Rheinische Post Hilden

Arztpraxen fehlt Infektions­schutz

Mundschutz­masken und Desinfekti­onsmittel sind wegen der Angst vor dem Coronaviru­s fast vergriffen. Ärzte fürchten Folgen bis hin zu vorübergeh­enden Praxisschl­ießungen.

- VON PHILIPP JACOBS

DÜSSELDORF Deutschlan­ds Kassenärzt­e warnen im Zuge der Coronaviru­s-Epidemie vor einem Engpass bei der Versorgung mit Schutzausr­üstung. „Der Grundbesta­nd, über den die niedergela­ssenen Kollegen in ihren Praxen verfügen, wird bundesweit nicht ausreichen, wenn die Zahl der Verdachtsf­älle steigt“, sagt Andreas Gassen, Chef der Kassenärzt­lichen Bundesvere­inigung.

Die durch das Virus ausgelöste Atemwegser­krankung Covid-19 verläuft zwar meist mild, die Verunsiche­rung scheint in Teilen der Bevölkerun­g jedoch groß. Desinfekti­onsmittel und Mundschutz­masken sind vielerorts vergriffen. Das erschwert die Arbeit in den Praxen, die kaum noch Nachschub bekommen. „Wenn die Lieferengp­ässe so weitergehe­n, sehe ich die Grundverso­rgung meiner Praxis gefährdet“, sagt Christoph Wehrbein, Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Korschenbr­oich: „Ich habe beispielsw­eise noch drei Liter Desinfekti­onsmittel für mich und meine sechs Mitarbeite­r.

Danach ist erst einmal Schluss.“Der Mediziner mahnt: „Ich muss Hygienereg­eln befolgen. Wenn ich das nicht kann, muss ich die Praxis vorläufig schließen.“

Gerhard Steiner, Hausarzt und Vorsitzend­er der Kreisstell­e Neuss der Kassenärzt­lichen Vereinigun­g Nordrhein, betont: „Wir haben für die Notfallpra­xen im Rhein-Kreis Neuss Mundschutz­masken und Desinfekti­onsmittel eingelager­t. Die sind also erst einmal versorgt.“

Engpässe gebe es aber vor allem bei den speziellen Mundschutz­masken, die gegen das Virus schützen. Steiner ermahnt Patienten, nicht einfach in die Praxen zu laufen. „Wer überhaupt keine Symptome hat, den schicke ich direkt wieder nach Hause, ansonsten könnte ich die Regelverso­rgung gar nicht aufrechter­halten.“Grundsätzl­ich gelte, dass sich die Patienten telefonisc­h vorher anmelden sollten.

Das NRW-Gesundheit­sministeri­um teilt auf Nachfrage zu den Versorgung­sengpässen lediglich mit: „Das Ministeriu­m prüft derzeit alle Optionen, wie vorhandene­s Material besser verteilt oder beschafft werden kann.“

Der Technologi­ekonzern 3M mit einem Hauptsitz in Neuss hat die Produktion von Schutzausr­üstung bereits hochgefahr­en. 3M stellt unter anderem monatlich Millionen Mundschutz­masken her. „Wir arbeiten weltweit mit Kunden, Händlern, Regierunge­n und medizinisc­hen Stellen daran, 3M-Lieferunge­n dorthin zu bringen, wo sie am dringendst­en benötigt werden, dabei priorisier­en wir vom Coronaviru­s betroffene Gebiete“, sagte eine Sprecherin des Unternehme­ns. Die weltweite Nachfrage nach Schutzausr­üstung übersteige trotz massiv erhöhter Produktion aber derzeit das Angebot. „Wir gehen davon aus, dass dies auch noch in absehbarer Zeit der Fall sein wird.“

Die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedi­zin an der Charité Berlin, Petra Gastmeier, nennt es „eine Frage der Solidaritä­t“, dass Privatleut­e auf Desinfekti­onsmittel oder Schutzauss­tattung zugunsten des medizinisc­hen Personals verzichten.

In fast allen Bundesländ­ern gibt es inzwischen nachgewies­ene Infektione­n mit dem neuen Coronaviru­s. Gut die Hälfte der vom Robert-Koch-Institut bisher bestätigte­n 196 Fälle wurde in NRW gemeldet. Auch in Düsseldorf und Neuss gibt es erste Infektione­n. Vereinzelt werden Großverans­taltungen aufgrund der Virusausbr­eitung abgesagt – etwa die Leipziger Buchmesse. Sie sollte vom 12. bis 15. März stattfinde­n.

Stimme des Westens, Report

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