„Wir müs­sen uns als Orches­ter öff­nen“

Der Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor und die 2. Kon­zert­meis­te­rin der Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­ker über den Rhein­län­der und Kon­zer­te in Kn­ei­pen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - Lokales -

Frau Ya­ma­mo­to, Sie sind die 2. Kon­zert­meis­te­rin bei den Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­kern. Ur­sprüng­lich stam­men Sie aus Ja­pan. Fei­ert man ei­gent­lich in Ih­rer Hei­mat Weih­nach­ten?

Ya­ma­mo­to Es gibt in Ja­pan nicht so vie­le Chris­ten, in­so­fern hat das Fest kei­nen re­li­giö­sen Hin­ter­grund. Es wird erst seit dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs eher nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild ge­fei­ert. Aber es gibt Ge­schen­ke, denn die Ja­pa­ner schen­ken gern.

Gibt es ja­pa­ni­sche Weih­nachts­lie­der?

Ya­ma­mo­to Es gibt ei­ne ja­pa­ni­sche Ver­si­on von Jing­le Bells und auch von Stil­le Nacht.

Seit wann le­ben Sie in Deutsch­land?

Ya­ma­mo­to Ich ha­be mit fünf Jah­ren an­ge­fan­gen, Gei­ge zu spie­len und dann in To­kio klas­si­sche Mu­sik stu­diert. 1988 bin ich nach Deutsch­land ge­kom­men und ha­be in Frei­burg wei­ter stu­diert und mein So­lis­ten­ex­amen ge­macht. Dort ha­be ich mei­nen Mann ken­nen­ge­lernt, der auch Mu­si­ker ist. Ich ha­be dann in Neuss an der Kam­mer­aka­de­mie wei­ter­ge­macht und spä­ter in Osnabrück im Orches­ter ge­spielt, be­vor ich ans Thea­ter Kre­feld-Mön­chen­glad­bach kam.

Wen mö­gen Sie lie­ber – Bach oder Beet­ho­ven?

Ya­ma­mo­to Ich mag bei­de. Im De­zem­ber wird in Ja­pan sehr oft die Ne­un­te Sin­fo­nie von Beet­ho­ven ge­spielt, und ich war mit mei­nen El­tern in der Vor­weih­nachts­zeit häu­fig im Kon­zert. Mein Va­ter liebt klas­si­sche Mu­sik und hat am Sonn­tag­mor­gen im­mer Bach ge­hört. Ich bin al­so mit bei­den Kom­po­nis­ten auf­ge­wach­sen. Aber ich lie­be auch Brahms, Mo­zart und die fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten.

Herr Küt­son, Sie sind Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor der Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­ker. Sind Sie über Weih­nach­ten in Ih­rer Hei­mat Est­land? Wie fei­ert man dort?

Küt­son Als Orches­ter ar­bei­ten wir ja, wenn an­de­re frei ha­ben. Zu Weih­nach­ten bin ich nicht in Est­land, aber vi­el­leicht im Ja­nu­ar. Da ha­ben wir ein paar Ta­ge frei. Die Weih­nachts­tra­di­tio­nen in Est­land sind sehr mit­tel­eu­ro­pä­isch-tra­di­tio­nell. Be­sche­rung ist am 24. De­zem­ber. Ge­ges­sen wird recht üp­pig. Wir fan­gen am Hei­lig­abend mit dem Es­sen an und hö­ren erst Sil­ves­ter auf (lacht).

Seit wann sind Sie in Deutsch­land?

Küt­son Ich bin schon sehr lan­ge hier. Ich bin 1992 ge­kom­men, zwi­schen­durch für ein paar Jah­re nach Est­land zu­rück­ge­gan­gen und bin jetzt in der 7. Spiel­zeit hier am Thea­ter Mön­chen­glad­bach-Kre­feld.

Le­ben Sie gern im Rhein­land? Wie emp­fin­den Sie die Rhein­län­der?

