800 Stahl­ar­bei­ter ban­gen um ih­re Jobs

Thys­senk­rupp will sein Grob­blech­werk ver­kau­fen oder schlie­ßen. Nrw-wirt­schafts­mi­nis­ter Pink­wart pocht auf mehr In­ves­ti­tio­nen.

Rheinische Post - Wesel/Dinslaken - - VORDERSEIT­E -

DUISBURG (atrie/jd/kib/ma­xi/ th) Der Be­triebs­rat des Thys­senk­rupp-stand­orts Hüt­ten­heim hat Wi­der­stand ge­gen die Ver­kaufs­oder Schlie­ßungs­plä­ne des Ma­nage­ments an­ge­kün­digt. Man wer­de das Werk nicht kampf­los auf­ge­ben, sag­te Meh­met Gök­tas un­se­rer Re­dak­ti­on. Der Kon­zern will bis zum 30. Ju­ni ei­nen Käu­fer fin­den; ge­lin­ge das nicht, wer­de das Werk still­ge­legt, hieß es. In dem Be­trieb sind 800Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt.

Per­so­nal­vor­stand Oliver Burk­hard ver­tei­dig­te das Vor­ge­hen: „Wir ste­hen im Stahl vor enor­men Her­aus­for­de­run­gen“, sag­te der Ma­na­ger, der 2013 vom Pos­ten des NRW-BE­zirks­lei­ters der IG Me­tall in den Thys­senk­rupp-vor­stand ge­wech­selt war. Wenn das Un­ter­neh­men die Spit­zen­klas­se wie­der er­rei­chen wol­le, müss­ten al­le ih­ren Bei­trag leis­ten. „Wir wer­den nie­man­dem et­was weg­neh­men“, ver­sprach Burk­hard, sag­te je­doch zu­gleich, dass man auch mehr Fle­xi­bi­li­tät von den Be­schäf­tig­ten ver­lan­gen kön­ne. „Wei­ter so ist kei­ne Op­ti­on.“Burk­hard deu­te­te an, dass es kei­ne be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen ge­ben sol­le: „Wir wer­den den Mit­ar­bei­ten­den in je­dem Fall ei­nen Ar­beits­platz an an­de­rer Stel­le im Stahl an­bie­ten.“

Das Grob­blech­werk ist ei­nes von drei Ge­schäf­ten, die der Kon­zern als Pro­blem­fel­der iden­ti­fi­ziert hat. Ne­ben Grob­blech sind dies noch die Ge­schäf­te mit Fe­dern- und Sta­bi­li­sa­to­ren, wo es zu Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­run­gen ins Aus­land kom­men soll, so­wie der Be­reich Sys­tem En­gi­nee­ring.

War in der Stahl­spar­te bis­lang im­mer von ei­nem Ab­bau von 2000 Stel­len die Re­de, heißt es nun­mehr, dass 2800 Stel­len in den kom­men­den sechs Jah­ren weg­fal­len sol­len. Noch rin­gen Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter und Ma­nage­ment über die De­tails. Nach An­ga­ben der Be­triebs­rä­te ist das Ma­nage­ment of­fen­bar nur be­reit, bis 2023 be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus­zu­schlie­ßen. Die IG Me­tall for­dert da­ge­gen ei­ne Re­ge­lung, die den Be­schäf­tig­ten bis 2030 Si­cher­heit bie­tet. Zu­dem müss­ten In­ves­ti­tio­nen zu­ge­si­chert und Be­stand­teil des neu­en Ta­rif­ver­trags „Zu­kunft Stahl“wer­den. Der Stahl­stand­ort Bochum müs­se lang­fris­tig ge­si­chert wer­den und Grob­blech er­hal­ten blei­ben. Ver­set­zun­gen dürf­ten nur so­zi­al­ver­träg­lich er­fol­gen. Au­ßer­dem sol­le Thys­senk­rupp wei­ter im bis­he­ri­gen Um­fang aus­bil­den.

