­ryn Simon am En­de der Samm­lungs­prä­sen­ta­ti­on. Auf­wän­dig in­sze­niert zei­gen die groß­for­ma­ti­gen Auf­nah­men zu Un­recht in­haf­tier­te Afro­ame­ri­ka­ner. So steht Cal­vin Wa­shing­ton in ei­nem Mo­tel­zim­mer, in dem ein In­for­mant sein Mord­ge­ständ­nis ge­hört ha­ben woll­te. Erst 13 Jah­re spä­ter wur­de er auf frei­en Fuß ge­setzt, sein Ur­teil re­vi­diert. In ei­ner Ab­kehr vom fo­to­gra­fi­schen Rea­lis­mus zeigt Simon in ih­rer Ar­beit so die ver­schieb­ba­ren Gren­zen von Wahr­heit und Kon­struk­ti­on auf, die so­wohl in Straf­pro­zes­sen zwi­schen An­kla­ge und Ver­tei­di­gung als auch in der Fo­to­gra­fie, in der selbst das ge­nau­es­te Ab­bild nie der Rea­li­tät ent­spricht, un­se­re Ur­tei­le be­grün­den.

Die­se Un­wucht zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on zieht sich durch al­le ge­zeig­ten Ar­bei­ten in der Julia Sto­schek Collec­tion. Sie ver­deut­li­chen, wie Bil­der ma­ni­pu­liert, in­sze­niert und über das In­ter­net und Mas­sen­me­di­en ver­brei­tet wer­den. So wird „JSC on View“zu ei­ner hoch po­li­ti­schen Schau.

In­fo Julia Sto­schek Collec­tion, Schan­zen­str. 54, sonn­tags von 11 bis 18 Uhr. Der Ein­tritt ist frei. Füh­run­gen ab 23. Fe­bru­ar al­le zwei Wo­chen.

FOTO: VG BILD-KUNST, BONN 2019

Tho­mas De­mand: Ba­de­zim­mer

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