Auf das rech­te Maß kommt es an

Seit zehn Jah­ren un­ter­stützt der Ver­ein So­zi­al­dienst ka­tho­li­scher Frau­en jun­ge El­tern mit sei­nem kos­ten­frei­en An­ge­bot „Wie­gen und Mes­sen“– an je­dem drit­ten Don­ners­tag­nach­mit­tag auf dem Du­del.

Rheinische Post Wesel - - GOTT & DIE WELT - VON STE­FAN DICK­MANN

WE­SEL Wenn es ums „Wie­gen und Mes­sen“geht, ste­hen in We­sel seit zehn Jah­ren nicht Bo­xer vor ei­nem Kampf im Mit­tel­punkt, son­dern Ba­bys im Al­ter von bis zu zwölf Mo­na­ten. Da­bei han­delt es sich um ein kos­ten­frei­es An­ge­bot des So­zi­al­diensts ka­tho­li­scher Frau­en an je­dem drit­ten Don­ners­tag von 14 bis 17 Uhr in der Du­del­pas­sa­ge.

14 bis 18 jun­ge El­tern nut­zen die­ses An­ge­bot re­gel­mä­ßig. Die Heb­am­me Do­ro­thée Baum­gart­ner wiegt die Kin­der und misst ih­re Grö­ße, um fest­zu­stel­len, wie sich das Kind ent­wi­ckelt, schaut, wie be­weg­lich das Ba­by ist, ob sich Hal­tungs­schä­den zei­gen und schickt, falls er­for­der­lich, die El­tern zu ei­nem Arzt oder zu ei­nem Os­teo­pa­then. Und na­tür­lich be­ant­wor­tet sie Fra­gen der El­tern, die sich zu­dem bei Kaf­fee und Ku­chen aus­tau­schen kön­nen.

Das An­ge­bot wird zwar über­wie­gend von jun­gen Müt­tern wahr­ge­nom­men, aber auch Män­ner sind re­gel­mä­ßig da­bei. So­zi­al­päd­ago­gin In­grid Na­gel schätzt ih­ren An­teil auf 30 Pro­zent. Sie hat­te vor zehn Jah­ren die Idee, ein sol­ches An­ge­bot ein­zu­rich­ten und sprach ih­re Heb­am­me an – Do­ro­thée Baum­gart­ner sag­te spon­tan zu und ist seit zehn Jah­ren eh­ren­amt­lich da­bei. Sie sieht sich wäh­rend der Be­ra­tung auch ein biss­chen als Er­satz für die nicht stän­dig prä­sen­te Groß­mut­ter oder Tan­te, die zu weit weg woh­nen, um die jun­gen El­tern, die ge­ra­de bei ih­rem ers­ten Kind oft ver­un­si­chert sind, zu un­ter­stüt­zen. Da­bei geht es dann et­wa um die Fra­ge, wann das Ba­by das ers­te Mal ge­ba­det wer­den darf und wie warm das Was­ser sein soll­te. „Wir ho­len die Müt­ter dort ab, wo sie sind“, sagt Baum­gart­ner. „Wir stär­ken und be­ra­ten sie.“

Auch die El­tern Ma­ryam (34) und Sh­ahrokh Der­akhs­han (34) nut­zen das An­ge­bot „Wie­gen und Mes­sen“. Wäh­rend ihr sechs­jäh­ri­ger Sohn Koo­ro­sh in ei­nem Stuhl sitzt und auf­merk­sam ein Kin­der­buch durch­blät­tert, liegt sein Bru­der Ario, acht Mo­na­te alt, auf ei­ner De­cke auf ei­nem Schreib­tisch und wird von Baum­gart­ner ver­mes­sen und auf ei­ne Waa­ge ge­legt.

Die Heb­am­me, die So­zi­al­päd­ago­gin und Team­lei­te­rin Na­di­ne Rich­ter le­gen al­ler­größ­ten Wert auf die Fest­stel­lung, dass es kein all­ge­mein­gül­ti­ges Re­gel­werk für jun­ge El­tern gibt. Weil je­des Kind an­ders ist.

Aber ein paar Grund­re­geln las­sen sie schon gel­ten: So sind für Ba­bys und Klein­kin­der Ri­tua­le sehr wich- tig, vor al­lem, wenn es um das Schla­fen geht. „90 Pro­zent der Ba­bys schla­fen zu we­nig“, sagt Heb­am­me Baum­gart­ner. Ge­ra­de in den ers­ten Le­bens­mo­na­ten sei­en 16 bis 18 St­un­den Schlaf nor­mal. Aber wie und wo Kin­der ein­schla­fen, ob in den Ar­men von Mut­ter oder Va­ter, im Kin­der­wa­gen, im El­tern­bett oder im ei­ge­nen Bett sei ei­ne in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dung, bei der es kein Rich­tig oder Falsch gibt. Das gel­te im Üb­ri­gen auch bei der Fra­ge, wie sich El­tern ver­hal­ten sol­len, wenn Ba­bys nachts schrei­en. „Vie­le Müt­ter ver­glei­chen sich“, sagt Na­di­ne Rich­ter. Denn wenn die ei­ne Mut­ter er­zählt, ihr Kind schla­fe schon durch, macht sich die an­de­re Mut­ter Ge­dan­ken, war­um das bei ih­rem gleich­alt­ri­gen Kind noch nicht der Fall ist. Re­gel 2 lau­tet al­so: Nie­mals ver­glei­chen.

So­zi­al­päd­ago­gin Na­gel, selbst Mut­ter, hat zu­min­dest ei­nen Rat­schlag für El­tern, was sie tun kön­nen, wenn ihr Ba­by re­gel­mä­ßig nachts schreit. Ja, auf­ste­hen, ins Zim­mer des Ba­bys ge­hen, es an­spre­chen und si­gna­li­sie­ren, da zu sein, um Ver­trau­en zu schaf­fen.

Ba­bys ha­ben ein un­trüg­li­ches Ge­spür da­für, ob Ma­ma oder Pa­pa un­si­cher sind. Re­gel 3 lau­tet al­so: Sich nicht ver­rückt ma­chen las­sen.

RP-FO­TO: STE­FAN DICK­MANN

14 bis 18 jun­ge El­tern nut­zen das An­ge­bot – auch ges­tern ka­men sie mit ih­ren Ba­bys in die Du­del­pas­sa­ge. Links So­zi­al­päd­ago­gin In­grid Na­gel, rechts Team­lei­te­rin Na­di­ne Rich­ter, 3. von links Heb­am­me Do­ro­thée Baum­gart­ner

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