Rheinische Post Krefeld Kempen : 2019-06-12

Politik : 6 : A6

Politik

R-PU2 Politik A6 RHEINISCHE POST MITTWOCH, 12. JUNI 2019 Enthüllung­sjournalis­t wieder frei Der Druck auf die russische Justiz im Fall Iwan Golunow war beispiello­s. Jetzt werden alle Ermittlung­en eingestell­t. Für die Kämpfer gegen korrupte Machtstruk­turen in Russland ist das ein Erfolg. (don/dpa) Wenige Tage nach seiner Festnahme und nach einer Welle internatio­nalen Protests kommt der russische Enthüllung­sjournalis­t Iwan Golunow wieder auf freien Fuß. Alle Anschuldig­ungen gegen ihn würden mangels Beweisen fallengela­ssen, sagte der russische Innenminis­ter Wladimir Kolokolzew der Agentur Interfax zufolge. Es gebe nach den Ermittlung­en keinen Hinweis auf eine Straftat des 36-Jährigen. Er sollte noch am Dienstag aus dem Hausarrest entlassen werden. Fahnder hatten behauptet, Golunow habe in seinem Rucksack und in seiner Wohnung Drogen gehabt. Untersuchu­ngen seiner Haare und Fingernäge­l ergaben aber keine Anhaltspun­kte für den Konsum. Die Ermittler veröffentl­ichten dem Vernehmen nach auch gefälschte Fotos von den Drogenvers­tecken in der Wohnung. Die Drogengesc­hichte galt als inszeniert, um den für seine Artikel über Korruption bekannten Journalist­en mundtot zu machen. Golunow arbeitete an einer Fortsetzun­gsgeschich­te zu Einkünften aus dem Bestattung­sgewerbe, das ehemalige Vertreter der Sicherheit­sorgane, Abgeordnet­e und Beamte seit Jahren unter einander aufteilen. Der erste Artikel erschien im vergangene­n Jahr. 60 Milliarden Rubel (800 Millionen Euro) umfasst das Geschäft offiziell jährlich, der Graubereic­h wird unterdesse­n auf insgesamt 250 Milliarden Rubel (3,4 Milliarden Euro) geschätzt. Dazu sollte MOSKAU ihren Titelseite­n gegen die Festnahme Golunows protestier­t. Zur Unterstütz­ung der Arbeit Golunows soll es ungeachtet der Freilassun­g am 16. Juni eine Kundgebung in Moskau geben. Eine Online-Petition für die Freilassun­g des Reporters hatte bis Montagnach­mittag mehr als 140.000 Unterzeich­ner. Drei russische Tageszeitu­ngen protestier­ten auf ihren Titelseite­n zum Wochenstar­t gegen diesen neuerliche­n Angriff auf die Pressefrei­heit in Russland. Journalist­en-Verbands-Funktionär­e sprachen von Willkür und einer augenschei­nlichen Racheaktio­n gegen die Arbeit Golunows. Drogen untergesch­oben zu haben, um ihn an weiteren Recherchen zu hindern. Es stehen auch Vorwürfe im Raum, die Polizisten hätten ihn misshandel­t. Der Journalist war am Donnerstag festgenomm­en worden. Gegen die Festnahme hatte es internatio­nal Protest gegeben. Der russische Journalist­enverband begrüßte die Entscheidu­ng des Innenminis­ters. „Ich denke, das ist sehr wichtig für das Selbstwert­gefühl der Bürgergese­llschaft und für die Solidaritä­t russischer Journalist­en“, sagte Verbandsch­ef Wladimir Solowjow. Mehrere Zeitungen hatten auf in dieser Woche noch ein Nachtrag erscheinen. Golunow war bereits mehrfach unter Druck gesetzt worden. Zuletzt kümmerten sich Kollegen um die Fertigstel­lung des Beitrags. Vermutet wird, dass die Ordnungshü­ter Golunow im Auftrag der Beerdigung­smafia aus demVerkehr ziehen wollten. Im Dezember enthüllte er einen Skandal aus dem Umfeld des Moskauer Vize-Bürgermeis­ters Petr Birjukow.Verwandte sollen neun Penthouses zuVorzugsp­reisen erstanden haben. Auch Geschäften und Schiebunge­n bei der Renovierun­g Moskaus ging er nach, minutiös und de- tailverses­sen. Der Menschenre­chtsbeauft­ragte beim russischen Präsidente­n sprach von einem „Sieg der Bürgergese­llschaft“in Russland. Der gesunde Menschenve­rstand, das Gesetz und die übergeordn­eten Behörden hätten sich durchgeset­zt. Auch Präsident Wladimir Putin war von verschiede­nen Seiten über den Fall informiert worden. Innenminis­ter Kolokolzew sagte, er werde bei Putin die Entlassung zweier Generäle der Polizei beantragen. Zugleich kündigte er Ermittlung­en bei der Polizei an. Die Polizisten stehen im Verdacht, Golunow die PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

© PressReader. All rights reserved.