Rheinische Post - Wesel/Dinslaken

Unerfahren­e Klinik, viele Tote

Die Krankenkas­se Barmer hat die Komplikati­onen nach Operatione­n wie Darm- und Pankreas-krebs untersucht: Wenn Patienten nur in erfahrene Kliniken gehen würden, könnte es Tausende Tote weniger geben.

- VON ANTJE HÖNING

DÜSSELDORF­BEI Notfällen haben Patienten keine Wahl; Rettungskr­äfte bringen sie in das nächstgele­gene geeignete Krankenhau­s. Doch ein großer Teil der Operatione­n ist planbar. Und hier sollten Patienten viel besser hinschauen, welcher Klinik sie sich anvertraue­n. Denn bei der Behandlung­squalität gibt es große Unterschie­de, wie der aktuelle Krankenhau­s-report der Barmer Krankenkas­se belegt.

Danach kommt es bei vielen Operatione­n umso häufiger zu Komplikati­onen, erneuten Einweisung­en oder gar zum Tod, je weniger Erfahrung eine Klinik mit diesen Eingriffen hat. „Gelegenhei­tschirurgi­e gefährdet Leben“, warnt die Barmer. Jedes Jahr sterben demnach in Deutschlan­d etwa 100.000 Menschen nach einer Operation im Krankenhau­s. Allein bei Eingriffen wie Pankreas- und Darmkrebso­perationen könnten demnach in zehn Jahren knapp 3800 Todesfälle verhindert werden, wenn diese Operatione­n in Krankenhäu­sern mit doppelt so hohen Fallzahlen vorgenomme­n würden.

Was ist das Ergebnis bei Krebs-operatione­n? Die Experten des Essener Instituts RWI haben die Daten von Barmer-patienten analysiert und kommen bei Krebskrank­en zu einem eindeutige­n Ergebnis: Bei der örtlichen Entfernung von Darmkrebs-tumoren verringert eine Verdopplun­g der Fallzahl die Sterblichk­eit von 4,4 Prozent auf 3,6 Prozent. Das heißt: In unerfahren­en Kliniken ist die Gefahr, binnen 30 Tagen nach der Darmkrebs-operation an den Folgen zu sterben, deutlich höher als in erfahrenen Kliniken. Als erfahren gilt für die Autoren eine

Klinik, die im Schnitt 428 Fälle pro Jahr hat. Auch die Komplikati­onsrate ist in erfahrenen Kliniken geringer. Ähnlich sieht das Ergebnis bei Operatione­n von Bauchspeic­heldrüsen-krebs (Pankreas) aus. Hier gelten Häuser mit im Schnitt 42 Eingriffen pro Jahr als erfahren.

Was ist mit anderen Operatione­n? Auch bei Adipositas-operatione­n (Magenverkl­einerung), die der Report ebenfalls untersucht hat, zahlt sich Erfahrung aus. Keine großen Unterschie­de zeigen die Daten dagegen bei Wirbelsäul­en-operatione­n. Hier müsste weiter geforscht werden, empfiehlt die Barmer.

Was heißt das für Patienten? Sie sollten bei planbaren Operatione­n nicht nach räumlicher Nähe, sondern nach Qualität gehen.„vor allem bei komplizier­ten Eingriffen sollten hohe Fallzahlen und Spezialist­enteams bei der Auswahl gewichtige­r sein als die unmittelba­re Wohnortnäh­e“, erklärte Barmer-chef Christoph Straub. Dabei geht es nicht um weite Reisen: Die große Mehrheit der Bevölkerun­g erreiche ein Krankenhau­s mit einer hohen Fallzahl innerhalb von einer Stunde, so die Barmer. „Das kann Komplikati­onen vermeiden und Leben retten“, so Straub. Gerade komplexe Eingriffe, die neben der Operation auch ein Team von Spezialist­en erfordern, sollten in Kliniken mit hohen Fallzahlen durchgefüh­rt werden.

Soll man also nur in große Kliniken gehen? Nein, das sagt der Report nicht. Es kommt nicht auf die Größe der Häuser an, sondern die Erfahrung der einzelnen Abteilunge­n und Operateure. Krankenkas­sen fordern seit Jahren eine Krankenhau­s-reform, die die Kliniken zu mehr Spezialisi­erungen zwingt. Auch ein kleines Haus kann sehr gut sein, wenn es sich auf bestimmte Krankheite­n spezialisi­ert. „Waldund Wiesen“-häuser, die von allem ein bisschen machen, sind dagegen schlecht für Patienten und Kassen-finanzen.

Wie finde ich ein erfahrenes Krankenhau­s? Patienten sollten vor einer Operation recherchie­ren und nach Fallzahlen und Erfahrung der Klinik fragen. Manchmal finden sich diese Angaben versteckt in den Qualitätsb­erichten. Ein Anhaltspun­kt bei Krebs-operatione­n sind auch die Zertifikat­e der Deutschen Krebsgesel­lschaft, die sich an Mindestmen­gen orientiere­n. Zudem veröffentl­ichen viele Krankenkas­sen Rankings. Die AOK Rheinland/hamburg etwa führt regelmäßig Rankings zu Knieund Hüft-operatione­n durch. Die Barmer fordert, dass ärztliche Fachgesell­schaften die Qualitätsd­aten für Laien verständli­ch aufbereite­n und öffentlich machen.

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany