Aus­ge­wan­dert für den gro­ßen Traum

Als Klein­kind hat Ce­li­ne Be­lin­ski (20) mit Bal­lett an­ge­fan­gen. Das Tan­zen führ­te die Glad­ba­che­rin von Ber­lin über Mai­land nach New York.

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - Lokales - VON MAREI VITTINGHOFF

Wenn Ce­li­ne Be­lin­ski tanzt, sieht es so aus, als wür­de sie flie­gen. Die Fü­ße schwe­ben über den Bo­den, die Bei­ne stre­cken sich ker­zen­ge­ra­de nach oben und die Fin­ger­spit­zen wir­beln durch die Luft. Al­les sieht leicht aus. Als wür­de je­de Be­we­gung von al­lei­ne pas­sie­ren. Und so muss es sein. Nie­mand darf die An­stren­gung se­hen, auch wenn in Wahr­heit al­les schmerzt. Wenn sich Pro­ben, Pres­se­ter­mi­ne und Auf­füh­run­gen pau­sen­los an­ein­an­der­rei­hen. Und in den Spit­zen­schu­hen der Druck auf die Fü­ße im­mer grö­ßer wird.

So wie im ver­gan­ge­nen Jahr. Als Ce­li­ne Be­lin­ski zehn St­un­den am Stück in den Spit­zen­schu­hen ste­hen muss­te. Wäh­rend ihr Kör­per längst sag­te, dass es Zeit wä­re auf­zu­hö­ren, tanz­te Ce­li­ne Be­lin­ski wei­ter. Tanz­te für den Re­gis­seur, tanz­te für das Pu­bli­kum, tanz­te für die Fo­to­gra­fen. Bis al­les vor­bei war und sie von der Büh­ne konn­te. Als Be­lin­ski spä­ter die Spit­zen­schu­he aus­zog, zeig­te sich, wel­che Spu­ren der Tag hin­ter­las­sen hat­te. Durch den dau­ern­den Druck auf die Ze­hen, hat­te sie ver­schie­de­ne Schmer­zen an den Fü­ßen. Die nächs­ten Ta­ge konn­te Ce­li­ne Be­lin­ski nicht ein­mal in San­da­len lau­fen, oh­ne Trä­nen in den Au­gen zu ha­ben. Schmerz­ta­blet­ten hal­fen durch den All­tag. Für Ce­li­ne Be­lin­ski trotz­dem kein Grund auf­zu­ge­ben. „In der Tän­zer-Ta­sche sind so­wie­so im­mer Me­di­zin und Pflas­ter da­bei“, sagt sie. Es muss wei­ter­ge­hen im Bal­lett. Zäh­ne zu­sam­men­bei­ßen. Wei­ter lä­cheln. Wei­ter kämp­fen für den gro­ßen Traum. Egal was pas­siert. Wie hält man das durch?

Schon Ce­li­ne Be­lins­kis El­tern wa­ren Tän­zer. Ih­re Mut­ter Ni­co­le Göß­ling-Be­lin­ski kommt aus Wan­ne-Ei­ckel und mach­te in Es­sen ih­re Aus­bil­dung zur pro­fes­sio­nel­len Büh­nen­tän­ze­rin. Ihr Va­ter Vic­tor Be­lin­ski – ge­bür­tig aus Mol­da­wi­en – lern­te in Mos­kau an der Bol­schoi Aka­de­mie das Tan­zen. Doch die Bal­lett­welt ist klein. In Mag­de­burg lern­te sich das Paar am Thea­ter ken­nen und zog ge­mein­sam nach Mön­chen­glad­bach. Hier grün­de­ten sie nach ei­ner Zeit die Tanz­schu­le „Hap­py Dan­ce“.