Küt­son Es sind fröh­li­che Men­schen, aber manch­mal auch grum­me­lig. Nein, eher sehr di­rekt. Sie sagen un­ver­mit­telt, was sie den­ken und füh­len. Das über­rascht mich im­mer noch, denn in mei­nem Be­ruf muss man eher ei­nen di­plo­ma­ti­schen Um­gang pfle­gen. Man muss zu­hö­ren, ge­ge­be­nen­falls kor­ri­gie­ren, aber die Kri­tik muss fein ver­packt sein. Ich glau­be, ein nie­der­rhei­ni­sches Ur-Gestein wä­re ein schlech­ter Orches­ter­lei­ter. Ya­ma­mo­to Ja, zu An­fang ist es sehr über­ra­schend, wie di­rekt die Men­schen hier sind. Ich muss­te ler­nen, dass ich nur mit ja­pa­ni­scher Höf­lich­keit hier nicht wei­ter­kom­me. In Ja­pan ist die Ge­mein­schaft wich­tig, hier in Deutsch­land – nicht nur im Rhein­land – ist es das In­di­vi­du­um. Dis­kus­sio­nen ha­be ich zu An­fang im­mer als Streit ver­stan­den, auch das muss­te ich erst ler­nen.

Herr Küt­son, wie lei­tet man ein Orches­ter?

Mih­kel Küt­son

Ge­bo­ren am 11. Sep­tem­ber 1971 in Tal­linn, Est­land

Be­ruf­li­cher Wer­de­gang Stu­di­um in Tal­linn (Est­land) und an der Mu­sik­hoch­schu­le Ham­burg; mit 27 Jah­ren Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor (GMD) am Thea­ter in Tar­tu (Est­land); 2002 bis 2006 1. Ka­pell­meis­ter an der Nie­der­säch­si­schen Staats­oper Han­no­ver; 2006 Ge­winn des Deut­schen Di­ri­gen­ten­prei­ses; 2007 bis 2012 GMD am Lan­des­thea­ter Schles­wig-Hol­stein; seit 2012 GMD am Thea­ter Kre­feld Mön­chen­glad­bach.

Gast­di­ri­ga­te un­ter an­de­rem an der Sem­per­oper Dresden, Ko­mi­schen Küt­son Wich­tig ist ein gu­ter, re­spekt­vol­ler Um­gang mit­ein­an­der. Die Mu­si­ker müs­sen sich auch un­ter­ein­an­der gut ver­ste­hen. Wenn ein Orches­ter sich nicht ver­steht, dann hört man das. Ein gu­tes Mit­ein­an­der ist die Ba­sis für ei­nen gu­ten Klang. Als Di­ri­gent ist es mei­ne Auf­ga­be, Mu­sik ge­mein­sam ent­ste­hen zu las­sen. Wenn die Mu­si­ker sich ver­ste­hen, dann ist Di­ri­gie­ren wie Se­geln bei gu­tem Wind.

Hö­ren Sie ei­gent­lich ei­nen ein­zel­nen fal­schen Ton im Orches­ter?

Küt­son Es geht nicht dar­um, ein ein­zel­nes In­stru­ment her­aus­zu­hö­ren. Als Di­ri­gent ge­be ich die Struk­tur vor. So­lo­stim­men füh­ren, ver­schwin­den und ma­chen an­de­ren Platz.

Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren Sie beim Opern­fes­ti­val in Est­land und sind mit gro­ßem Er­folg zwi­schen den Ver­tre­tern der gro­ßen Opern­häu­ser wie Mos­kau, Pe­king oder Bu­da­pest auf­ge­tre­ten. Hat das et­was ver­än­dert?

Küt­son Es war na­tür­lich et­was Be­son­de­res, dort mit da­bei zu sein und Kre­feld und Mön­chen­glad­bach zu ver­tre­ten. Aber un­ser lang­fris­ti­ges Ziel hat nichts mit Me­di­en­rum­mel zu tun, son­dern es geht dar­um, dau­er­haft Qua­li­tät auf­zu­bau­en.

