Im ro­ten Ca­dil­lac durch Ha­van­na

Ei­ne Old­ti­mer-Tour in Ku­bas Haupt­stadt ist ein un­ver­gess­li­ches Er­leb­nis.

Rheinische Post Hilden - - Reise&welt - VON ERNST LEISTE

Als Fi­del Cas­tro im Ja­nu­ar 1959 das Zim­mer Nr. 2324 des da­ma­li­gen Lu­xus­ho­tels Hil­ton Ha­va­na be­leg­te und die Con­ti­nen­tal Sui­te für drei Mo­na­te zum Haupt­quar­tier der ku­ba­ni­schen Re­vo­lu­ti­on er­klär­te, konn­te er sich wahr­schein­lich kaum vor­stel­len, dass 60 Jah­re spä­ter hier west­li­che Tou­ris­ten lo­gie­ren und dass Ha­van­na in­zwi­schen ein Kreuz­fahrt-Ter­mi­nal hat, das in letz­ter Zeit je­doch zu­neh­mend ver­waist ist.

Die Nach­wir­kun­gen der da­ma­li­gen Ak­tio­nen, die un­ter an­de­rem zur Ver­staat­li­chung des Hil­ton Ha­va­na – dem heu­ti­gen Tryp Ho­tel Ha­ba­na Lib­re – führ­te, sind bis heu­te noch nicht über­wun­den. Ganz im Ge­gen­teil: Seit US-Prä­si­dent Trump die Ku­ba-Sank­tio­nen wie­der deut­lich ver­schärft hat und seit Mai 2019 kei­nen US-Kreuz­fahrt­schif­fen mehr das An­lau­fen ku­ba­ni­scher Hä­fen er­laubt, lei­det ei­ne der Haupt­ein­nah­me­quel­len des Ka­ri­bik­staa­tes, der Tou­ris­mus, er­heb­lich.

Bis­her ka­men je­des Jahr über vier Mil­lio­nen Tou­ris­ten nach Ku­ba und hal­fen dem Land, so man­che „so­zia­lis­ti­sche Bau­stel­le“zu über­win­den. Und an­ge­sichts der 500-Jahr­fei­er des Lan­des, die im No­vem­ber 2019 ge­fei­ert wur­de, stan­den auch die wei­te­ren Aus­sich­ten des Frem­den­ver­kehrs des Lan­des gar nicht so schlecht.

„Nun aber feh­len die US-Dol­lars in den Kas­sen der un­zäh­li­gen klei­nen Ta­xi- und Trans­port­un­ter­neh­men, der Sou­ve­nir­lä­den und Re­stau­rants der ku­ba­ni­schen Haupt­stadt, die sich mit den Aus­ga­ben der Grin­gos so eben über Was­ser hal­ten konn­ten“, er­zählt uns un­se­re per­fekt Deutsch spre­chen­de Rei­se­lei­te­rin Sil­via, die ei­ni­ge Mo­na­te in Deutsch­land stu­diert hat und uns sechs St­un­den durch Ha­van­na be­glei­tet.

Sehr trost­los sieht es auch in der mo­der­nen Ma­ri­na von Va­ra­de­ro aus, wo die für Yach­ten vor­ge­se­he­nen Kais leer sind und ein paar Ka­ta­ma­ra­ne ver­geb­lich auf zah­lungs­kräf­ti­ge US-Tou­ris­ten war­ten. „Zum Glück ha­ben wir ja noch un­se­re treu­en Ka­na­di­er, Deut­schen und Rus­sen, die die Sai­son für uns trotz­dem er­träg­lich ma­chen“, er­klärt mir die Sa­les Ma­na­ge­rin des Me­lia Las An­til­las in Va­ra­de­ro, Day­lis Del­ga­do Fo­gar­do.

Dass es für vie­le Ku­ba­ner wirt­schaft­lich nicht zum Bes­ten be­stellt ist, sieht man al­lent­hal­ben. An­de­rer­seits ist die der­zeit ge­rin­ge­re Tou­ris­ten­zahl für deut­sche Be­su­cher ein An­reiz mehr, vor al­lem in un­se­ren kal­ten Win­ter­mo­na­ten der Ka­ri­bik­in­sel mit ih­ren le­bens­fro­hen Men­schen und ih­rer zau­ber­haf­ten Me­tro­po­le ei­nen Be­such ab­zu­stat­ten.

Und na­tür­lich soll­te man sich da­bei nicht ent­ge­hen las­sen, dies stil­ge­recht in ei­nem der traum­haf­ten Old­ti­mer zu tun. Das be­reits von Deutsch­land aus zu or­ga­ni­sie­ren, ist rat­sam und kin­der­leicht. Denn wer will schon vor Ort mit den zahl­rei­chen Old­ti­mer-Chauf­feu­ren ver­han­deln und den Ver­lauf von Tou­ren fest­le­gen, wenn man die Ver­hält­nis­se vor Ort nicht kennt.

All das er­üb­rigt sich bei der Kon­takt­auf­nah­me mit den Old Cars Ha­va­na, ei­nem klei­nen ku­ba­nisch-deut­schen Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men, bei dem man be­quem von zu Hau­se im In­ter­net sei­ne Tour pla­nen kann, kei­ne An­zah­lung leis­ten muss, von sei­nem Ho­tel zur ge­wünsch­ten Zeit ab­ge­holt wird, so­fort ei­ne Bu­chungs­be­stä­ti­gung er­hält und das al­les noch in eng­li­scher und deut­scher Spra­che.

