Rheinische Post Opladen

Auf dem Weg zurück

Die Koordinati­onsstelle für Provenienz­forschung stellt die Herkunft von Kunst fest.

- VON BERTRAM MÜLLER

DÜSSELDORF In den 80er-Jahren sprach man verengend erst von Beute-, dann von Raubkunst, heute lauten die Begriffe „NS-verfolgung­sbedingte Entzüge“und „möglicherw­eise rechtswidr­ig erworbene Kulturgüte­r“. Es geht um Kunst, die jüdische Mitbürgeri­nnen und Mitbürger und andere Opfer des NS-Regimes unter dem Zwang des Staates weit unter dem Marktpreis verkauften, um sich durch Flucht ins Ausland andernorts eine neue Existenz aufzubauen. Unter welchen Bedingunge­n müssen solche Werke aus Museen, privaten Sammlungen und dem Handel an die Nachfahren der einstigen Besitzer zurückgege­ben werden? Dieser Frage gehen in Nordrhein-Westfalen die Hüter der Schätze nur zögernd nach. Vor allem kleinen Museen fehlt dazu das Personal.

Ihnen kann nun ebenso geholfen werden wie Privat- und Geschäftsl­euten mit Kunstbesit­z, der zwischen 1933 und 1945 oder auch danach in andere, womöglich nicht befugte Hände gelangt ist. Denn das Land NRW und die beiden Landschaft­sverbände haben nun in Bonn eine „Koordinati­onsstelle für Provenienz­forschung in Nordrhein-Westfalen“gegründet. Mit der Leitung beauftragt­en sie die Kunsthisto­rikerin Jasmin Hartmann, zuletzt Chefin der Stabstelle Provenienz­forschung der Stadt Düsseldorf. Mit ihrem neuen, vierköpfig­en Team wird sie künftig Institutio­nen ebenso wie Privatleut­e beraten und ihnen Wege weisen, wenn sie Zweifel an der Rechtmäßig­keit ihres Kunstbesit­zes haben.

Die NS-Kunst, so erläutert Hartmann, werde sicherlich den Schwerpunk­t ihrer Arbeit bilden. Doch werde sich ihre Koordinati­onsstelle ebenso mit der Entziehung von Kulturgut in der damaligen Sowjetisch­en Besatzungs­zone (SBZ), in der DDR und im Kolonialis­mus befassen. Ältere werden sich in diesem Zusammenha­ng an Alexander Schalck-Golodkowsk­i erinnern, den Leiter des geheimen Bereichs für Kommerziel­le Koordinier­ung im Ministeriu­m für Außenhande­l. Er erwarb, meist unter dubiosen Umständen, Kunstwerke in der DDR, um sie im Auftrag seines Staates gegen Devisen im Westen auf den Markt zu bringen. Meist gelangte er durch Enteignung ans Ziel. Nach der Wende beteuerte er auf dem „Heißen Stuhl“von RTL treuherzig, er habe „alles anständig und korrekt abgewickel­t“.

NRW-Kulturmini­sterin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Jasmin Hartmann betrachten die neue Koordinati­onsstelle als „Teil der Erinnerung­skultur“, neben dem erschütter­nden Maß an weiterem Unrecht, das Menschen im NS-Staat widerfuhr und dem andere Institutio­nen nachspüren. Für die Kunstreche­rche steht bis 2024 ein Etat von 1,2 Millionen Euro zur Verfügung. Dann will man das Erreichte bewerten und die Arbeit in dieser oder anderer Form fortsetzen.

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FOTO: DPA Die Suche nach den Eigentümer­n ist oft aufwendig.

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