Rheinische Post Mettmann

„Trumps Wahl ist nicht Ursache, sondern Ausdruck einer gesellscha­ftlichen Entwicklun­g und Polarisier­ung“

- VON PHILIPP HOLSTEIN

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidente­n ist fünf Jahre her. Vielleicht ist das ein guter Anlass, um mit etwas Abstand noch einmal darüber nachzudenk­en, wie es sein konnte, dass ein Land so viel von dem über Bord warf, was als Errungensc­haft gelten konnte. Donald Trump habe Amerika vom multikultu­rellen Leuchtturm in eine weitere abgeschott­ete Insel weißer Menschen verwandelt, schrieb der Stanford-Professor Adrian Daub bereits kurz nach der Entscheidu­ng für Trump in der „Zeit“. Es war dann tatsächlic­h erschrecke­nd zu sehen, wie schnell die Werte der Aufklärung durch seine Mithilfe in Gefahr gerieten: Humanismus, ein optimistis­ches Menschenbi­ld, Menschenwü­rde und Bürgerrech­te.

Kann man aus der Erfahrung dieser Amtszeit etwas ableiten? Eine Erkenntnis, die uns davor schützen könnte, dass sich eine Nation, die sich zuvor weltoffen gab, binnen kürzester Zeit einigelte und als Weigerung an die Welt gerierte? Um einer Antwort auf die Spur zu kommen, muss man sich in Erinnerung rufen, was Adrian Daub 2016 schrieb: „Diese Wahl ist kein Triumph der Gegenaufkl­ärung, des Klerikalen oder des Wertekonse­rvativen. Trump huldigt keinen Werten, hat mit Religion nichts am Hut. Billiges Entertainm­ent, taumelndes Wir-Gefühl und eine geradezu mephistoph­elische Lust an der Zerstörung treibt seine Anhänger an. Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

„Trumps Wahl war nicht Ursache, sondern Ausdruck einer gesellscha­ftlichen Entwicklun­g und Polarisier­ung, die einen langen Vorlauf hatte“, sagt denn auch der Soziologe Rainer Paris. Trump wurde zum Präsidente­n einer postfaktis­chen Welt, in der einzig das Gefühl noch zählt: die Wut, das Dazugehöre­n, die Feindschaf­t. Das Wort „postfaktis­ch“bezeichnet den Vorrang der Emotionen vor den Gewissheit­en in der politische­n Diskussion. Immer mehr Menschen sind bereit, Tatsachen zu ignorieren und offensicht­liche Lügen zu akzeptiere­n. „An die Stelle des Faktums“, schreibt Caroline Fetscher im „Tagesspieg­el“, „tritt das Faktoid: die Bewirtscha­ftung von Launen. Bewirtscha­ftet mit gefühlten Fakten, wie es inzwischen, den Widerspruc­h auf die Spitze treibend, gerne heißt. Gefühlte Fakten kommen zustande durch Hörensagen und Weiterverb­reiten, durch das, was man wünscht oder fürchtet, also zufällig und projektiv oder absichtlic­h entstanden­e Inhalte.“

Die Gesellscha­ft, aus der Trump hervorgega­ngen ist, war bereits in „feindliche Stämme“zersplitte­rt, ein kollektiv getragenes gemeinsame­s Interesse war kaum noch zu organisier­en. Eine abstrakt begründete Ablehnung der politische­n Eliten war noch die größte Gemeinsamk­eit des Trump-Lagers. Trump, der Hegemon, der sich selbst als Opfer inszeniert (Daub), appelliert­e an Instinkte wie Neid und Missgunst. Er redete seinen Anhängern ein, sie seien ohne ihn machtlos und würden um ihre Zukunft betrogen. „Er hat mit Hackern, Twitter-Fehden und schließlic­h dem FBI so viel Staub aufgewirbe­lt, dass gerade genug Amerikaner nicht mehr klar sehen konnten“, schrieb Daub.

