„Den­ken ist wich­ti­ger als twit­tern“

Der Jour­na­list He­ri­bert Prantl sprach in der Rei­he der „Düs­sel­dor­fer Re­den“über Po­pu­lis­mus, Hei­mat und Eu­ro­pa.

Rheinische Post Viersen - - Düsseldorfer Kultur - VON LOTHAR SCHRÖ­DER FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

Jour­na­lis­ten, die viel ge­lobt wer­den, ha­ben – wie es manch­mal heißt – ir­gend­et­was nicht rich­tig ge­macht. Die­ser Ap­pell an den Wi­der­spruchs­geist und die Un­ab­hän­gig­keit ei­nes Be­richt­er­stat­ters ist zwar gut ge­meint und eh­ren­wert, aber viel­leicht nicht im­mer ganz zu­tref­fend. Denn der gro­ße und herz­li­che Ap­plaus für He­ri­bert Prantl jetzt im aus­ver­kauf­ten Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus war sei­ner kri­ti­schen Hal­tung ge­schul­det, al­so auch sei­ner Zu­stands­be­schrei­bung der Ge­gen­wart, in der uns nach sei­ner Ana­ly­se im­mer mehr Grund­ge­wiss­hei­ten ver­lo­ren­ge­hen. „Viel­leicht gibt

„Wir le­ben in ei­ner Zeit der Wie­der­ge­burt von al­ten Wahn­ide­en und Idio­ti­en“He­ri­bert Prantl

Red­ner im Schau­spiel­haus

es schö­ne­re Zei­ten“, heißt es bei Je­an-Paul Sart­re. „Aber dies ist un­se­re Zeit.“Die­se so ein­fach klin­gen­de Wahr­heit zi­tier­te Prantl be­zeich­nen­der­wei­se gleich zu Be­ginn; sie war sein Cre­do und sein Leit­fa­den. Weil nach Mei­nung des 65-jäh­ri­gen, reich­lich de­ko­rier­ten SZ-Jour­na­lis­ten nichts schick­sal­haft ist: we­der un­se­re Zu­kunft noch un­se­re Vor­stel­lung von Eu­ro­pa, von Hei­mat, von De­mo­kra­tie.

Die „Düs­sel­dor­fer Re­den“, die das Schau­spiel­haus zu­sam­men mit der Rhei­ni­schen Post seit 2017 ver­an­stal­tet, sind mit He­ri­bert Prantl al­so in ih­re drit­te „Spiel­zeit“ge­star­tet, wie es In­ten­dant Wil­fried Schulz zur Be­grü­ßung thea­ter­ge­recht for­mu­lier­te. Und es wur­de im Bei­sein von Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel ein span­nen­der Auf­takt in die neue „Vor­trags-Sai­son“– mit ei­nem mei­nungs­star­ken Par­force­ritt durchs be­drü­cken­de Po­lit­ge­sche­hen un­se­rer Ta­ge. Das Er­geb­nis war kei­nes­wegs hei­ter: „Wir le­ben in ei­ner Zeit der ne­ga­ti­ven Re­nais­sance, ei­ner Zeit der Wie­der­ge­burt von al­ten Wahn­ide­en und Idio­ti­en.“Der Geist der Brü­der­lich­keit schwin­det, der Glau­be an den Fort­schritt der Auf­klä­rung brö­ckelt, die trans­at­lan­ti­sche Ge­mein­schaft zer­fällt und stellt die Welt vor ei­nen neu­en Han­dels­krieg und ein neu­es nu­klea­res Wett­rüs­ten. „Es ist, als lä­ge Krieg in der Luft“, so Prantl, der stu­dier­te Ju­rist, der vor sei­ner Jour­na­lis­ten-Lauf­bahn auch schon als Rechts­an­walt, Rich­ter und Staats­an­walt tä­tig war.

