Trä­nen, Neu­be­ginn und ein et­was takt­lo­ses Ge­schenk: das Pro­to­koll ei­nes his­to­ri­schen CDU-Par­tei­tags.

Rheinische Post Kevelaer - - Cdu-parteitag - VON MICHA­EL BRÖ­CKER, KRIS­TI­NA DUNZ, MAR­TIN KESS­LER UND EVA QUAD­BECK

Don­ners­tag, 20 Uhr Im Ho­tel Lindt­ner, ei­nem ed­len Fünf-Ster­ne-Haus fern­ab der Ham­bur­ger Ci­ty, tref­fen sich die 296 De­le­gier­ten der NRW-CDU zur tra­di­tio­nel­lenVor­be­spre­chung. Die bei­den Kan­di­da­ten aus Nord­rhein-West­fa­len, Jens Spahn und Fried­rich Merz, sit­zen mit ih­ren Part­nern Da­ni­el Fun­ke und Char­lot­te Merz beim Abend­es­sen zu­sam­men am Tisch. Die Stim­mung ist ge­löst. Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet scherzt, Merz kön­ne ja auch für Hes­sen ins Ren­nen ge­hen, im­mer­hin ha­be ihn auch der Kreis­ver­band Ful­da no­mi­niert. Wen er wählt, sagt er nicht. Ein De­le­gier­ter sagt: „Mehr­heit für Merz, aber auch ,AKK’ und Jens ha­ben bei uns Fans.“Um 22 Uhr löst sich die Run­de auf.

21.30 Uhr Beim Abend des CDU-Lan­des­ver­bands im Pri­vat­ho­tel Lindt­ner geht Jens Spahn noch ein­mal von Tisch zu Tisch und re­det mit den De­le­gier­ten. Er ar­bei­tet an sei­nem Ach­tungs­er­folg. Fried­rich Merz bleibt an sei­nem Tisch sit­zen und emp­fängt die Ge­sprächs­part­ner. Er scheint sich sei­ner Sa­che ziem­lich si­cher zu sein.

22 Uhr Im no­blen Über­see-Club, der einst zur Meh­rung des An­se­hens Ham­burgs in der Welt ge­grün­det wur­de, tref­fen die ers­ten Gäs­te ein, die der Ein­la­dung des frü­he­ren Bür­ger­meis­ters Ole von Beust ge­folgt sind. „Wir un­ter­stüt­zen die Kan­di­da­tur von An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er“, stand auf der Ein­la­dung. Es sei­en al­le ge­kom­men, die ir­gend­wie li­be­ral ein­ge­stellt sind, sagt ein Teil­neh­mer. Aus Nord­rhein-West­fa­len sind Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek, der frü­he­re Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he und In­te­gra­ti­ons­staats­se­kre­tä­rin Se­rap Gü­ler da­bei. Die Ein­la­dung ist bis 24 Uhr aus­ge­spro­chen. Um ein Uhr ist das Haus noch voll.

23 Uhr At­lan­tic-Ho­tel. Jens Spahn geht di­rekt aufs Zim­mer, er will noch an sei­ner Re­de ar­bei­ten. Im Foy­er do­mi­niert das Merz-La­ger. EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger ist gu­ter Din­ge („Merz macht’s“), er trinkt ei­nen Rot­wein mit Ba­den-Würt­tem­bergs Lan­des­chef Tho­mas Strobl, der eben­falls bei Merz ver­or­tet wird. Dass Stro­bls Schwie­ger­va­ter, Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le, sich öf­fent­lich für Merz aus­ge­spro­chen hat, wird am Tisch als Coup ge­fei­ert. An der Bar tref­fen Mit­tel­stands-Chef Cars­ten Lin­ne­mann und der Ge­schäfts­füh­rer von Bo­rus­sia Dort­mund, Hans-Joa­chimWatz­ke, auf­ein­an­der. Merz-Män­ner.Watz­ke ist CDU-Mit­glied und seit der Schü­ler-Uni­on mit Merz be­freun­det. „Er wird es schaf­fen. Die CDU braucht ei­nen Neu­start. Sonst geht der Par­tei der Wirt­schafts­flü­gel ver­lo­ren“, pro­phe­zeit er. Cars­ten Lin­ne­mann sieht das ähn­lich, äu­ßert sich aber zu­rück­hal­ten­der. Er war lan­ge Zeit auf­sei­ten von Jens Spahn, bis Merz sei­nen Hut in den Ring warf. Man spürt bei Lin­ne­mann, wie sehr er da­mit ha­dert, Spahn im Stich ge­las­sen zu ha­ben. Er be­grüßt Da­ni­el Fun­ke, Spahns Ehe­mann. Es ist ein küh­ler Hän­de­druck. Paul Zie­mi­ak, Chef der Jun­gen Uni­on, ist jetzt auch in der Lob­by, eben­falls ein ehe­ma­li­ger Spahn-Freund.

Frei­tag, 2.27 Uhr Last-Mi­nu­te-Ou­ting. Es si­ckert durch, dass Zie­mi­ak bei der Wahl für den CDU-Vor­sitz für sei­nen Hei­mat­ver­band Nord­rhein-West­fa­len stim­men will. Sei­ne Hei­mat sei Nord­rhein-West­fa­len be­zie­hungs­wei­se das Sau­er­land, sagt er vor Ver­tre­tern der Jun­gen Uni­on. Das wer­de er in sei­ner Ent­schei­dung be­rück­sich­tig­ten. Die JU-De­le­gier­ten soll­ten „in ih­rem Her­zen“be­we­gen, dass der aus NRW stam­men­de Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn viel für die Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on be­wegt ha­be. Fried­rich Merz kommt üb­ri­gens aus dem Sau­er­land. Das heißt über­setzt für das Wahl­ver­hal­ten: Zie­mi­ak wählt zu­nächst Spahn und in der Stich­wahl Merz.