Ce­li­ne Be­lin­ski wuchs so von An­fang an ne­ben ei­ner Bal­lett­schu­le auf. Und fing mit drei Jah­ren selbst an, bei ih­ren El­tern im Saal ne­ben­an das Tan­zen zu ler­nen: Erst in der tän­ze­ri­schen Früh­er­zie­hung, spä­ter im Bal­lett-, Jazz- und Hip-Hop-Un­ter­richt. Fast je­den Tag ih­rer Kind­heit war Be­lin­ski in der Bal­lett­schu­le. Hier tanz­te sie, um Ablen­kung vom All­tag zu fin­den. Doch mit elf Jah­ren muss­te sie ei­ne Ent­schei­dung tref­fen: Woll­te sie Bal­lett wei­ter­hin nur zum Spaß tan­zen? Oder pro­fes­sio­nel­le Tän­ze­rin wer­den? „Bal­lett ist Kno­chen­ar­beit. Wenn man erst mit 16 oder 18 pro­fes­sio­nell an­fängt, ist es schon zu spät. Der Kör­per ver­än­dert sich in der Zwi­schen­zeit zu sehr“, sagt sie. Al­so tanz­te Ce­li­ne Be­lin­ski an der Staat­li­chen Bal­lett­schu­le in Ber­lin vor. Und tat­säch­lich: Sie be­kam den Platz und zog zum Be­ginn der 7. Klas­se von Mön­chen­glad­bach in die Haupt­stadt. „Ich weiß nicht, ob ich es auch ge­macht hät­te, wenn mei­ne El­tern nicht Tän­zer ge­we­sen wä­ren“, sagt Be­lin­ski heu­te. Doch sie wag­te den Schritt in das In­ter­nat.

An der Staat­li­chen Bal­lett­schu­le blieb Ce­li­ne Be­lin­ski ein Jahr. Dann zog es sie wei­ter nach Mai­land: in die „Ac­ca­de­mia Ucrai­na die Bal­let­to“- ei­ne Part­ner­schu­le der Bal­lett­schu­le in Kiew. Schon in Ber­lin hat­te sich Ce­li­ne Be­lin­ski oft nach Hau­se ge­sehnt. In Mai­land dann so­wie­so: In Ita­li­en war sie zu­vor noch nie ge­we­sen. Und Ita­lie­nisch sprach sie bis­her kein Wort. Doch viel Zeit für Heim­weh blieb nicht. Von 8 bis 14 Uhr ging Be­lin­ski in die Bal­lett­schu­le, lern­te erst meh­re­re St­un­den klas­si­sches Bal­lett und dann „Pas de deux“(Du­ett), zeit­ge­nös­si­schen Tanz und Cha­rak­ter­tanz (Folk­lo­re). Da­nach ging es bis 19.30 Uhr zur Schu­le. Abends folg­ten die Haus­auf­ga­ben – al­les auf Ita­lie­nisch. Manch­mal lern­te Ce­li­ne Be­lin­ski noch bis 1 Uhr nachts für die Schu­le, nur um mor­gens um 6 Uhr wie­der für das Trai­ning auf­zu­ste­hen. Auch sams­tags. Als ei­ne der we­ni­gen auf der Schu­le blieb sie am Wo­che­n­en­de im In­ter­nat und ver­such­te dort so vie­le Haus­auf­ga­ben wie mög­lich zu ma­chen. „Am An­fang hat es mir in Mai­land gar nicht ge­fal­len“, sagt Ce­li­ne Be­lin­ski. Doch nach und nach ent­wi­ckel­te sich Ita­lie­nisch zu ih­rer zwei­ten Mut­ter­spra­che und Mai­land zu ih­rer neu­en Hei­mat. Wenn sie doch mal et­was Frei­zeit hat­te, lief sie durch die Stadt, be­ob­ach­te­te die Men­schen in der Mo­de­stadt und ent­deck­te ih­re Lie­be zur Fo­to­gra­fie. An den Wo­che­n­en­den schlief Ce­li­ne Be­lin­ski mitt­ler­wei­le je­des Mal bei ei­ner an­de­ren Freun­din. Und nach drei Jah­ren zog sie mit Freun­din­nen in ei­ne Woh­nung in Mai­land. Sie war an­ge­kom­men in der nord­ita­lie­ni­schen Me­tro­po­le.

Doch das Le­ben auf der Bal­lett­schu­le blieb hart. Je­des Jahr stand ei­ne vier bis fünf­stün­di­ge Prü­fung an. Nur wer sie schaff­te, konn­te wei­ter­hin auf der Aka­de­mie blei­ben. Im Un­ter­richt ging es dar­um streng zu. Ein­fach mal re­den, raus ge­hen oder sich hin­set­zen ging nicht. Der Re­spekt vor der Leh­re­rin stand im­mer an ers­ter Stel­le. Und Kor­rek­tu­ren muss­ten so­fort um­ge­setzt wer­den. „Der Un­ter­richt geht stark auf die Ner­ven und den Kör­per. Nach ei­ner Zeit lernt man Ein­zu­ste­cken. Aber man braucht auf je­den Fall Kampf­geist und Cha­rak­ter, um das durch­zu­ste­hen. Ei­ni­ge Mäd­chen ha­ben auch ab­ge­bro­chen, weil es ih­nen zu hart war“, sagt Ce­li­ne Be­lin­ski.

