„Ge­rech­tig­keit kann es nicht ge­ben“

Con­stan­ze K. wur­de in ei­nem Neus­ser Blu­men­la­den er­schos­sen. Der Tä­ter: ihr Ex-Freund, ge­gen den sie erst kurz zu­vor ein Nä­he­rungs­ver­bot er­wirkt hat­te. Ge­schützt hat sie das nicht. Ih­re Mut­ter macht das fas­sungs­los.

Rheinische Post Hilden - - Nordrhein-westfalen - VON MARLEN KESS

VERSMOLD „Sie hat­te kei­nen Aus­weg.“So be­schreibt Su­san­ne K. die letz­ten Se­kun­den im Le­ben ih­rer Toch­ter Con­stan­ze. Die 27-Jäh­ri­ge wur­de am 26. April 2019 von ih­rem Ex-Freund Patrick H. mit vier Schüs­sen re­gel­recht hin­ge­rich­tet. So steht es im Ur­teil des Land­ge­richts Düsseldorf vom 4. De­zem­ber 2019. Um zehn Uhr mor­gens hat­te er sie vor ih­rer Woh­nung in Neuss ab­ge­fan­gen und be­reits zwei Schüs­se ab­ge­ge­ben, die nicht tra­fen. K. flüch­te­te in ei­nen Blu­men­la­den und setz­te noch ei­nen No­t­ruf ab. H. folg­te ihr und schoss vier Mal, ei­ne Ku­gel traf sie ins Ge­sicht, zwei wei­te­re in Brust und Hals. Die jun­ge Frau ver­blu­te­te.

Knapp acht Mo­na­te spä­ter ver­ur­teil­te das Land­ge­richt Düsseldorf H. we­gen Mor­des. Der heu­te 32-Jäh­ri­ge hat­te kurz nach der Tat ei­ne Nach­richt an Su­san­ne K. ver­schickt. „Jetzt weißt du, wie es ist, ei­nen ge­lieb­ten Men­schen von jetzt auf gleich nie wie­der zu se­hen“, steht dar­in. Da­nach warf er sich vor ei­nen Zug, über­leb­te zwar, ver­lor aber bei­de Bei­ne und wur­de im Roll­stuhl in den Ge­richts­saal ge­bracht. „In höchs­tem Ma­ße ver­ach­tens­wert“sei die Ra­che­mo­ti­va­ti­on des Tä­ters, heißt es im Ur­teil. Die­ses lau­te­te auf le­bens­lan­ge Haft. Zu­dem stell­te das Ge­richt die be­son­de­re Schwe­re der Schuld fest. Ei­ne hö­he­re Stra­fe gibt es in Deutsch­land nicht. „Ei­ne gu­te Stra­fe“, sagt Su­san­ne K. Das Wort ge­recht be­nutzt sie nicht: „Ge­rech­tig­keit kann es nicht ge­ben.“

Die 56-Jäh­ri­ge er­zählt Con­stan­zes Ge­schich­te im Wohn­zim­mer der Fa­mi­lie im ost­west­fä­li­schen Versmold. Hier ist Con­stan­ze K. auf­ge­wach­sen, hat Hand­ball ge­spielt und sich in der evan­ge­li­schen Ju­gend en­ga­giert. Auf ei­nem Sims im Wohn­zim­mer steht ein Fo­to der jun­gen Frau, auf­ge­nom­men kurz vor ih­rem Tod. Sie strahlt. Da­vor brennt ei­ne Ker­ze, im­mer, wenn je­mand zu Hau­se ist. Seit dem Mord an ih­rem ein­zi­gen Kind sind Su­san­ne K. und ihr Mann Udo in psy­cho­lo­gi­scher Be­hand­lung. „Ich weiß, dass das al­le Müt­ter sa­gen, aber Con­stan­ze war wirk­lich et­was ganz Be­son­de­res.“

2017 zog die So­zi­al­ar­bei­te­rin für ei­ne Stel­le bei der Ar­che in Düsseldorf ins Rhein­land und lern­te Patrick H. ken­nen. Knapp an­dert­halb Jah­re wa­ren die bei­den ein Paar, im Ok­to­ber 2018 trenn­te sie sich und zog aus der ge­mein­sa­men Woh­nung in Meer­busch aus. Doch H. schrieb ihr im­mer wei­ter Nachrichte­n, rief sie an, schick­te Blu­men. Mehr­fach bat Con­stan­ze K. ihn, sie in Ru­he zu las­sen.