Doch al­lein für to­xi­sche Be­fun­de gibt es nicht die­sen Ap­plaus, nicht die­se brei­te Zu­stim­mung. Prantl be­gnügt sich eben nicht mit der Rol­le der Kas­san­dra, son­dern macht glaub­haft, dass ihn erns­te Sor­gen um­trei­ben und die­se of­fen­bar auch Sor­gen der gut 800 Zu­hö­rer sind. Da­zu ge­hö­ren vor al­lem die al­ten und vie­ler­orts auch wie­der neu­en Na­tio­na­lis­men. Das man mit Blick auf rechts­po­pu­lis­ti­sche Ent­wick­lun­gen ger­ne auf an­de­re, be­nach­bar­te Län­der zei­ge, tau­ge nicht zur Be­schö­ni­gung der Si­tua­ti­on hier­zu­lan­de. „Deutsch­land ist in der Si­tua­ti­on des Al­ko­ho­li­kers. Wenn der wie­der trinkt, wird es ge­fähr­lich.“Als Schü­ler konn­te sich Prantl noch an den re­gel­mä­ßi­gen Pro­be­alarm von den Si­re­nen auf Schu­lund Rat­haus­dä­chern er­in­nern. Den gibt es seit 1992 – seit En­de des so­ge­nann­ten Kal­ten Krie­ges – nicht mehr. Nun müs­se man sel­ber heu­len. Doch dür­fe man es da­bei auch nicht be­las­sen. Denn: „Heu­len än­dert nichts.“

Was dann? Der Glau­ben an ein Wun­der! Und die­ses Wun­der hat ei­nen Na­men, Eu­ro­pa. Aber of­fen­bar ha­ben wir es nach Prantls Wor­ten ver­lernt, das Wun­der im­mer noch zu be­grei­fen und wert­zu­schät­zen. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on ist da­nach „das Bes­te, was Eu­ro­pa in sei­ner lan­gen Ge­schich­te pas­siert ist“. Die­ses Eu­ro­pa ist für Prantl nicht die Sum­me sei­ner Feh­ler, son­dern ein an­de­res Wort für Zu­kunft – trotz sei­ner Kon­struk­ti­ons­feh­ler, sei­ner de­mo­kra­ti­schen und so­zia­len De­fi­zi­te. Au­ßer­dem hat Eu­ro­pa kein Mar­seil­lai­se; das heißt: Eu­ro­pa lässt sich nicht wirk­lich be­sin­gen und ist bis heu­te dar­um lei­der ein nüch­ter­nes Pro­jekt ge­blie­ben. Das hat Fol­gen. „Aus der eu­ro­päi­schen Nach­kriegs­zeit wur­de mehr und mehr ei­ne eu­ro­päi­sche Lethar­gie.“

Die­se Zu­kunft be­darf aber auch

der so­zia­len Ge­rech­tig­keit, der So­li­da­ri­tät und des vor­be­halt­lo­sen Re­spekts für­ein­an­der. Es gab Sze­nen­ap­plaus für sei­ne Fest­stel­lung, dass Hartz-Be­zie­her von der Zi­vil­ge­sell­schaft nie ei­ne ähn­li­che Sym­pa­thie und Hilfs­be­reit­schaft emp­fan­gen durf­ten wie – zu­min­dest für kur­ze Zeit – die Flücht­lin­ge im Herbst 2015.

In ih­rem drit­ten Jahr sind die „Düs­sel­dor­fer Re­den“zu ei­nem wich­ti­gen Re­fle­xi­ons­ort der Stadt­ge­sell­schaft ge­wor­den; ei­nem Platz, an dem das ge­spro­che­ne Wort al­le ge­bo­te­ne Frei­heit ge­nießt und das Zu­hö­ren ein wich­ti­ges Gut ist. „Den­ken ist bes­ser als twit­tern“, hat­te auch Prantl emp­foh­len. Und auch der grö­ße­re Rah­men mit dem Um­zug vom Cen­tral ins Gro­ße Haus ist der Rei­he gut be­kom­men. Sie hat an Be­deu­tung zu­ge­legt, oh­ne pom­pös zu wer­den – auch wenn He­ri­bert Prantl in der Ku­lis­se der neu­en Ham­let-Ins­ze­nie­rung sprach. Mäch­ti­ger Ap­plaus am En­de. Mehr­fach muss­te der Jour­na­list auf die Büh­ne zu­rück. Wo­mög­lich hat ihn das auf den Ge­dan­ken ge­bracht, dass Bei­fall so schäd­lich auch für ei­nen Kri­ti­ker nicht sein muss.

Zum Auf­takt der „Düs­sel­dor­fer Re­den“, ei­ner Ko­ope­ra­ti­on von Schau­spiel­haus und Rhei­ni­scher Post, sprach Jour­na­list He­ri­bert Prantl.

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