Lie­ber Tom­mi Sch­mitt,

Sie ha­ben im Ge­spräch mit Fe­lix Lob­recht ge­sagt, es ge­be nichts Alt­ehr­wür­di­ges in Krefeld. Er­lau­ben Sie mir, dass ich Ih­nen die Stadt er­klä­re.

Rheinische Post Krefeld-Land - - Stadtpost - SCREEN­SHOT: POD­CAST „GE­MISCH­TES HACK“

Krefeld hat na­tür­lich je­de Men­ge Alt­ehr­wür­di­ges. Ich bit­te Sie, die Stadt wur­de 1373 ge­grün­det, da bleibt es nicht aus, dass auch Alt­ehr­wür­di­ges üb­rig­bleibt. Und die Stadt hat im 18. und 19. Jahr­hun­dert ei­ne Blü­te­zeit durch Sei­den­ma­nu­fak­tu­ren er­lebt, wie man es sel­ten fin­det in Ge­schichts­bü­chern. Vi­el­leicht goo­geln Sie Krefeld mal und schau­en sich die Lis­te der Kul­tur­denk­mä­ler an. Nein, Kre­felds Pro­blem ist nicht, dass es zu we­nig Alt­ehr­wür­di­ges gibt. Kre­felds Pro­blem ist, dass es zu we­nig Neu­ehr­wür­di­ges gibt.

Ihr Freund und Kom­pa­gnon Fe­lix Lob­recht hat als ers­tes und ein­zi­ges Bau­werk in Krefeld das Sei­den­we­ber­haus er­lebt und halb im Scherz da­für plä­diert, das Ge­bäu­de bes­ser He­ro­in­we­ber­haus zu nen­nen. Da­mit hat er hier ei­ne De­bat­te neu be­feu­ert, die schon lan­ge ge­führt wird. Üb­ri­gens: Sein Hin­weis, dass ihm das Haus und das Sym­bol der Sechs­eckig­keit „ver­kopft“vor­ka­men, war wirk­lich er­hel­lend. Gruß an ihn und: Re­spekt, das war ein klu­ge Be­mer­kung.

Das Sei­den­we­ber­haus bün­delt vie­les von Kre­felds Pro­ble­men: Es ist eben nicht neu­ehr­wür­dig, son­dern ewi­gum­strit­ten, und zwar von An­fang an, so wie der Bru­ta­lis­mus, der heu­te als ge­schei­ter­tes äs­the­ti­sches Kon­zept gel­ten muss, als Irr­weg. Krefeld hat ihn mit­be­schrit­ten, mit­ten in der Ci­ty. Da­zu kommt ei­ne selt­sa­me Lethar­gie, die das Haus und den Thea­ter­platz Ver­fall und Ver­schmut­zung preis­gab. Aus­ge­rech­net ei­nen Platz, der Kre­felds wich­tigs­ter Kul­tur­platz ist: Me­dio­thek, Ver­an­stal­tungs­hal­le, Thea­ter.

Kre­felds wich­tigs­te Tief­ga­ra­gen im Sei­den­we­ber­haus und un­term Rat­haus sind eben­falls in ei­ner Wei­se ver­schmutzt, die man de­tail­liert nicht auf­schrei­ben will. War­um auch im­mer: Krefeld hat es nicht ge­schafft, we­nigs­tens klei­ne Maß­nah­men ge­gen sol­che Miss­stän­de zu er­grei­fen. An­ders­wo ist es Stan­dard, dass Tief­ga­ra­gen nur be­tre­ten kann, wer ei­ne Park­kar­te hat. Man hät­te die Ein­gän­ge längst ein­hau­sen kön­nen. Man hät­te die Ga­ra­gen strei­chen, bes­ser aus­leuch­ten, bes­ser be­wa­chen kön­nen. Nix ist pas­siert. Für den Thea­ter­platz gab es mal den Vor­schlag der FDP, we­nigs­tens die Hoch­bee­te ab­zu­räu­men, um der Jun­kie-Sze­ne die De­ckung zu neh­men. Die Leu­te ha­ben es sich näm­lich zwi­schen den Bee­ten ge­müt­lich ge­macht, so­gar mit Sperr­müll­mö­beln. Am En­de wur­den die Mö­bel ab­ge­räumt, die Bee­te aber blie­ben.