Be­reits zwei­mal in­ner­halb kur­zer Zeit sind Orches­ter­mu­si­ker in die Stadt ge­gan­gen, um die Men­schen mit ih­rer Mu­sik zu be­glü­cken. Sie ha­ben das Pro­jekt „Vi­val­di und Wa­chol­der“in fünf Alt­stadt­knei­pen durch­ge­führt, und Sie ha­ben ei­nen Flashmob in ei­nem Rhe­ydter Ede­ka-Markt ge­macht. Wie war die Re­so­nanz? Hat es Spaß ge­macht?

Ya­ma­mo­to Ich ha­be beim Flashmob Oper Ber­lin, Deut­schen Oper am Rhein, bei der Staats­ka­pel­le Dresden, dem Deut­schen Sym­pho­nie-Orches­ter Ber­lin, NDR Sin­fo­nie­or­ches­ter. Stutt­gar­ter Phil­har­mo­ni­kern.

Chi­sa­to Ya­ma­mo­to

Ge­bo­ren in Kyo­to, Ja­pan Fa­mi­li­en­stand ver­hei­ra­tet, ein Kind

Be­ruf­li­cher Wer­de­gang ers­ter Gei­gen­un­ter­richt mit 5 Jah­ren; Stu­di­um in To­kyo und Frei­burg im Breis­gau; An­stel­lung bei der Deut­schen Kam­mer­aka­de­mie Neuss, den Os­na­brü­cker Sym­pho­ni­kern, seit Spiel­zeit 2000/2001 2. Kon­zert­meis­te­rin bei den Nie­der­rhei­ni­schen Sin­fo­ni­kern.

mit­ge­macht, die Gei­ge in der Ein­kaufs­ta­sche ver­steckt. Es war sehr span­nend und to­tal lus­tig. Die Re­so­nanz war toll. Ich ha­be hin­ter­her von Be­kann­ten ge­hört, dass man­chen Zu­hö­rern die Trä­nen ge­kom­men sind. Ich fin­de es wirk­lich gut, dass wir das ge­macht ha­ben. Küt­son Es ist wich­tig, dass wir uns als Orches­ter öff­nen. Das Alt­stadt­pro­jekt und der Flashmob wur­den von der Agen­tur „Terz ma­chen“be­treut. Ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit ist hier an­ge­dacht. So könn­ten in­ter­es­san­te Pro­jek­te zu­stan­de kom­men. Als Mu­si­ker sind wir kei­ne Ver­pa­ckungs­künst­ler, aber wir kön­nen die mu­si­ka­li­schen In­hal­te bei­steu­ern und sind für An­re­gun­gen of­fen.

Ha­ben Sie gu­te Vor­sät­ze für das neue Jahr? Wenn ja, wel­che?

Ya­ma­mo­to Ich möch­te stär­ker ler­nen, den Mo­ment wahr­zu­neh­men, auch und ge­ra­de dann, wenn es ein­mal nicht so läuft.

Küt­son Das ist bei mir wie mit den Weih­nachts­ein­käu­fen: um gu­te Vor­sät­ze küm­me­re ich mich ganz spät. Ich bin da eher spon­tan. Und ge­ne­rell hof­fe ich, dass ich al­len Din­gen of­fen ge­gen­über­tre­te und das Bes­te dar­aus ma­che.

DAS GE­SPRÄCH FÜHR­TEN IN­GE SCHNETTLER, AN­GE­LA RIETDORF UND CHRIS­TO­PHER-NILS BÜTTGENS

FO­TO: JA­NA BAUCH

Mih­kel Küt­son und Chi­sa­to Ya­ma­mo­to kün­di­gen im In­ter­view wei­te­re Ak­tio­nen wie den Flashmob des Orches­ters im Su­per­markt an.

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