Bran­che will Ab­wrack­prä­mie für Kraft­wer­ke

Rheinische Post Krefeld - - WIRTSCHAFT - VON ANTJE HÖNING UND BIRGIT MARSCHALL

Um die Kli­ma­ab­ga­be zu ver­hin­dern, bie­ten Kon­zer­ne Still­le­gung an – und wol­len da­für Geld se­hen. Ge­werk­schafts-Chef Vas­si­lia­dis be­ton­te, es ge­be kei­ne Plä­ne für Still­le­gun­gen. Künf­ti­ge Kraft­werks­re­ser­ven müss­ten aber be­zahlt wer­den.

BERLIN Nächs­te Wo­che will die Bun­des­re­gie­rung die Kli­ma­ab­ga­be end­gül­tig ab­räu­men. Als Ge­gen­ge­schäft ha­ben die Ver­sor­ger an­ge­bo­ten, Kraft­wer­ke mit ei­ner Ge­samt­ka­pa­zi­tät von 2500 bis 3500 Me­ga­watt vom Netz zu neh­men und nur noch als Re­ser­ve vor­zu­hal­ten. Da­für will die Bran­che aber Geld se­hen – und zwar viel Geld. RWE, Vat­ten­fall und an­de­re wür­den zu­sam­men ei­nen drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag for­dern, hieß es in Bran­chen­krei­sen. Da das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ei­nen An­stieg des Strom­prei­ses ver­mei­den wol­le, soll­te das Geld aus dem Bun­des­haus­halt be­reit­ge­stellt wer­den. Ob Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le da­zu be­reit sei, sei al­ler­dings völ­lig of­fen. Es sei auch be­reits ab­seh­bar, wel­che Blö­cke RWE still­le­gen wür­de: vier 300-Me­ga­watt-Blö­cke in Nie­der­au­ßem, hieß es wei­ter. Die­se sind Jahr­zehn­te alt.

RWE er­klär­te da­zu: „Wir ken­nen den ak­tu­el­len Stand der po­li­ti­schen Ge­sprä­che nicht.“Bei RWE sei­ne kei­ne Braun­koh­len­kraft­wer­ke zur Still­le­gung vor­ge­se­hen. Die vier Blö­cke in Nie­der­au­ßem wür­den nur vom Netz ge­hen, wenn das ge­plan­te neue Kraft­werk Bo­ap­lus ans Netz ge­he. Dies ha­be aber nichts mit der ak­tu­el­len De­bat­te zu tun.

Hin­ter­grund ist der Streit um die Kli­ma­ab­ga­be, mit der Bun­des­wirt- schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el al­te Koh­le­kraft­wer­ke be­le­gen woll­te. Der ur­sprüng­li­che Plan ist vom Tisch, nun läuft al­les auf ei­nen Mix aus frei­wil­li­gen Ab­schal­tun­gen so­wie der stär­ke­ren För­de­rung von Kraft-Wär­me-Kop­pe­lung und Hei­zun­gen hin­aus.

Of­fen ist auch, wie viel die Kon­zer­ne tat­säch­lich be­kom­men. Laut „Spie­gel“hat sich Ga­b­ri­el mit Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er und dem Chef der Ge­werk­schaft IG BCE, Micha­el Vas­si­lia­dis, dar­auf ver­stän­digt, den Ver­sor­gern ei­ne Ab­wrack­prä­mie in Hö­he von über ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro zu zah­len, da­mit die­se ih­re al­ten Blö­cke vom Netz neh­men.

Das wie­sen Re­gie­rungs­krei­se zu­rück: „Falls es zu Kraft­werks­still­le­gun­gen kom­men soll­te, wer­den die Be­trei­ber mit Si­cher­heit nicht ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro an Kom­pen­sa­ti­on er­war­ten kön­nen.“

Micha­el Vas­si­lia­dis sag­te un­se­rer Zei­tung: „Es gibt kei­ne Ab­sicht, jetzt Still­le­gun­gen aus wirt­schaft­li­chen Grün­den ein­zu­lei­ten. Es ist al­so schlicht falsch, hier von ,Prä­mi­en’ für al­te Kraft­wer­ke zu spre­chen.“Zu­gleich be­stä­tig­te der Ge­werk­schafs-Chef aber, dass man über ei­ne Kraft­werks-Re­ser­ve re­de. „Um die Kli­ma­schutz­zie­le der Bun­des­re­gie­rung zu er­rei­chen, re­den wir mit den Un­ter­neh­men dar­über, Kraft­wer­ke in ei­ne Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve für Ver­sor­gungs­si­cher­heit und Kli­ma­schutz ein­zu­brin­gen.“Und na­tür- lich müss­ten die Kraft­wer­ke da­für ent­lohnt wer­den. „Es ist klar, dass Kraft­wer­ke, die in die Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve ge­hen, auch Geld er­hal­ten sol­len. Und zwar des­halb, weil sie ei­ne Leis­tung er­brin­gen – näm­lich die Ver­sor­gungs­si­cher­heit. Au­ßer­dem kön­nen so die Här­ten ab­ge­mil­dert wer­den, die die Be­schäf­tig­ten und die Un­ter­neh­men hin­zu­neh­men ha­ben.“Er­neut warb er für den In­stru­men­ten­mix, den die IG BCE vor­ge­schla­gen hat: „Es ist die gro­ße Chan­ce, Fort­schrit­te im Kli­ma­schutz zu er­zie­len, oh­ne dass es zu so­zia­len Ver­wer­fun­gen kommt.“

Der Vi­ze-Chef der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on, Oli­ver Kri­scher, warn­te da­ge­gen vor ei­ner Ab­wrack­prä­mie. „Das letz­te, was die Ener­gie­wen­de braucht sind steu­er­fi­nan­zier­te Ab­wrack­prä­mi­en al­te Koh­le­kraft­wer­ke aus Ade­nau­ers Zei­ten.“Man müs­se ver­hin­dern, dass die Kon­zer­ne für al­te Koh­le­kraft­wer­ke, die oh­ne­hin in den nächs­ten Jah­ren vom Netz ge­hen, üp­pi­ge Ex­tra­zah­lun­gen er­hiel­ten. „Statt win­del­wei­cher Hin­ter­zim­mer-De­als mit der Koh­le-Lob­by brau­chen wir ei­nen Fahr­plan für den Koh­le­aus­stieg.“

Zu­mal die Bür­ger das Gan­ze be­zah­len sol­len. Als Strom­kun­den sol­len sie über ei­ne hö­he­re Ab­ga­be den Aus­bau der Kraft-Wär­me-Kop­pe­lung fi­nan­zie­ren, als Steu­er­zah­ler sol­len sie für die För­de­rung der Hei­zungs-Mo­der­ni­sie­rung und die Kraft­werks-Re­ser­ve auf­kom­men.

FOTO: FI­SCHER

Am Stand­ort Nie­der­au­ßem be­treibt RWE klei­ne 300 Me­ga­watt-Blö­cke. Sie könn­ten als Ers­tes still­ge­legt wer­den.

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