Man hät­te auch mal drü­ber nach­den­ken kön­nen, das Haus zu schüt­zen, mit Glas­wän­den ab­zu­schot­ten, Un­ter­stän­de und Durch­gän­ge zu schlie­ßen; das wä­ren lau­ter Din­ge un­ter­halb ei­ner Rie­sen­in­ves­ti­ti­on ge­we­sen; und mit ei­nem ver­nünf­ti­gen Ar­chi­tek­ten (die gibt’s in Krefeld) hät­te man das auch an­spre­chend hin­ge­kriegt. Aber das Haus blieb ein Mi­ni-Ge­bir­ge mit Höh­len und Ni­schen für ar­me Teu­fel, die da ih­re Ge­schäf­te und ih­re Not­durft ver­rich­te­ten.

Man muss auch ge­ne­rell fest­hal­ten, dass es Krefeld nach dem Krieg nicht wirk­lich ge­schafft hat, sich neu zu er­fin­den als al­te, neue, un­zer­stör­te Stadt. Klingt pa­ra­dox, ist es aber nicht. Kempen zum Bei­spiel hat über Jahr­zehn­te ei­nen Mas­ter­plan ver­folgt, den mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­kern ab­zu­bil­den. Die Kem­pe­ner ha­ben sys­te­ma­tisch Grund­stü­cke ge­kauft, die Hin­ter­hof-Ver­schlä­ge dort ab­ge­ris­sen und den al­ten Grund­riss der Stadt durch ei­nen Grün­gür­tel neu mar­kiert. Heu­te ist das Städt­chen Aus­flugs­ziel.

Krefeld hat ei­nen sol­chen Plan nie ge­habt, und wenn es ihn gab, ver­schim­melt er in ir­gend­ei­ner Schub­la­de. Die Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur ist heu­te noch sicht­bar in der In­nen­stadt. An struk­tu­rel­len Ein­grif­fen in die Ci­ty hat es über Jahr­zehn­te ei­gent­lich nur die Ein­rich­tung ei­ner Fuß­gän­ger­zo­ne ge­ge­ben. Ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne ist aber kein stadt­pla­ne­ri­scher Ent­wurf, son­dern nur ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne.

Franz-Jo­seph Gre­ve, ein alt­ein­ge­ses­se­ner Ein­zel­händ­ler und fun­dier­ter Ken­ner der His­to­rie der eu­ro­päi­schen Stadt, hat mal be­klagt, dass in Krefeld sys­te­ma­tisch al­le Ver­kehrs­ach­sen in die Stadt hin­ein ab­ge­schnit­ten wur­den; so zum Bei­spiel die Glad­ba­cher Stra­ße, die heu­te auf ei­nen Qu­er­rie­gel zu­läuft: das Han­sa-Cen­trum. Ich bin nicht si­cher, ob die Er­reich­bar­keit der In­nen­stadt mit dem Au­to das Haupt­pro­blem ist. Park­häu­ser gibt’s reich­lich.

Vi­el­leicht hat Krefeld sich selbst noch nicht ganz ver­stan­den. Die Stadt hält sich wer weiß was zu­gu- te auf ih­re vier Wäl­le. Ein Gut­ach­ter (Pro­fes­sor!) kam in den 90er Jah­ren mal zu dem Er­geb­nis, der Stadt­grund­riss sei das ei­gent­lich Kost­ba­re an der In­nen­stadt. Mag ja sein, nur lebt kein Mensch auf ei­nem Grund­riss, son­dern in Stra­ßen, Vier­teln und auf Plät­zen.