Bei strah­len­dem Son­nen­schein holt uns Lu­is mit stil­ech­tem Som­bre­ro in Be­glei­tung der Rei­se­lei­te­rin Sil­via mit dem vor­ge­buch­ten ro­ten Ca­dil­lac-Ca­brio vor dem Tryp Ho­tel Ha­ba­na Lib­re ab. Sicht­lich vol­ler Stolz er­klärt uns un­ser Chauf­feur: „Der Ca­dil­lac stammt be­reits aus dem Jahr 1957 und läuft im­mer noch oh­ne Mu­cken mit dem ers­ten Mo­tor.“

Da­von kön­nen wir uns rasch über­zeu­gen. Zu­nächst geht es zur Pla­za de la Re­vo­lu­ción, wo wir die Ab­bil­der von Che Gue­va­ra und sei­ne re­vo­lu­tio­nä­ren Ka­me­ra­den be­wun­dern kön­nen. „Der Platz ver­dient üb­ri­gens ei­nen Ein­trag im Guin­ness­buch der Re­kor­de“, er­läu­tert uns Sil­via, „aber nicht et­wa we­gen sei­ner Grö­ße, son­dern weil hier Fi­del Cas­tro vie­le sei­ner stun­den­lan­gen Re­den an sein Volk ge­rich­tet hat“, fügt sie schmun­zelnd hin­zu. Da­nach fah­ren wir in den Par­que

Al­men­da­res, die grü­ne Lun­ge Ha­van­nas, wo wir den äl­tes­ten Baum Ku­bas be­stau­nen. Wei­ter geht es mit dem röh­ren­dem Acht-Zy­lin­der, dem deut­sche Tüv-Prü­fer al­lein we­gen der stren­gen Ab­gas­re­geln wohl kaum die Pla­ket­te ver­lei­hen wür­den, der aber an­sons­ten noch bes­tens in Schuss ist, ins Di­plo­ma­ten­vier­tel mit pracht­vol­len Vil­len aus der Ko­lo­ni­al­zeit. Die­se hat sich der ku­ba­ni­sche Staat nach der Re­vo­lu­ti­on eben­falls ein­ver­leibt und nutzt sie in­zwi­schen zur Auf­bes­se­rung der stän­dig klam­men De­vi­sen­kas­se.

Nächs­tes High­light ist die Fahrt im of­fe­nen Wa­gen über die acht Ki­lo­me­ter lan­ge Ufer­pro­me­na­de Malé­con, auf der vie­le akut vom Ver­fall be­droh­te Ko­lo­ni­al­bau­ten wei­ter­hin ver­geb­lich auf In­ves­to­ren war­ten und auf de­ren Kai­mau­ern et­li­che Pe­tri­jün­ger auf rei­che Beu­te hof­fen.

Es folgt die Fahrt hin­auf zur im­po­san­ten Fe­s­tung der Stadt und zur 300 Ton­nen schwe­ren, 20 Me­ter ho­hen Chris­tus­sta­tue aus ita­lie­ni­schem Car­ra­ra-Mar­mor, die sich die ku­ba­ni­sche Künst­le­rin Jil­ma Ma­de­ra vor der Ver­schif­fung

nach Ku­ba von Papst Pi­us XII hat seg­nen las­sen. Von hier aus ge­nießt man ei­ne herr­li­che Aus­sicht auf die Stadt und den Malé­con. Auf dem Weg zu­rück in die Alt­stadt fah­ren wir noch beim Haus Che Gue­va­ras vor­bei, und dann sa­gen wir Lu­is und sei­nem schi­cken Ca­dil­lac, die es in die­ser Fül­le auf der gan­zen Welt nur noch in Ha­van­na gibt, ade.

Die nächs­ten drei St­un­den führt uns un­se­re char­man­te Rei­se­lei­te­rin, die uns ne­ben­bei ei­nen gu­ten Ein­blick in das ku­ba­ni­sche All­tags­le­ben gibt, durch die ver­win­kel­ten Gas­sen Ha­van­nas, wo selbst die ge­lieb­ten Old­ti­mer pas­sen müs­sen. Ob­li­ga­to­ri­sche Stopps sind na­tür­lich die vier mar­kan­ten Plät­ze der Stadt und die wohl ein­zig­ar­ti­ge, von der Unesco ge­schütz­te Holz­stra­ße an der Pla­za de Ar­mas, die sich ein spa­ni­scher Gou­ver­neur bau­en ließ, um nicht von den Pfer­de­kut­schen in sei­ner Nacht­ru­he ge­stört zu wer­den. Den stil­ech­ten Ab­schluss bil­den dann ein Be­such der Bars la Flo­ri­di­ta und La Bo­de­gui­ta del Me­dio, wo Er­nest He­ming­way sei­ne Mochi­tos oder sei­ne Dai­qui­ris ge­noss.

Und als wir dann in der Rooft­op-Bar auf dem 27. Stock des Tryp Ho­tels un­se­ren Sun­dow­ner bei traum­haf­ten Blick auf Ha­van­na und den Malé­con ge­nie­ßen und von den lau­si­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren in Deutsch­land hö­ren, wird der zehn­stün­di­ge Flug nach Ku­ba end­gül­tig zur Ne­ben­sa­che.

FO­TOS: ERNST LEISTE

Blick vom 27. Stock des Tryp Ho­tels Ha­ba­na Lib­re auf die Stadt und den Malé­con

Un­ser Fah­rer Lu­is mit sei­nem Ca­dil­lac-Ca­brio - Bau­jahr 1957

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