Wein­steins Ver­tei­di­ge­rin schürt Zwei­fel

Rheinische Post Hilden - - Panorama -

Haft. Wein­stein, so die Chef­klä­ge­rin des Ver­fah­rens, ha­be sich wie ein Raub­tier ver­hal­ten. Er ha­be sei­ne Macht miss­braucht, um Frau­en im Film­ge­schäft zu ma­ni­pu­lie­ren und se­xu­ell zu nö­ti­gen. Da­nach ha­be er Kon­takt zu ih­nen ge­hal­ten, um sich ihr Schwei­gen, ihr Wohl­ver­hal­ten zu si­chern. „Und er hat­te ei­ne tod­si­che­re Ver­si­che­rungs­po­li­ce“, sagt Il­luz­zi-Or­bon. „Die Zeu­gin­nen ha­ben sich an­ge­stellt, um ein­ge­las­sen zu wer­den in sein Uni­ver­sum.“

Die Fra­ge, die al­lein die­ser ei­ne Tag im Saal Nr. 99 auf­wirft, ist fol­gen­de: Sind die Er­kennt­nis­se der MeToo-Be­we­gung auch jus­ti­zia­bel? Kann man ei­nem Ki­no­kö­nig, der sinn­bild­lich für die Macht steht, die man­che Män­ner in Füh­rungs­po­si­tio­nen miss­brau­chen, um sich se­xu­ell an Frau­en zu ver­ge­hen, sei­ne – im Sin­ne der Un­schulds­ver­mu­tung ver­meint­li­chen – Straf­ta­ten tat­säch­lich nach­wei­sen? Don­na Ro­tun­no, sei­ne Ver­tei­di­ge­rin, 44 Jah­re alt, Trä­ge­rin ei­ner auf­fal­lend gro­ßen Bril­le mit mar­kan­tem, dunk­lem Ge­stell, er­klärt MeToo in ih­rem Schluss­plä­doy­er zu ei­ner Welt, in der es kei­ner Be­wei­se be­darf, um ei­nen Men­schen zu ver­ur­tei­len: „Ich sa­ge MeToo, okay, und ihr habt mir zu glau­ben“. Ein Ge­richt, fasst sie zu­sam­men, dür­fe aber nicht ir­gend­ei­ner Stim­mung fol­gen, so po­pu­lär die auch ge­ra­de sein mö­ge. Vor Ge­richt ge­he es al­lein um Fak­ten. „Sie müs­sen Herrn Wein­stein nicht mö­gen, das ist kein Be­liebt­heits­wett­be­werb“, sagt Ro­tun­no, an die zwölf Ge­schwo­re­nen ge­wandt, sie­ben Män­ner und fünf Frau­en. „Aber Sie soll­ten sich dar­an er­in­nern, dass wir nicht hier sind, um Mo­ral zu kri­mi­na­li­sie­ren.“

Ro­tun­nos Spe­zia­li­tät ist das Kreuz­ver­hör, vor we­ni­gen Ta­gen hat sie Jes­si­ca Mann, die zen­tra­le Be­las­tungs­zeu­gin, mit schnel­len, har­ten

Fra­gen an den Rand ei­nes Ner­ven­zu­sam­men­bruchs ge­bracht. Wein­stein wird vor­ge­wor­fen, die jun­ge Schau­spie­le­rin 2013 in ei­nem Ho­tel in Man­hat­tan ver­ge­wal­tigt zu ha­ben. Sei­ne Pro­duk­ti­ons­as­sis­ten­tin Mi­mi Ha­leyi soll er 2006 zum Oral­sex ge­zwun­gen ha­ben. Das sind die bei­den Fäl­le, um die es seit An­fang Ja­nu­ar in New York geht, wäh­rend Dut­zen­de wei­te­re ent­we­der ver­jährt oder Ge­gen­stand zi­vil­recht­li­cher Ver­glei­che sind.

Ver­siert im Sä­en von Zwei­feln, kon­zen­triert sich Ro­tun­no ganz auf das, was man in Ame­ri­ka „Vic­tim Bla­ming“nennt. Sie macht die Op­fer ver­ant­wort­lich für das, was ih­nen – an­geb­lich – wi­der­fuhr. Im Uni­ver­sum der Klä­ger, wie­der­holt sie in ih­rem Plä­doy­er, sei­en Frau­en nicht ver­ant­wort­lich für die Par­tys, die sie be­such­ten, für die Män­ner, mit de­nen sie flir­te­ten, für Ein­la­dun­gen in Ho­tel­zim­mer, die sie an­näh­men, für Jobs, die sie mit Hil­fe be­stimm­ter Män­ner zu er­gat­tern ver­such­ten. Jes­si­ca Mann ha­be ge­nau ge­wusst, was sie von Wein­stein woll­te, näm­lich Hil­fe­stel­lung für ei­nen Kar­rie­re­sprung. „Ich weiß zu schät­zen, was du al­les für mich tust“, schrieb sie ihm im April 2013, ei­nen Mo­nat nach der (ver­meint­li­chen) Ver­ge­wal­ti­gung.

Die bra­si­lia­ni­sche Schau­spie­le­rin Ta­li­ta Maia, einst ih­re en­ge Freun­din, sprach im Zeu­gen­stand von ei­ner an­hal­ten­den Be­zie­hung, bei der Mann nie den Ein­druck er­weck­te, als wer­de sie von ihm miss­braucht. Ei­nen „See­len­ver­wand­ten“, so ha­be sie Wein­stein so­gar ge­nannt. So­bald sie ih­re Han­dy­num­mer än­der­te, was häu­fig pas­sier­te, teil­te sie ihm per Mail die neue Num­mer mit, nach ih­ren Wor­ten, um sich „si­cher zu füh­len“.

Jes­si­ca Mann hat dies nicht be­strit­ten und zu­gleich von ei­ner Wahr­heit ge­spro­chen, die nun mal viel­schich­ti­ger sei. „Ich ken­ne die­se E-Mails, ich schä­me mich nicht für sie“, gab sie zu Pro­to­koll. „Ich weiß, es ist kom­pli­ziert. Aber es än­dert nichts an der Tat­sa­che, dass er mich ver­ge­wal­tigt hat.“Im Lau­fe des Pro­zes­ses hat­te ei­ne fo­ren­si­sche Psych­ia­te­rin er­klärt, dass es für Op­fer von Se­xu­al­de­lik­ten durch­aus nor­mal sei, den Kon­takt zum Tä­ter zu hal­ten. Auf die­se Wei­se ver­such­ten sie, die Kon­trol­le über das Ver­hält­nis wie­der­zu­er­lan­gen. „Fak­ten sind Fak­ten“, sagt Glo­ria All­red, ei­ne der Star-An­wäl­tin­nen der MeToo-Be­we­gung, als sie am En­de des Ver­hand­lungs­ta­ges in die Mi­kro­fo­ne spricht. „Und Fakt ist, er hat es ge­tan.“

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