Auch wenn die Tän­ze­rin­nen wäh­rend der Aus­bil­dung ei­ne Fa­mi­lie wa­ren und im­mer­zu ge­pre­digt wur­de, dass auf der Büh­ne je­der wich­tig ist: Bei den Pro­ben und beim Vort­an­zen denkt je­der an sich. Das führ­te an Ta­gen, an de­nen nicht al­les rund lief, auch bei Ce­li­ne Be­lin­ski zu Selbst­zwei­feln. „Ich ha­be mich dann im­mer ge­fragt: Möch­te ich das wirk­lich ma­chen? Kann ich das? Oder sind nicht doch al­le an­de­ren bes­ser“, sagt sie. Manch­mal wünsch­te sie dich dann, wie­der zu Hau­se auf ei­ne nor­ma­le Schu­le zu ge­hen. Aber dann kam er wie­der: Der Glau­be, es schaf­fen zu kön­nen, wenn man es wirk­lich woll­te. Und das woll­te Ce­li­ne Be­lin­ski. Im Trai­ning ging sie an ih­re Gren­zen. Und manch­mal auch dar­über hin­aus.

Mit 17 Jah­ren ver­letz­te sich die Tän­ze­rin so stark an ih­rem Rü­cken, dass sie zwei Mo­na­te lang gar nicht tan­zen konn­te. Ein Jahr hat Ce­li­ne Be­lin­ski da­nach ge­braucht, um wie­der in ih­re al­te Form zu kom­men. „So­bald ein Kör­per­teil ka­putt ist, ist es vor­bei“, sagt Be­lin­ski. Das be­deu­tet: Phy­sio­the­ra­pie, Mas­sa­gen und zu­sätz­li­che Work­outs zum Trai­ning. Der Kör­per muss stän­dig in Be­we­gung blei­ben. „Wenn ich mal ei­nen Sonn­tag frei ge­macht ha­be und am nächs­ten Tag an die Bal­lett­stan­ge kom­me, fühlt es sich schon so an, als ob ich noch nie ge­tanzt hät­te“, sagt sie. Dar­um trai­niert sie je­den Tag. Auch im Ur­laub und – wenn sie zu Hau­se bei ih­ren El­tern zu Be­such ist – am Thea­ter Mön­chen­glad­bach.

Ein­mal im Jahr führ­te die Aka­de­mie ein Bal­lett­stück auf, bei dem So­lis­ten aus ganz Eu­ro­pa als Gast­tän­zer auf­tra­ten und Cho­reo­gra­phen mit der Schu­le zu­sam­men ar­bei­te­ten. Ce­li­ne Be­lin­ski hat­te Glück: Andrey Ba­ta­l­ov, Tän­zer und Grün­der ei­ner ei­ge­nen Kom­pa­nie, sah sie auf der Büh­ne und woll­te sie bei sei­ner Tour mit dem klas­si­schen Bal­lett aus St. Pe­ters­burg da­bei ha­ben. Nach ih­rem Di­plom als pro­fes­sio­nel­le Büh­nen­tän­ze­rin ging es für Be­lin­ski dar­um di­rekt mit Schwa­nen­see, Nuss­kna­cker und Dorn­rös­chen durch Eu­ro­pa. Erst tanz­te sie am Thea­ter in Ma­drid, dann ging es mo­na­te­lang mit dem Bus durch Län­der wie Mol­da­wi­en, Ru­mä­ni­en, Tsche­chi­en, Deutsch­land und die Schweiz. Für Ce­li­ne Be­lin­ski ei­ne Her­aus­for­de­rung: „Es war das ers­te Mal, dass ich mit äl­te­ren Tän­zern un­ter­wegs war, die schon viel mehr Er­fah­rung ha­ben, als ich. Und auch das ers­te Mal, dass ich vor ei­nem Pu­bli­kum ge­tanzt ha­be, dass nicht über­wie­gend aus El­tern be­stand, son­dern aus Men­schen, die für ih­re Un­ter­hal­tung be­zah­len“, sagt sie. Und dann das Le­ben im Tour­bus: Den gan­zen Tag un­ter­wegs sein, vom Bus in das Thea­ter lau­fen, kurz auf­wär­men und schmin­ken und auf der Büh­ne das Bes­te ge­ben. Nie vor 4 Uhr nachts schla­fen, weil noch so viel Ad­re­na­lin vom Auf­tritt im Blut steckt, die Klei­dung noch per Hand im Wasch­be­cken ge­wa­schen wer­den muss oder die Tän­zer noch zu­sam­men­sit­zen. Weil Ce­li­ne Be­lin­ski so oft un­ter­wegs ist, sieht die Woh­nung ih­rer El­tern in Mön­chen­glad­bach mitt­ler­wei­le aus wie ein klei­nes Mu­se­um. Über­all hän­gen Bil­der von ihr: beim Trai­ning, auf der Stra­ße oder auf der Büh­ne.