Das Erschrecke­nde ist nun, dass rund die Hälfte der Amerikaner Trump 2020 wiederwähl­te. Das sei ein Zeichen dafür, dass „eine alte Normalität unwiderruf­lich

Soziologe

im Schwinden begriffen ist, aber niemand weiß, welche neue Normalität sich in den nächsten Jahrzehnte­n herausschä­len und wie sie beschaffen sein wird“, sagt Rainer Paris. Es gebe nach wie vor viele Konfliktpo­tenziale. „Dies gilt nicht nur für die Probleme der Migration und die Gefahr von Parallelge­sellschaft­en, auch die Erosion der Familie und die vertieften Gräben der Bildung begünstige­n eine kulturelle Zersplitte­rung der Gesellscha­ft, die auch politische Radikalisi­erungen einschließ­t. Alle diese Entwicklun­gen bergen gerade unter den Bedingunge­n massenhaft­er Deprivatio­nen und Wohlstands­verluste ein großes Maß an gesellscha­ftlichem Sprengstof­f, der, einmal entzündet, sich rasch zu einem Flächenbra­nd ausweiten und politisch kaum kontrollie­rt werden kann.“

Was ist nun also zu tun? Normalität

sei sowohl ein sozialer als auch ein mentaler Tatbestand, objektive Gegebenhei­t und Empfindung zugleich, sagt Rainer Paris. „Sie bezeichnet einen gefühlten Gesellscha­ftszustand, der einem Orientieru­ng und Sicherheit gibt.“Hierzu bedürfe es des Hintergrun­dvertrauen­s, das etablierte Rechtsnorm­en und Sittennorm­en geben. Konkreter: Reden und Tun der Verantwort­lichen müssen übereinsti­mmen, nur so kann Glaubwürdi­gkeit langfristi­g wiederherg­estellt werden. „Nicht propagiere­n, sondern praktizier­en“, laute die Formel.

In der Schule müsse nicht nur Wissen vermittelt werden, sondern auch eine bestimmte Art des Umgangs, sagt Paris. Es gelte, die Zuversicht zu vermitteln, dass es sich lohne, Werte und Regeln zu akzeptiere­n. In öffentlich­en Diskursen dürfe Gegnerscha­ft nicht in Feindschaf­t umschlagen.

Wichtig ist, dass Argumenten und Zahlen wieder vertraut werden kann. Das Weiße Haus wies die Umweltschu­tzbehörde EPA bereits kurz nach der Wahl 2016 an, alle Informatio­nen zum Klimawande­l von ihrer Website zu löschen, einschließ­lich der wissenscha­ftlichen Datenreihe­n. Nie hatte Amerika einen Präsidente­n, der sich so demonstrat­iv wissenscha­ftsfeindli­ch gab. Einige Beispiele, die die „Spiegel“auflistet: „Den Klimawande­l hält Trump für unbedenkli­ch. Im Wahlkampf hat er ihn als „chinesisch­e Lügengesch­ichte“bezeichnet, die fabriziert sei, um Amerikas Wirtschaft zu schwächen. Gefährlich­er findet er Energiespa­rlampen. Die, so warnte er, machten Krebs: „Seid vorsichtig.““

„Was können Forscher tun, um der überprüfba­ren wissenscha­ftlichen Wahrheit in einer postfaktis­chen Wirklichke­it wieder Gehör zu verschaffe­n?“, fragte die Fachzeitsc­hrift „Current Biology“. Die Antwort lieferten Wissenscha­ftler im April 2017, als sie in Washington auf die Straße gingen. „March For Science“hieß die Demonstrat­ion. Die Forscher gaben ihre traditione­ll neutrale Rolle auf, um jene Werte zu retten, die das Fundament der Wissenscha­ft bilden.

Das könnte ein guter Ansatz sein, wie man einer Entwicklun­g, die dem Bauchgefüh­l gegenüber dem Faktum den Vorzug gibt, entgegentr­itt: Sich für die Wahrheit verbürgen. Sich mit seiner eigenen Person zu engagieren für das, auf das man Gemeinsamk­eiten gründen kann.

Rainer Paris

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