Der Typ, der den Grund­riss ent­wor­fen hat, heißt üb­ri­gens Va­ge­des. Er steht hier kurz vor der Hei­lig­spre­chung. Man sagt sei­nen Na­men nicht, man raunt ihn. Da­bei woll­te die­ser Va­ge­des ur­sprüng­lich ver­nünf­ti­ger­wei­se ein Qua­drat als Grund­riss; ein Qua­drat hat ei­ne Mit­te, der al­les zu­ge­ord­net ist. Der da­ma­li­ge Stadt­rat hat dann aus Geld­man­gel aus dem Qua­drat ein Hand­tuch ge­macht. Eben die vier Wäl­le. Die Wahr­heit heu­te ist: Die Stadt hat die­se vier Wäl­le nie wirk­lich in ein Kon­zept ge­gos­sen. Je­der Wall ent­wi­ckelt sich für sich. Der Ost­wall ist ei­ne hüb­sche Ver­kehrs­ach­se zwi­schen Bahn­hof und Ci­ty; der Süd­wall kämpft ge­gen die Ver­ar­mung, der West­wall ist drauf und dran, ein Sze­ne-Wohn­vier­tel mit schö­nen, sa­nier­ten Alt­bau­ten zu wer­den, der Nord­wall ist ei­ne häss­li­che Stra­ßen­schlucht mit ei­nem schö­nen Platz in der Mit­te und ei­nem schö­nen Land­ge­richt am En­de. Se­hen Sie, das Selt­sa­me ist: „Die vier Wäl­le“gibt es gar nicht; es gibt nur vier Stra­ßen oh­ne Zu­sam­men­hang. Und da­zwi­schen gibt es je­de Men­ge Zo­nen mit ganz un­ter­schied­li­chen An­mu­tun­gen, Funk­tio­nen, Stär­ken und Schwä­chen.

Krefeld muss auch noch ein prag­ma­ti­sches Ver­hält­nis zum Au­to­ver­kehr ent­wi­ckeln. Die Kö­nig­stra­ße zum Bei­spiel ist schmal, die Au­tos fah­ren ganz na­tür­lich re­la­tiv lang­sam, die Ko­exis­tenz von Fuß­gän­ger und Au­to funk­tio­niert. Das könn­te ein Mo­dell für an­de­re, schma­le, viel- leicht schlecht fre­quen­tier­te Stra­ßen sein. Aber nein, die Fuß­gän­ger­zo­ne, die ei­gent­lich ei­ne Fuß­gän­ger­stra­ße ist (dar­auf hat ein­mal der Kre­fel­der SPD-Po­li­ti­ker Eu­gen Ger­ritz in ei­nem sehr klu­gen Vor­trag hin­ge­wie­sen), ist und bleibt lang, zu lang. Da­bei ist klar: Es gibt, gut­ach­ter­lich be­glau­bigt, ei­nen Kern­be­reich zwi­schen Rhein-/ Hoch- und Markt­stra­ße, in dem Ein­zel­han­del gut funk­tio­niert und der sich wit­zi­ger­wei­se mit dem mit­tel­al­ter­li­chen Sied­lungs­kern Kre­felds deckt. Ir­gend­ei­ne Kon­se­quenz aus die­ser Aus­gangs­la­ge ist aber nie ge­zo­gen wor­den. So hat Krefeld das Au­to par­ti­ell be­siegt und ei­ne lan­ge Fuß­gän­ger­mei­le ge­schaf­fen, die mehr schlecht als recht läuft.

Au­tos sind aber kei­ne Fein­de. Was Vier­tel ka­putt­macht, ist nicht Au­to­ver­kehr per se, son­dern Stra­ßen, die un­wirt­lich wie Au­to­bah­nen wir­ken. Ein gu­tes Bei­spiel für ei­ne Asphalt ge­wor­de­ne De­pres­si­on ist bei uns die Phil­ad­al­phia­stra­ße auf dem Stück zwi­schen Uer­din­ge­rund Han­sa­stra­ße: ein paar hun­dert Me­ter pu­re Tris­tesse. Es wä­re ge­nug Platz da, die Stra­ße gut zu struk­tu­rie­ren, Park­buch­ten und Grün­flä­chen ein­zu­ar­bei­ten, die Stra­ße als wich­ti­geVer­kehrs­ach­se den­noch gut be­fahr­bar zu ma­chen – dar­über wird hier auch schon seit lan­gen Jah­ren dis­ku­tiert. Ge­macht wur­de es nie. An­geb­lich des Gel­des we­gen.