Am 1. Ja­nu­ar 2019 er­stat­te­te sie An­zei­ge: H. ha­be sie mit ei­nem Mes­ser be­droht und ver­letzt so­wie ver­sucht, sie zu ver­ge­wal­ti­gen, als sie ei­ni­ge Sa­chen aus der Woh­nung ho­len woll­te. Die Er­mitt­lun­gen über­nahm die Kreis­po­li­zei Neuss, En­de Ja­nu­ar wur­de die Ak­te laut ei­ner Spre­che­rin an die Staats­an­walt­schaft Düsseldorf über­ge­ben. Vor Ge­richt kam der Vor­fall erst, als Con­stan­ze K. schon tot war. Das Land­ge­richt Düsseldorf nahm ihn mit in sein Ur­teil auf: Vier Jah­re Haft hielt es al­lein da­für für an­ge­mes­sen.

Trotz der lau­fen­den Er­mitt­lun­gen ließ H. nicht von ihr ab: En­de März lau­er­te er ihr an ih­rer Woh­nung auf. Con­stan­ze K. be­an­trag­te vor dem Amts­ge­richt Neuss ein Nä­he­rungs­ver­bot, die einst­wei­li­ge An­ord­nung er­ging oh­ne münd­li­che An­hö­rung am 3. April. H. wird dar­in un­ter­sagt, sei­ne Ex-Freun­din zu be­dro­hen, sie zu kon­tak­tie­ren so­wie sich ihr und ih­rer Woh­nung auf we­ni­ger als 20 Me­ter zu nä­hern. Bei Zu­wi­der­hand­lung dro­hen bis zu 250.000 Eu­ro Ord­nungs­geld. Das sei der letz­te mög­li­che Schritt ge­we­sen, sagt Su­san­ne K. „Und was ist das schon? Ein Stück Pa­pier, das Con­stan­ze nicht schüt­zen konn­te.“

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Patrick H. in die­ser Hin­sicht auf­fäl­lig wur­de. Laut ei­nem Spre­cher des Amts­ge­richts Neuss gab es dort be­reits drei Ver­fah­ren ge­gen ihn, in de­nen es um Ge­walt­schutz ging. Im Au­gust 2015 fühl­ten sich sei­ne da­ma­li­gen Ver­mie­ter und An­ge­hö­ri­ge von ihm be­droht. Ei­nes der Ver­fah­ren en­de­te mit ei­nem Ver­gleich, ein An­trag wur­de als un­be­grün­det zu­rück­ge­wie­sen. Im Au­gust 2016 er­wirk­te ei­ne Ex-Freun­din ein Nä­he­rungs­ver­bot. Da­ge­gen ver­stieß H. und muss­te im Ju­ni 2017 ein Ord­nungs­geld von 1500 Eu­ro zah­len. Im Ok­to­ber 2017 wur­de er dann we­gen Ver­sto­ßes ge­gen das Ge­walt­schutz­ge­setz in zwei Fäl­len, Sach­be­schä­di­gung und vor­sätz­li­cher Kör­per­ver­let­zung zu ei­ner Geld­stra­fe von 250 Eu­ro ver­ur­teilt.

