Atom­kon­zer­nen feh­len 30 Mil­li­ar­den

Rheinische Post Krefeld - - WIRTSCHAFT - VON ANT­JE HÖ­NING

Der Stress­test der Bun­des­re­gie­rung zeigt: Die Rück­stel­lun­gen für den Atom­aus­stieg sind viel zu ge­ring. Eon feh­len bis zu 12 Mil­li­ar­den, RWE bis zu zehn Mil­li­ar­den. Zu­gleich ist die EU-Kom­mis­si­on ge­gen die Braun­koh­le-Hil­fen.

BERLIN Neu­er Schlag für Strom­kon­zer­ne: Ih­re Rück­stel­lun­gen sind viel zu ge­ring, um die Kos­ten des Atom­aus­stiegs ab­zu­de­cken. Sie ha­ben bis­her 38 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­rück­ge­legt, es müss­ten aber 30 Mil­li­ar­den mehr sein. Zu dem Er­geb­nis kommt der Stress­test, den die Düs­sel­dor­fer Wirt­schafts­prü­fer Warth Klein Grant Thorn­ton im Auf­trags des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums er­stellt ha­ben. Da­nach feh­len Bran­chen­pri­mus Eon, der 16,4 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­rück­ge­legt hat, neun bis 12 Mil­li­ar­den Eu­ro. wie un­se­re Re­dak­ti­on aus Ber­li­ner Krei­sen er­fuhr. Dem Kon­kur­ren­ten RWE feh­len 7,5 bis zehn Mil­li­ar­den Eu­ro.

Zum Ver­gleich: RWE ist nach dem Kurs­sturz der ver­gan­ge­nen Wo­chen (ges­tern auf 11,80 Eu­ro) an der Bör­se nur noch sie­ben Mil­li­ar­den Eu­ro wert. Eon hat nur noch ei­ne Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 17 Mil­li­ar­den.

Laut Stress­test rei­chen die von den Kon­zer­nen ge­bil­de­ten Rück­stel­lun­gen zwar aus, um die Mei­ler zu­rück­zu­bau­en, für Su­che und Bau des End­la­gers aber nicht. Die Lü­cke ist dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die Kon­zer­ne aus Sicht der Gut­ach­ter mit viel zu ho­hen Zins­sät­zen ge­rech­net ha­ben. Teil­wei­se un­ter­stel­len RWE und Co., dass sich die Rück­stel­lun­gen mit 4,7 Pro­zent ver- zin­sen las­sen. Die Gut­ach­ter ge­hen aber da­von aus, dass der Re­al­zins (al­so nach Ab­zug der In­fla­ti­ons­ra­te) ne­ga­tiv ist. Das ist zwar ei­ne weit­ge­hen­de An­nah­me, gleich­wohl gibt es mitt­ler­wei­le ne­ga­ti­ve Zin­sen.

Die Kon­zer­ne strei­ten ei­ne Lü­cke ab. Sie be­teu­ern, ih­re Rück­stel­lun­gen sei­en aus­rei­chend und von ih­ren Wirt­schafts­prü­fern tes­tiert. Kein Wun­der: Nicht ei­ner von ih­nen wä­re in der La­ge, die Rück­stel­lun­gen im nö­ti­gen Ma­ße zu er­hö­hen. Es fällt den Kon­zer­nen schon schwer ge­nug, die bis­he­ri­gen Re­ser­ven ab­zu­si­chern. Schließ­lich liegt das Geld nicht im Tre­sor, son­dern ist et­wa in Koh­le- und Gas­Kraft­wer­ken ge­bun­den, die we­gen der Ener­gie­wen­de im­mer we­ni­ger wert wer­den. Der Stress­test ist Grund­la­ge für die Ex­per­ten­kom­mis­si­on, die sich ab Herbst mit der Or­ga­ni­sa­ti­on des Atom­aus­stiegs be­fasst. An­ge­sichts der Mil­li­ar­den-Lü­cke dürf­te die Kom­mis­si­on, die mit atom­kri­ti­schen Ex­per­ten wie Jür­gen Trit­tin und Klaus Töp­fer be­setzt ist, dar­auf drin­gen, den Kon­zer­nen die Rück­stel­lun­gen zu ent­zie­hen, so lan­ge noch Geld da ist. Grü­ne und SPDUm­welt­po­li­ti­ker for­dern seit lan­gem, das Geld in ei­nen öf­fent­lich­recht­li­chen Fonds zu über­füh­ren.

Das will die Wirt­schaft aber nur mit­ma­chen, wenn sie im Ge­gen­zug auch ih­re Ver­pflich­tun­gen los wird. Die Bran­che plä­diert für ei­ne über den Fonds hin­aus­ge­hen­de Atom­Stif­tung, bei der der Staat mit­haf­tet. Vor­bild ist die RAG-Stif­tung, über die sich die Kon­zer­ne von ih­ren Ver­pflich­tun­gen für die Ewig­keits­las­ten (Ab­pum­pen der Gru­ben) be­frei­ten.

Ins­be­son­de­re für RWE kommt es der­zeit knüp­pel­dick. Im Streit mit dem ara­bi­schen Gas­kon­zern Da­na droht den Es­se­nern (wie be­rich­tet) ei­ne Mil­li­ar­den-Stra­fe. Zu­dem hat die EU-Kom­mis­si­on Be­den­ken ge­gen die ge­plan­te Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve. Am 1. Ju­li hat­te die gro­ße Ko­ali­ti­on be­schlos­sen, dass die Bran­che aus Kli­ma­schutz-Grün­den bis 2020 rund 2,7 Gi­ga­watt an Braun­koh­leKa­pa­zi­tä­ten stil­le­gen muss. Als Aus­gleich sol­len RWE und Vat­ten­fall ei­ne vom Strom­kun­den fi­nan­zier­te Prä­mie für die Be­reit­stel­lung ei­ner Re­ser­ve an Braun­koh­le-Kraft­wer­ken er­hal­ten. Hin­ter die­ser Prä­mie wit­tert die EU-Kom­mis­si­on nun ei­ne un­er­laub­te Bei­hil­fe, die den Wett­be­werb in Eu­ro­pa ver­zerrt. Vor ei­ni­gen Wo­che hat­te sich der wis­sen­schaft­li­che Di­enst des Bun­des­ta­ges ähn­lich ge­äu­ßert: Da die Re­ser­ve we­der aus­ge­schrie­ben wird noch tech­no­lo­gie­of­fen ist, son­dern al­lein der Braun­koh­le die­ne, wer­de ih­re Rech­fer­ti­gung nur schwer mög­lich sein. RWE hat­te auf ei­nen war­men Geld­re­gen ge­hofft. Im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um hieß es da­zu: Man ar­bei­te an der re­gel­kon­for­men Um­set­zung der Kli­ma-Be­schlüs­se und ste­he hier­zu im Kon­takt mit der EU-Kom­mis­si­on. Im No­vem­ber soll das Gan­ze ins Bun­des­ka­bi­nett.

Der Druck wächst,

den Kon­zer­nen das Geld zu ent­zie­hen

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