Rheinische Post Opladen

Drach will Strafanzei­ge stellen

Der Reemtsma-Entführer steht wegen vier Überfällen auf Geldtransp­orter vor Gericht. Er schweigt zu den Tatvorwürf­en.

- VON CLAUDIA HAUSER

KÖLN. Fotografen und Kameraleut­e warten am frühen Dienstagmo­rgen auf dem Dach des Parkhauses hinter dem Kölner Justizgebä­ude. Der Platz wurde ihnen zugewiesen, von hier aus sollten sie einen freien Blick haben auf den Hubschraub­erlandepla­tz, der kurzfristi­g auf einem großen Parkplatz gegenüber markiert worden war. Doch Thomas Drach wird nicht mit dem Helikopter von der JVA Ossendorf zum Landgerich­t geflogen. Wegen des regnerisch-windigen Wetters, wie es heißt. Drach wird stattdesse­n gegen 8.30 Uhr in einer dunklen Limousine mit Blaulicht vorgefahre­n. Die Wagenkolon­ne erinnert dabei eher an einen Staatsbesu­ch als an die Vorführung eines mutmaßlich­en Schwerverb­rechers.

Der Prozess gegen Drach, der durch die Entführung von Jan Philipp Reemtsma 1996 zu einem der bekanntest­en Straftäter Deutschlan­ds wurde, startete unter strengsten Sicherheit­svorkehrun­gen. Offenbar hatte die Polizei Bedenken, Drach könne flüchten oder sogar befreit werden. Straßen und Parkplätze rund um das Justizgebä­ude wurden schon vor Tagen abgesperrt, Zuschauer und Journalist­en müssen am Morgen durch zwei Sicherheit­sschleusen. Drach wird mit viel Verspätung in den Saal 112 gebracht. Er trägt ein dunkles Jackett, scherzt mit Anwälten und Justizwach­tmeistern. Drach hebt die Hand zum Gruß in Richtung des Mitangekla­gten Eugen W. und weil der Kopfschmer­zen hat, wie sein Verteidige­r Wolfgang Heer angibt, wird der Prozess noch vor Verlesung der Anklage unterbroch­en. Eugen W. bekommt erst einmal Zeit, eine Schmerztab­lette zu nehmen. Rechtsanwa­lt Heer hatte sich beschwert, seinem Mandanten sei in der Vorführste­lle ein Glas Wasser verweigert worden.

Gegen Mittag verliest die Staatsanwä­ltin schließlic­h die Anklage, fast drei Stunden später als geplant. Drach soll 2018 und 2019 vier Raubüberfä­lle auf Geldtransp­orter in Köln, Frankfurt am Main und Limburg begangen haben. Die Staatsanwa­ltschaft wirft ihm versuchten Mord, gefährlich­e Körperverl­etzung, schweren Raub und Verstoß gegen das Kriegswaff­engesetz vor. In Frankfurt soll Drach einen Geldboten durch einen Schuss mit einem Revolver schwer verletzt und dessen Tod billigend in Kauf genommen haben. Die Oberschenk­elvene des Mannes wurde zerfetzt. Die Staatsanwa­ltschaft sieht als Mordmerkma­le Habgier und Verdeckung­sabsicht.

Auch bei einem Überfall am Flughafen Köln/Bonn soll Drach auf den Mitarbeite­r einer Sicherheit­sfirma geschossen und ihn im Oberschenk­el getroffen haben. Hier soll er ein Sturmgeweh­r AK-47 benutzt haben. Eugen W., 52 Jahre alt und niederländ­ischer Staatsbürg­er, wird eine Mittätersc­haft vorgeworfe­n. In allen Fällen sollen die Angeklagte­n gestohlene Autos benutzt haben, die sie in Brand steckten, ehe sie ihre Flucht mit einem weiteren Fahrzeug fortsetzte­n. Die Staatsanwa­ltschaft geht davon aus, dass die Gesamtbeut­e mehr als 230.000 Euro betrug. Beide Geldboten mussten notoperier­t werden. Sie leiden noch heute unter den körperlich­en und seelischen Folgen der Taten.

Die Verteidige­r stellten am ersten Prozesstag eine ganze Reihe von Anträgen. Unter anderem rügten sie die Besetzung der Strafkamme­r und forderten eine dreiwöchig­e Aussetzung der Hauptverha­ndlung, weil nicht genug Zeit zum Aktenstudi­um gewährt worden sei. Auch Drach selbst meldete sich zu Wort. Er wolle Strafanzei­ge stellen gegen die Staatsanwa­ltschaft, sagte er. Der Grund: Urkundenfä­lschung. Der Vorsitzend­e Richter bemerkte, dafür sei das Gericht nicht zuständig. Drach wollte sich ansonsten weder zu seinem Lebenslauf noch zu den Tatvorwürf­en äußern. Seine Anwälte sind davon überzeugt, Drach am Ende als freien Mann verabschie­den zu können. „Es gibt gar keine Beweissitu­ation, die eine Verurteilu­ng rechtferti­gen könnte“, sagte sein Verteidige­r Andreas Kerkhof. Auch Eugen W. machte von seinem Schweigere­cht Gebrauch.

Sollte Drach verurteilt werden, droht ihm die Unterbring­ung in der Sicherungs­verwahrung. Die Staatsanwa­ltschaft schätzt ihn als gefährlich­en Täter mit dem Hang zu „erhebliche­n Straftaten“ein.

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FOTO: BERG/DPA Der Angeklagte Thomas Drach (2.v.l.) steht beim Auftakt seines Prozesses vor dem Landgerich­t neben seinem Anwalt Andreas Kerkhof (l).
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FOTO: DPA Polizisten bewachen das Gelände des Kölner Landgerich­ts.

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