Da wa­ren Con­stan­ze K. und er be­reits ein Paar – doch die jun­ge Frau wuss­te von all dem nichts. H. hat­te es ihr nicht er­zählt, Ge­richt und Po­li­zei dür­fen sol­che In­for­ma­tio­nen aus Da­ten­schutz­grün­den nicht wei­ter­ge­ben. Nur wenn ei­ne einst­wei­li­ge An­ord­nung Po­li­zei­dienst­stel­len und an­de­re öf­fent­li­che Stel­len wie

Clau­dia Frit­sche

LAG Au­to­no­mer Frau­en­häu­ser

Kin­der­gär­ten oder Schu­len be­trifft, wer­den die­se un­ter­rich­tet, sagt der Spre­cher des Neus­ser Amts­ge­richts. Su­san­ne K. kann das nicht nach­voll­zie­hen. „Viel­leicht wä­re Con­stan­ze die Ge­fahr, in der sie sich be­fand, be­wusst ge­wor­den“, sagt sie.

Für Clau­dia Frit­sche von der Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft Au­to­no­mer Frau­en­häu­ser ha­pert es beim Schutz der Op­fer von Part­ner­schafts­ge­walt vor al­lem an der Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Po­li­zei, Jus­tiz und Frau­en­häu­sern. „Hät­ten die Be­hör­den die Alarm­si­gna­le wahr­ge­nom­men, hät­ten ent­spre­chen­de Auf­la­gen wie die Teil­nah­me an ei­nem Tä­ter­pro­gramm aus­ge­spro­chen wer­den kön­nen“, sagt Frit­sche. Da­bei setz­ten sich die Tä­ter mit ih­rem Ver­hal­ten aus­ein­an­der, zu­dem wür­den die be­trof­fe­nen Frau­en in­for­miert, wenn sich ei­ne er­neu­te Be­dro­hung ab­zeich­ne. Po­li­zei und Jus­tiz sei­en für die Be­ar­bei­tung und Ver­fol­gung von ge­schlechts­spe­zi­fi­scher Ge­walt nicht aus­rei­chend sen­si­bi­li­siert, sagt auch die frau­en­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen in NRW, Jo­se­fi­ne Paul: „Hier gilt es, die Aus- , Fort- und Wei­ter­bil­dung zu in­ten­si­vie­ren.“

Die Op­fer von Part­ner­schafts­ge­walt sind vor al­lem Frau­en, in Deutsch­land in vier von fünf Fäl­len. Mehr als 140.000 Frau­en wa­ren dem Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um zu­fol­ge 2018 be­trof­fen, je­den drit­ten Tag wur­de ei­ne Frau von ih­rem Part­ner oder Ex-Part­ner ge­tö­tet. In an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern ist man beim Ge­walt­schutz wei­ter. In Spa­ni­en et­wa kön­nen Ge­rich­te die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung der Tä­ter per Fuß­fes­sel auch bei Part­ner­schafts­ge­walt an­ord­nen. Nä­hert sich der Tä­ter der Woh­nung des Op­fers, schlägt das Ge­rät Alarm, Po­li­zei und Op­fer wer­den in­for­miert. In Frank­reich gibt es zu­sätz­lich ei­ne ei­ge­ne No­t­ruf­num­mer für ge­fähr­de­te Frau­en.

Die Op­fer­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Wei­ßer Ring, die auch Fa­mi­lie K. be­treut, for­dert schon seit Jah­ren, Fuß­fes­seln hier­zu­lan­de auch bei Ver­stö­ßen ge­gen das Ge­walt­schutz­ge­setz ein­zu­set­zen. „In an­de­ren Fel­dern ist ei­ne sol­che Über­wa­chung ja auch durch­aus üb­lich“, sagt der Lan­des­vor­sit­zen­de Bernd Kö­nig. Im De­zem­ber 2018 wur­de das NRW-Po­li­zei­ge­setz re­for­miert – seit­dem kann die Über­wa­chung per elek­tro­ni­scher Fuß­fes­sel auch prä­ven­tiv et­wa zur Ab­wehr se­xu­el­ler Straf­ta­ten und zur Ver­hü­tung von Stal­king vom Ge­richt an­ge­ord­net wer­den.