Jetzt folg­te der nächs­te gro­ße Schritt: New York. Dort hat sich Ce­li­ne Be­lin­ski für ei­ne Fort­bil­dung am Pe­rid­ance Ca­pe­zio Cen­ter in Man­hat­tan be­wor­ben. Nach sechs Mo­na­ten er­hält sie ein Di­plom, bis da­hin lebt Be­lin­ski zu­sam­men mit drei an­de­ren jun­gen Tän­zern in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft. Weil das Le­ben in New York teu­er ist, teilt sie sich das Zim­mer mit ei­ner Tän­ze­rin aus Ita­li­en. In den USA möch­te Ce­li­ne Be­lin­ski ih­re Fä­hig­kei­ten in „Con­tem­pora­ry Dan­ce“(deutsch: zeit­ge­nös­si­scher Tanz) ver­bes­sern. Da die 20-Jäh­ri­ge ger­ne im­pro­vi­siert, hat sie sich schon im­mer sehr für die­se Form des Tan­zes in­ter­es­siert. „Das klas­si­sche Bal­lett lebt schon seit Jahr­hun­der­ten von den glei­chen Be­we­gun­gen. Con­tem­pora­ry ist da­ge­gen sehr frei und bie­tet vie­le Mög­lich­kei­ten zum Ex­pe­ri­men­tie­ren: Es gibt kei­ne be­stimm­ten Tanz­schrit­te, man muss kei­ne Spit­zen­schu­he tra­gen und kann sich auf So­cken, mit of­fe­nen Haa­ren und zu je­der Art von Mu­sik be­we­gen“, sagt sie.

Nach der Fort­bil­dung möch­te Be­lin­ski bei ver­schie­de­nen Thea­tern und Kom­pa­ni­en vort­an­zen. Über­all in Eu­ro­pa, vi­el­leicht auch in den USA. Doch die Kon­kur­renz ist groß: Manch­mal tan­zen bis zu 150 Leu­te für ei­ne ein­zi­ge Stel­le vor. Glück, Kon­tak­te und die Vor­lie­ben des Cho­reo­gra­phen spie­len ei­ne ent­schei­den­de Rol­le.

Was aber, wenn der Kör­per mit 35 oder 40 Jah­ren nicht mehr mit­macht und die Kar­rie­re als Bal­le­ri­na zu En­de ist? „Man­che wer­den dann Ste­war­dess oder Phy­sio­the­ra­peut. Die meis­ten blei­ben aber in der Bran­che“, sagt die 20-Jäh­ri­ge. Auch sie selbst möch­te in der Bal­lett­welt blei­ben. Vi­el­leicht als Leh­re­rin an ei­ner Aka­de­mie. Als Cho­reo­gra­phin. Oder als Fo­to­gra­fin. Ei­ne ge­naue Vor­stel­lung hat sie noch nicht: „Ich glau­be, dass die gu­ten Din­ge so­wie­so im­mer un­ge­plant kom­men“, sagt sie. Bis da­hin heißt es: Wei­te Zäh­ne zu­sam­men­bei­ßen. Wei­ter lä­cheln.

FO­TO: BE­LIN­SKI

Der Bal­lett­tanz ist für Ce­li­ne Be­lin­ski seit frü­hen Kin­der­ta­gen Le­bens­in­halt und wird es wohl auch im­mer blei­ben.

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