3.05 Uhr Jens Spahn legt sich end­gül­tig fest: Er will in je­dem Fall an­tre­ten. KeinWa­ckeln und kein Zu­rück­wei­chen.

8.25 Uhr Beim Früh­stück im Ho­tel Mö­ven­pick macht sich NRW-In­nen­mi­nis­ter Herbert Reul Sor­gen um das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der De­le­gier­ten. Er hat sich für Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er aus­ge­spro­chen. Ob sie ge­winnt, da ist er nicht ganz si­cher. „Wenn Fried­rich Merz die De­le­gier­ten mit sei­ner Rhe­to­rik be­geis­tert, ent­schei­det bei vie­len die Stim­mung, nicht die nach­hal­ti­gen Chan­cen des neu­en Vor­sit­zen­den bei den Wah­len.“Nach Um­fra­gen ist Kramp-Kar­ren­bau­er bei den Wäh­lern deut­lich be­lieb­ter als Merz. Zur glei­chen Zeit sitzt der EU-Ab­ge­ord­ne­te Da­vid McAl­lis­ter beim Früh­stück im At­lan­tic-Ho­tel und rech­net fest mit ei­nerWahl An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­ers.

9.37 Uhr Fried­rich Merz ist der ers­te Kan­di­dat im Plenar­saal des CDU-Par­tei­tags in Ham­burg.

9.45 Uhr Jetzt ist auch Jens Spahn im Plenar­saal ein­ge­trof­fen.

10.05 Uhr Mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, eher un­auf­fäl­lig, ist die drit­te des Tri­os im Plenar­saal. Al­le drei wa­ren zu­vor beim öku­me­ni­schen Got­tes­dienst im Ham­bur­ger Mi­chel.

10.09 Uhr Die Angst vor der Spal­tung geht um. Der frü­he­re NRW-Re­gie­rungs­spre­cher und Staats­se­kre­tär Andre­as Kraut­scheid meint: „Manch­mal ist es leich­ter, in ei­nen Par­tei­tag rein­zu­ge­hen, als aus ihm her­aus­zu­kom­men.“

10.30 Uhr Der Saal ist bre­chend voll. Ein Par­tei­tag der Re­kor­de: 1700 Gäs­te, 1600 Jour­na­lis­ten, 1001 De­le­gier­te. Der tech­ni­sche Lei­ter schließt den Saal. Jetzt dür­fen nur noch die­je­ni­gen mit ei­ner „Pool­kar­te“den Plenar­saal be­tre­ten.

10.38 Uhr An­ge­la Mer­kel er­öff­net den Par­tei­tag und ern­tet Ju­bel­stür­me, ob­wohl sie noch kein Wort ge­sagt hat. Der Bei­fall will nicht en­den, Mer­kel kommt nicht zu Wort. Nach vier Mi­nu­ten heißt die Noch-Vor­sit­zen­de die De­le­gier­ten will­kom­men. „Dan­ke, Che­fin, für 18 Jah­re Vor­sitz“steht auf Pla­ka­ten.

11.28 Uhr Die mit Span­nung er­war­te­te letz­te Re­de An­ge­la Mer­kels als CDU-Vor­sit­zen­de be­ginnt.

11.31 Uhr Der Dank an den lang­jäh­ri­gen Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Klaus Schü­ler führt zu den ers­ten Trä­nen auf dem Par­tei­tag. Ein gro­ßer Dank an das ge­sam­te Team im Kon­rad-Ade­nau­er-Haus.

11.49 Uhr Ei­ne wich­ti­ge Er­kennt­nis Mer­kels: „Die CDU von 2018 ist nicht mehr die von 2000.“Der frü­he­re Par­tei­spre­cher Jo­chen Blind legt nach: In je­dem Mer­kel-Jahr sind 12.000 Ne­u­mit­glie­der hin­zu­ge­kom­men. Ins­ge­samt al­so über 200.000 Neue. Da­mit ist die Par­tei auch ei­ne Mer­kel-CDU. Denn die Neu­en wuss­ten, auf wen sie sich da ein­las­sen.

12.03 Uhr Die Re­de ist zu En­de. Es war ihr ei­ne Freu­de und ei­ne Eh­re. Die küh­le Mer­kel hat Trä­nen in den Au­gen und be­en­det ih­re Re­de mit sto­cken­der Stim­me. Bei Ap­plaus-Mi­nu­te drei gibt es die ers­ten „An­gie“-Ru­fe. Es fol­gen im­mer mehr Pla­ka­te mit „Dan­ke, Che­fin“. Der Ap­plaus dau­ert sat­te zehn Mi­nu­ten.

12.16 Uhr Die De­le­gier­ten sind völ­lig er­grif­fen. Sie pos­ten of­fen Bil­der ih­rer Trä­nen. Al­len ist klar: Da geht ei­ne Gro­ße.

12.30Uhr Der stell­ver­tre­ten­de CDU-Vor-

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