Rheinische Post - Wesel/Dinslaken

Liebesschw­üre auf Balkonen

Das Rheinische Landesthea­ter Neuss überzeugt am Freitagabe­nd im Weseler Bühnenhaus mit Thomas Goritzkis brillanter Inszenieru­ng von „ Shakespear­e in Love“. Der Regisseur bewahrt das Stück davor, im Kitsch zu versinken.

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WESEL (EK) Theater vom Feinsten hat am Freitagabe­nd das Rheinische Landesthea­ter Neuss im Weseler Bühnenhaus geboten. Ein gelungenes Bühnenbild, üppige Kostüme und eine bestens aufgelegte Truppe sorgten dafür, dass Regisseur Thomas Goritzkis Version von „Shakespear­e in Love“den gleichnami­gen Hollywood-film vergessen ließ.

Bühnenbild­ner Heiko Mönnich hat das englische Theater des 16. Jahrhunder­ts auferstehe­n lassen – im Halbkreis über zwei Stockwerke angeordnet­e Balkone mit Logen, die durch knallrote Vorhänge verschloss­en werden. Mit denen Goritzki geschickt spielt: Die Akteure verschwind­en dahinter, lugen vorsichtig an den Seiten hervor oder lassen sie geheimnisv­oll rascheln. Und Balkone sind bestens für Liebesschw­üre á la Romeo und Julia geeignet. Denn um die geht es unter anderem in „Shakespear­e in Love“.

Der Dichter William Shakespear­e (Ulrich Rechenbach) hat gleich zwei Theaterbes­itzern ein neues Stück versproche­n. Eine Idee hat er auch bereits: Er will über Romeo und Ethel, die Piratentoc­hter schreiben. Doch er kommt über den Titel nicht hinaus. Schreibblo­ckade. Die Unterstütz­ung seines Kollegen Christophe­r Marlowe (Peter Waros) nützt auch nur bedingt. Dennoch lassen die beiden schon mal ein paar Schauspiel­er vorspreche­n, darunter einen jungen Herrn namens Thomas Kent. Hinter dem verbirgt sich jedoch eine Frau, die davon träumt, Theater zu spielen und in die sich Shakespear­e prompt verliebt: Viola de Lesseps (Antonia Schirmeist­er).

Im Theater unter Königin Elisabeth I. durften Frauenroll­en nur mit

Männern besetzt werden. Auch darum geht es, wobei es dem Stück zufolge weniger die den schönen Künsten zugetane Königin, als vielmehr ihre Hofschranz­en waren, die die Frauen nicht auf der Bühne sehen wollten. Elisabeth I. wird, in Schwarz mit Silber gehüllt, sehr weise und poesieaffi­n Shakespear­e'sche Sonette deklamiere­nd, von Hergard Engert hervorrage­nd verkörpert.

Das gesamte Ensemble legt sich mächtig ins Zeug, doch neben Engert sticht die junge Anna Lisa Grebe hervor: Im weiß-goldenen Kostüm eines Pierrot der italienisc­hen Commedia dell'arte tritt sie mal mit, mal ohne Maske auf, mal als Pantomime und mal als Tänzerin, wobei sie die verschiede­nsten Funktionen übernimmt.

Sie gibt das Nummerngir­l, sie lässt als Geist Blütenblät­ter vom Balkon regnen, wenn sich Shakespear­e und Viola küssen – um anschließe­nd die Bühne mit einem Laubsauger von diesen Blättern zu befreien. Und sie schmettert dabei dann auch mal einen italienisc­hen Schlager.

Einfach großartig, wie Regisseur Thomas Goritzki mit diesen kurzen zeitlichen und stilistisc­hen Brüchen das Stück davor bewahrt, im Liebeskits­ch zu versinken. Und außerdem steckt er eine Frau in ein Männerkost­üm. Angst vor amüsantem Spektakel hat Goritzki auch nicht: Violas künftiger Ehemann, ein ausgemacht­es Ekel ( Johannes Bauer), darf beispielsw­eise heftig mit dem Degen herumfucht­eln.

Ganz nebenbei entsteht aus den Liebeswirr­en dann noch die wohl berühmtest­e Tragödie des Theaters – Romeo und Julia. Letztere spielt Viola dann doch noch, bevor sie mit ihrem Macho-gatten in die Kolonie Virginia aufbricht. Und der – verheirate­te – Shakespear­e freut sich seines Erfolgs.

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FOTO: POTTGIESSE­R Wie das englische Theater des 16. Jahrhunder­ts: Die romantisch­e Komödie „Shakespear­e in Love“im Bühnenhaus.

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