Nrw-wirt­schafts­mi­nis­ter Andre­as Pink­wart (FDP) sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on mit Blick auf das Grob­blech­werk: „Das ist kei­ne gu­te Nach­richt, sie schafft Un­si­cher­heit für die Mit­ar­bei­ter.“Thys­senk­rupp ste­he am An­fang ei­nes gro­ßen Um­bau­pro­zes­ses, be­son­ders der Stahl ste­he un­ter An­pas­sungs­druck. „Jetzt kommt es dar­auf an, klug, in­no­va­tiv und so­zi­al­ver­träg­lich zu han­deln, um die­ser Tra­di­ti­ons­spar­te in Nord­rhein-west­fa­len ei­ne gu­te Zu­kunft zu er­mög­li­chen.“Pink­wart sag­te, da­zu sei­en er­heb­li­che In­ves­ti­tio­nen und struk­tu­rel­le An­pas­sun­gen nö­tig, um den Stahl wett­be­werbs­fä­hi­ger und kli­ma­freund­li­cher zu ma­chen. „Hier muss das Un­ter­neh­men noch kräf­tig auf­ho­len und neue, ver­läss­li­che Part­ner­schaf­ten su­chen.“Die Lan­des­re­gie­rung un­ter­stüt­ze die Bran­che mit ei­ge­nen Pro­gram­men auf der For­schungs- und der In­no­va­ti­ons­sei­te und wer­be zu­sätz­li­che Bun­des­und Eu-mit­tel ein.

Der SPD im Düs­sel­dor­fer Land­tag reicht das of­fen­bar nicht: „Wir er­war­ten von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet, dass er sich end­lich in die An­ge­le­gen­heit ein­schal­tet und für die Mit­ar­bei­ter ein­setzt“, er­klär­ten Frak­ti­ons­chef Tho­mas Kut­scha­ty und Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­re­rin Sa­rah Phil­ipp. Bis­her ha­be er Ge­sprächs­an­fra­gen des Be­triebs­rats am Stand­ort in Duisburg-hüt­ten­heim schlicht igno­riert. „So kann es nicht wei­ter­ge­hen.“

DUISBURG (atrie/jd/ma­xi/th) Stahl­ar­bei­ter gel­ten als hand­fest. Doch als Meh­met Gök­tas und sei­ne Kol­le­gen am Don­ners­tag­abend vor ih­re Kol­le­gen tra­ten, um sie über das dro­hen­de Aus für das Grob­blech­werk zu in­for­mie­ren, da flos­sen bei Teil­neh­mern der Ver­samm­lung Trä­nen. Ei­ni­ge aus der Be­leg­schaft hät­ten nicht mehr wei­ter­ar­bei­ten kön­nen, sag­te Gök­tas, der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der des Thys­senk­rupp Stand­orts in Duisburg-hüt­ten­heim ist.

Am Tag, nach­dem das Ma­nage­ment ih­nen of­fen­bart hat, dass es sich von dem Ge­schäft mit Grob­ble­chen tren­nen wer­de – ent­we­der per Ver­kauf bis En­de Ju­ni oder aber per Schlie­ßung – zeig­te Gök­tas sich ent­schlos­se­ner denn je: „Wir wer­den die­ses Werk nicht kampf­los auf­ge­ben“, sag­te der Be­triebs­rats­chef. „Al­le sind sau­er. Sie ha­ben hier in den letz­ten Jah­ren wirk­lich gu­te Ar­beit ge­leis­tet und sol­len jetzt das Bau­ern­op­fer sein“, so Gök­tas.

An Un­ter­stüt­zung man­gel­te es am Frei­tag wahr­lich nicht. Als ei­ner der Ers­ten sprang den Stahl­ar­bei­tern Duis­burgs Ober­bür­ger­meis­ter Sö­ren Link (SPD) zur Sei­te. Er be­such­te am Frei­tag­mor­gen das Werk und zeig­te sich so­li­da­risch: „Wir Duis­bur­ger müs­sen jetzt zu­sam­men­ste­hen. Ich ma­che mir gro­ße Sor­gen um die­sen Tra­di­ti­ons­stand­ort, der trotz gu­ter Ar­beit der Be­leg­schaft auf­grund von Ma­nage­ment­feh­lern nun ge­fähr­det ist“, sag­te er un­se­rer Re­dak­ti­on. Er er­war­te von den Ent­schei­dern bei Thys­senk­rupp, dass sie ei­nen Käu­fer fin­den, der ei­ne Per­spek­ti­ve für das Grob­blech­werk ga­ran­tie­re. „Ich ap­pel­lie­re zu­dem an Thys­senk­rupp, dass das Un­ter­neh­men die Ver­ant­wor­tung für die Be­schäf­tig­ten und ih­rer Fa­mi­li­en über­nimmt und be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen in je­dem Fall ver­mei­det.“

Die ste­hen al­ler­dings auch gar nicht zur De­bat­te. So hat­te Thys­senk­rupp-per­so­nal­vor­stand Oliver Burk­hard klar ge­macht, dass man den 800 Be­schäf­tig­ten An­ge­bo­te an an­de­ren Stel­len im Stahl ma­chen wer­de, ei­ne ge­wis­se Fle­xi­bi­li­tät vor­aus­ge­setzt. Im Ge­gen­zug heißt es aus Kon­zern­krei­sen, sei man be­reit, für zu­sätz­li­che Fahrt­kos­ten und Ent­gelt­si­che­run­gen, soll­te ein Be­schäf­tig­ter künf­tig für ei­ne schlech­ter be­zahl­te Tä­tig­keit ein­ge­setzt wer­den. Zu­dem dürf­te es für ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Teil Früh­ver­ren­tungs­re­ge­lun­gen ge­ben. Je­der zwei­te bei Thys­senk­rupp Steel ist äl­ter als 50 Jah­re.