Im Ge­walt­schutz­ver­fah­ren ge­gen Patrick H. war dies dem Spre­cher des Amts­ge­richts Neuss zu­fol­ge nicht mög­lich. Ein ent­spre­chen­der An­trag müs­se von der Po­li­zei ge­stellt wer­den. Mehr als dem An­trag von Con­stan­ze K., ein Nä­he­rungs­ver­bot ge­gen H. aus­zu­spre­chen, nach­zu­kom­men, „konn­te das Ge­richt im Rah­men die­ses Ver­fah­rens nicht tun“, sagt der Spre­cher.

Laut In­nen­mi­nis­te­ri­um ist das neue Ge­setz bis­lang nur ein­mal in die­ser Hin­sicht an­ge­wen­det wor­den. Für ei­ne Per­son be­steht ei­ne ge­richt­li­che An­ord­nung zum Tra­gen ei­ner elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel „auf­grund von vor­an­ge­gan­ge­nen De­lik­ten der Nach­stel­lung“, sagt ei­ne Spre­che­rin. Die Über­wa­chung wer­de zwar „als Ab­schre­ckungs- und Über­wa­chungs­in­stru­ment“ein­ge­setzt, sei aber ein gra­vie­ren­der Grund­rechts­ein­griff. Der Ver­stoß ge­gen ein ge­richt­li­ches Nä­he­rungs­ver­bot al­lei­ne füh­re nicht au­to­ma­tisch da­zu, dass ei­ne Fuß­fes­sel an­ge­ord­net wer­den kön­ne. Da­zu müss­ten im Ein­zel­fall wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, et­wa, wenn der Tä­ter nach po­li­zei­li­chen Er­kennt­nis­sen be­reits ein Stal­king-De­likt be­gan­gen hat und die An­nah­me ge­recht­fer­tigt ist, dass die Ge­fahr wei­ter­hin be­steht.

„Ob das ge­hol­fen hät­te, weiß man na­tür­lich nicht“, sagt Bernd Kö­nig. Es sei aber wich­tig, beim The­ma Part­ner­schafts­ge­walt bei den Tä­tern an­zu­set­zen, be­vor den Op­fern nur noch der Um­zug oder ei­ne Flucht ins Frau­en­haus blie­be. Auch Con­stan­ze K. woll­te das Rhein­land nicht ver­las­sen – un­ter an­de­rem we­gen ih­res Jobs, sagt ih­re Mut­ter. „Aber war­um soll­te sie auch? Sie hat­te sich ja nichts zu­schul­den kom­men las­sen.“

Der frau­en­po­li­ti­schen Spre­che­rin der NRW-SPD zu­fol­ge müss­ten die be­ste­hen­den Ge­set­ze kon­se­quen­ter an­ge­wen­det wer­den. „Die Mög­lich­kei­ten müs­sen in der Pra­xis auch ge­nutzt wer­den“, sagt auch Su­san­ne Schnei­der von der FDP.

Für Con­stan­ze K. kom­men die­se Be­mü­hun­gen zu spät. „Für mei­ne ei­ge­ne Toch­ter kann ich nichts mehr tun“, sagt Su­san­ne K., „aber ich möch­te da­für kämp­fen, dass Frau­en bes­ser ge­schützt wer­den.“Mit ei­ner Pe­ti­ti­on zum Bei­spiel oder im Aus­tausch mit Po­li­ti­kern. Zehn Mo­na­te nach dem Mord an ih­rer Toch­ter fühlt sie sich lang­sam stark ge­nug da­für. „Das bin ich Con­stan­ze schul­dig.“

„Hät­ten die Be­hör­den die Alarm­si­gna­le wahr­ge­nom­men, wä­re ein Tä­ter­pro­gramm mög­lich ge­we­sen“

FO­TO: FRISO GENTSCH

Su­san­ne K. vor ei­nem Fo­to ih­rer er­mor­de­ten Toch­ter Con­stan­ze.

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