Ja, das Geld! Der frü­he­re CDU-Frak­ti­ons­chef Wil­frid Fa­bel (Sie wis­sen schon: Typ Hau­de­gen, mit dem ge­win­nen Sie je­de Kn­ei­pen­schlä­ge­rei) hat mal ge­sagt:„Geld ist da“. Da­mals ging’s um ein neu­es Mu­se­um auf dem Thea­ter­platz; war so ei­ne Idee von ihm, die er mal eben raus­ge­hau­en hat. Den Ein­wand, da­für sei kein Geld da, wisch­te er da­mals vom Tisch mit je­nem Satz „Geld ist da“. Ich glau­be ihm mitt­ler­wei­le: Wo ein po­li­ti­scher Wil­le ist, ist auch Geld. Düsseldorf zum Bei­spiel hät­te nie den Rhein­ufer­tun­nel zu bau­en be­gon­nen und sich selbst ei­ne zau­ber­haf­te Rhein­pro­me­na­de ge­schenkt, wenn die Leu­te im Rat zu viel auf die Zah­len ge­guckt hät­ten. Bei sol­chen Sum­men fällt na­tür­lich je­der Nor­ma­lo-Kom­mu­nal­po­li­ti­ker so­fort in Ohn­macht. Nein, die hat­ten vor al­lem ei­ne Vi­si­on. Und dann galt Fa­bels Ge­setz: Geld ist da.

In Krefeld fehlt es eher an Vi­sio­nen und an Wil­len als an Geld. Da­bei ist ei­ne Pa­ckung Tris­tesse wie die Phil­adel­phia­stra­ße nicht nur für die An­woh­ner dumm, son­dern für die gan­ze Stadt: Da fah­ren je­den Tag Tau­sen­de Au­to­fah­rer vor­bei und se­hen ei­nen Stra­ßen­zug, dem man in­brüns­tig die Ab­riss­bir­ne wünscht. So et­was färbt un­ter der Ober­flä­che lei­der auch ab auf das Image ei­ner Stadt.

Da­bei ist Krefeld al­les an­de­re als nur häss­lich. Es gibt wun­der­ba­re Bau­ten; es gibt wun­der­ba­re Plät­ze, es gibt, wie man so schön sagt, je­de Men­ge Po­ten­zi­al. Ge­hen Sie mal an ei­nem Sams­tag über den Stadt­markt hier mit­ten in der Ci­ty. Ich sa­ge Ih­nen: Da wird an ei­nem Som­mer­abend mehr Weiß­wein ge­trun­ken als in ei­nem gan­zen Som­mer in Pa­ris! Die Leu­te hier gie­ren nach städ­ti­schem Le­ben; und wo im­mer es sich ih­nen bie­tet, ist die Pul­le Pro­sec­co nicht weit. Es gibt na­tür­lich die le­bens­lus­ti­ge, die fei­er­fro­he, die fla­neurse­li­ge Sei­te Kre­felds samt Bau­ten, Re­stau­rants, Ca­fés, Mu­se­en und ei­nem Thea­ter, das die Leu­te her­zin­nig­lich lie­ben, selbst wenn ei­ne Ins­ze­nie­rung mal Schrott ist.

Ach Tom­mi Sch­mitt, Krefeld ist doch ei­ne Rei­se wert. Krefeld ist da­bei, sich neu zu er­fin­den. Das He­ro­in­we­ber­haus wird bald ab­ge­ris­sen. Es gibt, wie seit ei­ner Pres­se­kon­fe­renz mit der SPD klar ist, im Rat ei­ne über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit für ei­nen Neu­an­fang auf dem Thea­ter­platz. Vi­el­leicht schau­en Sie doch mal in Ru­he vor­bei, und wir trin­ken am Stadt­markt ei­nen Weiß­wein zu­sam­men, falls wir ei­nen Platz krie­gen. Hei­mat­städ­te, lie­ber Tom­mi Sch­mitt, sind wie Kum­pel: Oh­ne sie ist man ein ar­mer Hund; es ist wich­tig, sie zu ha­ben, zu füh­len, auch wenn sie ab­ge­wetz­te Schu­he tra­gen und das Ja­ckett et­was maro­de ist. Krefeld ist gera­de da­bei, sich neu ein­zu­klei­den.

Al­les Gu­te für Sie.

Es grüßt Sie herz­lich

Ihr

Tom­mi Sch­mitt in dem Ge­spräch, in dem er sagt, es ge­be in Krefeld nichts Alt­ehr­wür­di­ges.

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