Bei den Grob­ble­chen läuft es schon län­ger nicht. Be­reits im Mai hat­te der Kon­zern an­ge­kün­digt, sie auf den Prüf­stand zu stel­len. Thys­senk­rupp ist in die­sem Seg­ment kein Markt­füh­rer, war dort nie wirk­lich stark, hat­te zu­letzt vor al­lem Geld ver­brannt. Um das Grob­blech­werk wie­der fit zu ma­chen wä­re wohl ein zwei- bis drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­be­trag nö­tig. Geld, das Thys­senk­rupp nicht hat. Nun zie­hen die Ma­na­ger die Reiß­lei­ne.

Un­ge­ach­tet des­sen war die Be­stür­zung am Frei­tag ge­wal­tig. Die Duis­bur­ger Spd-ab­ge­ord­ne­te und Frak­ti­ons­vi­ze­che­fin im Bun­des­tag, Bär­bel Bas, for­der­te die Be­leg­schaft zum Wi­der­stand ge­gen die Plä­ne auf: „Jetzt heißt ge­gen die Stand­ort­schlie­ßung zu kämp­fen.“Bas ver­lang­te von Thys­senk­rupp In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft des Stahl­stand­orts Duisburg. „Ich wür­de mir wün­schen, dass sich Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er und Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet genau­so hin­ter die Be­schäf­tig­ten stel­len wür­den.“

Ähn­lich äu­ßer­te sich der Vor­sit­zen­de der Grü­nen in NRW, Fe­lix Ba­nasz­ak: „Es kann nicht sein, dass es wie­der die Be­schäf­tig­ten sind, die fal­sche Ma­nage­ment-ent­schei­dun­gen aus­ba­den. Thys­senk­rupp hat durch die­se Mil­li­ar­den im Aus­land ver­zockt und gleich­zei­tig nö­ti­ge In­ves­ti­tio­nen in Deutsch­land ver­säumt.“Die Grü­nen woll­ten, dass NRW ein star­kes In­dus­trie­land blei­be. „Wenn es das aber blei­ben soll, braucht es jetzt kla­re po­li­ti­sche Vor­ga­ben für ei­ne kli­ma­neu­tra­le In­dus­trie der Zu­kunft“, sag­te Ba­nasz­ak. „Und es braucht bes­te Be­din­gun­gen, da­mit sich In­ves­ti­tio­nen in ei­ne nach­hal­ti­ge Un­ter­neh­mens­zu­kunft für die Fir­men rech­nen.“Da­zu kön­ne es auch nö­tig sein, kli­ma­neu­tra­le Pro­duk­te ge­gen Bil­lig­im­por­te zu schüt­zen.

Auch aus dem La­ger der Ge­werk­schaf­ten ka­men For­de­run­gen, dass sich die Lan­des­re­gie­rung stär­ker für die In­dus­trie ein­set­zen müs­se: „Stahl muss in NRW ei­ne Zu­kunft ha­ben“, sag­te die Dgb-che­fin von NRW, An­ja We­ber, un­se­rer Re­dak­ti­on. Die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen durch den Struk­tur­wan­del sei­en bei Thys­senk­rupp noch durch Fehl­ent­schei­dun­gen im Ma­nage­ment ver­stärkt wor­den. „Hier muss schnell ge­gen­ge­steu­ert wer­den.“Der Fall zei­ge deut­lich, dass die Po­li­tik die not­wen­di­gen Rah­men­be­din­gun­gen set­zen müs­se, da­mit Ar­beits­plät­ze und Wert­schöp­fung nicht aus Nord­rhein-west­fa­len ab­flie­ßen. „Es be­darf ei­ner ak­ti­ven Struk­tur­po­li­tik.“

FO­TO: CHRIS­TOPH REICHWEIN

Meh­met Gök­tas kämpft als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der des Thys­senk­rupp-werks Hüt­ten­heim für den Er­halt des Stand­or­tes.

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