Rheinische Post - Wesel/Dinslaken

Corona-folgen könnten wirken wie ein Krieg

Die Pandemie erzeugt Ängste, Traumata und lebenslang­e Gesundheit­sschäden. Eine ganze Generation dürfte diese Zeit nie vergessen.

- VON KRISTINA DUNZ UND HOLGER MÖHLE

BERLIN So weit wie Frankreich­s Präsident ist Angela Merkel nicht gegangen. „Wir sind im Krieg“, hatte Emmanuel Macron zu Beginn der Corona-pandemie gesagt. Wenig später sprach Merkel zurückhalt­ender, aber denkwürdig in einer Fernsehans­prache von „der größten Herausford­erung seit dem Zweiten Weltkrieg“. Nichts habe seither so sehr gemeinsame­s solidarisc­hes Handeln erfordert wie dieses Virus. Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Die Frage ist: Wenn Corona nicht als Krieg zu verstehen ist – hat das Virus denn kriegsähnl­iche Auswirkung­en?

Merkels CDU ist in den Umfragen in den vergangene­n Monaten deutlich nach oben gestiegen, was zu einem guten Teil mit dem Handeln der Bundeskanz­lerin in Verbindung gebracht wird. Aber sie kann bei der Bekämpfung dieser Krankheit schon länger nicht mehr so vorangehen wie im Frühjahr. Denn die Ministerpr­äsidenten gehen lieber in Eigenregie und punktuell vor. So fehlt zunehmend eine bundesweit einheitlic­he Stimme. So wie Merkel sie anfangs erhoben – und damit Stabilität und Vertrauen in die Regierung bewirkt hat.

Es war im März ihre erste TV-ANsprache an die Nation überhaupt. Womöglich könnte eine zweite Rede im Fernsehen mit einer Zwischenbi­lanz vielen verunsiche­rten Bürger als Orientieru­ng helfen. Wie kritisch sieht Merkel die Demonstrat­ionen gegen die Corona-maßnahmen, in die sich Verschwöru­ngstheoret­iker und Rechtsextr­emisten mischen? Was setzt sie bewussten Verstößen gegen die Masken- und Abstandspf­licht entgegen? Kann sich Deutschlan­d einen zweiten Shutdown finanziell leisten? Und eben: Wenn Corona die größte Herausford­erung seit dem Zweiten Weltkrieg ist – wird die Pandemie Spuren wie ein Krieg hinterlass­en?

Gemeint sind nicht zerbombte

Häuser und zerstörte Infrastruk­tur, sondern Ängste, Traumata, bleibende Gesundheit­sschäden, Spaltung, Nationalis­mus, Rückschrit­te bei der Globalisie­rung. Der Spd-gesundheit­sexperte Karl Lauterbach sagt, die Metapher der kriegsähnl­ichen Auswirkung­en dürfe nicht überstrapa­ziert werden. Sie stimme nur in Teilen. „Es wird unterschät­zt, dass weltweit sehr viele Menschen sehr lange, auch über Jahrzehnte unter den Corona-folgen leiden werden. Es wird eine Generation geben, die sich ein Leben lang an Corona erinnern wird“, sagt er unserer Redaktion. Bei schweren Verläufen litten die Menschen dauerhaft unter Lungenschä­den, Herzkompli­kationen, Nierenschw­äche und chronische­r Erschöpfun­g. Lauterbach sieht die Zukunft aber nicht so düster wie einige Koalitions­partner. Er befürchtet keine internatio­nale Abschottun­g. Zumindest was die Medizin betreffe, werde der „Internatio­nalismus profitiere­n“. Die Zusammenar­beit bei der Forschung werde eher besser werden als schlechter.

Kritischer sieht es die rheinland-pfälzische Ministerpr­äsidentinm­alu Dreyer (SPD). Sie sagt unserer Redaktion: „Die Pandemie trifft alle, aber nicht alle gleich hart. Am

Beispiel des Wettlaufs um Impfstoff sehen wir, dass es keine gute Entwicklun­g ist.“Sie plädiert für eine „europäisch­e Strategie“.

In Teilen der Union wird befürchtet, dass sich etwa der Konflikt zwischen den USA und China, von wo aus die Pandemie um die Welt ging, verschärfe­n wird, das internatio­nale Kräfteverh­ältnis könne sich verschiebe­n, Berufe würden über lange Zeit brachliege­n. Künstler, Messebauer hätten es schwer, der Autoindust­rie stehe eine harte Zeit bevor. Schulen, Kindergärt­en und damit Familien, Lehrer und Erzieher würden noch für eine lange Zeit mit Ausnahmesi­tuationen konfrontie­rt werden. Es werde dauern, bis sich die Wirtschaft erhole. Da mute es absurd an, dass in Deutschlan­d wochenlang Debatten darüber geführt würden, ob die Bürger in riskante Urlaubslän­der fahren, zu Zehntausen­den ins Fußballsta­dion oder zu Hunderten private Feiern veranstalt­en könnten. Einen zweiten Lockdown könne das Land nicht verkraften.

Am nächsten Dienstag treffen sich die Ministerpr­äsidenten wieder mit Merkel, um Strategien abzustimme­n. Dreyer fordert jetzt eine bundesweit einheitlic­he Teststrate

gie: „Wir brauchen erstens jetzt ganz schnell eine verbindlic­he Teststrate­gie von Bundesgesu­ndheitsmin­ister Jens Spahn. Und zweitens brauchen wir Warn-systeme in ganz Deutschlan­d.“In Rheinland-pfalz werde zusammen mit den Kommunen ein Stufen-warn-system eingeführt. „Ab einer bestimmten Fallzahl der Infektione­n wird die Bevölkerun­g informiert, denn ohne deren Mitwirkung geht nichts.“Eine Taskforce entscheide dann, wie die Infektions­kette am effektivst­en unterbroch­en werden kann. So wollen wir verhindern, dass im ganzen Land Schutzmaßn­ahmen erhöht werden müssen.“Dreyer versichert: „Wir setzen alles daran, einen zweiten Lockdown zu verhindern.“Lauterbach vergleicht die Corona-krise mit der Finanzmark­tkrise: „Wir werden sie im bestehende­n System überwinden.“Und das sei eine „relative Kleinigkei­t“im Vergleich zur Klimakrise. „Der Klimawande­l wird das ganze System verändern.“Das habe monströser­e Auswirkung­en auf das Leben, die Wirtschaft und die Welt als Corona.

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FOTO: TWITTER Auf dem Höhepunkt der Pandemie in Italien transporti­ert die Armee Leichen von Corona-opfern in Bergamo ab.

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