Erst 30 und schon plei­te

Da­ni­el Schnei­der aus Düs­sel­dorf hat 20.000 Eu­ro Schul­den und ist pri­vat­in­sol­vent. Men­schen wie ihm hel­fen Schuld­ner­be­ra­tun­gen.

Rheinische Post Xanten - - Nordrhein-westfalen - VON MER­LIN BAR­TEL FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

DÜS­SEL­DORF Al­les fing mit ei­ner Play­sta­ti­on 2 an. Die kauf­te sich Da­ni­el Schnei­der kurz nach sei­nem 18. Ge­burts­tag. Erst ka­men Spie­le hin­zu, spä­ter ein Han­dy mit Ver­trag. Voll­jäh­rig­keit be­deu­te­te für ihn un­be­grenz­ten Kon­sum. „Wenn ich ein neu­es Han­dy ha­ben woll­te, ha­be ich es mir eben be­stellt.“Geld da­für hat­te er nicht. So ka­men erst Rech­nun­gen per Post, dann Mah­nun­gen. „Ich ha­be die Brie­fe ein­fach weg­ge­wor­fen. Ich war so na­iv zu den­ken, es wür­de ir­gend­wann auf­hö­ren“, sagt er heu­te – zwölf Jah­re und 20.000 Eu­ro Schul­den spä­ter.

Der 30-Jäh­ri­ge sitzt in ei­ner dunk­len Woh­nung in ei­nem Mehr­fa­mi­li­en­haus im Nor­den von Düs­sel­dorf. Sein rich­ti­ger Na­me soll ge­heim blei­ben. Auf dem Kü­chen­tisch lie­gen Me­di­ka­men­ten­ver­pa­ckun­gen, da­ne­ben steht ein Aschen­be­cher. Auf dem Bo­den schläft sei­ne fran­zö­si­sche Bull­dog­ge. An der Wand klebt ein Wand­tat­too mit ei­nem Zi­tat von Os­car Wil­de: „Man um­ge­be mich mit Lu­xus. Auf al­les Not­wen­di­ge kann ich ver­zich­ten.“Lu­xus ist Schnei­der fremd, Ver­zicht kennt er aus ei­ge­ner Er­fah­rung. Ei­nen Han­dy­ver­trag ab­schlie­ßen? Un­mög­lich. Ei­ne Woh­nung an­mie­ten? „Kei­ne Chan­ce, wenn der Ver­mie­ter mei­ne Schu­fa-Aus­kunft sieht.“

Vor zwei Jah­ren zog Schnei­der wie­der bei sei­ner Mut­ter ein. „Ich ha­be nicht ge­nug Geld, um sei­ne Schul­den ab­zu­be­zah­len, aber hel­fe wo ich kann“, sagt sie. „Sonst wä­re er auf der Stra­ße ge­lan­det.“Sei­ne Freun­de wuss­ten lan­ge Zeit nichts von den Schul­den. „Ich hat­te im­mer Aus­re­den, wie­so ich nicht mit­kom­men kann“, sagt der 30-Jäh­ri­ge. „Es ist nicht leicht zu­zu­ge­ben, dass man kein Geld hat. Als mei­ne Ex-Freun­din von den Schul­den er­fuhr, hat sich mich ver­las­sen.“

Die La­ge des Düs­sel­dor­fers ist kein Ein­zel­fall: Dem „Schul­de­nat­las 2018“der Wirt­schafts­aus­kunf­tei Cre­dit­re­form zu­fol­ge ist mehr als je­der zehn­te Er­wach­se­ne in Nord­rhein-West­fa­len über­schul­det. Das be­deu­tet, Schul­den zu ha­ben und die Aus­ga­ben auf lan­ge Sicht nicht mit Ein­kom­men und Ver­mö­gen de­cken zu kön­nen. Ei­ne Ver­schul­dung liegt hin­ge­gen be­reits vor, wenn nur ein klei­ner Be­trag zu­rück­zu­zah­len ist. Mit ei­ner Über­schul­dungs­quo­te von 11,69 Pro­zent liegt NRW laut dem „Schul­de­nat­las“deut­lich über dem Bun­des­durch­schnitt (10,04 Pro­zent). Schlech­ter schnit­ten nur Ber­lin, Sach­sen-An­halt und Bre­men ab. Am nied­rigs­ten ist die Quo­te in Bay­ern (7,47). Die nord­rhein-west­fä­li­sche Stadt mit der höchs­ten Über­schul­dungs­quo­te ist Wup­per­tal mit 18,42 Pro­zent. Auch Duis­burg (17,20), Mön­chen­glad­bach (16,36) und So­lin­gen (14,85) sind be­trof­fen. Bun­des­weit sind dem­nach fast sie­ben Mil­lio­nen Men­schen über­schul­det.

Da­ni­el Schnei­der be­kam mit der Zeit wei­ter­hin Brie­fe, al­ler­dings nicht mehr von On­li­ne-Shops, son­dern von In­kas­so­un­ter­neh­men und der Staats­an­walt­schaft. 2016 lag so­gar ein Haft­be­fehl ge­gen ihn vor: Die Po­li­zei stand vor der Tür und brach­te ihn für vier Ta­ge ins Ge­fäng­nis – ei­ne so­ge­nann­te Er­satz­frei­heits­stra­fe, weil er Rech­nun­gen nicht be­glei­chen konn­te. „In dem Mo­ment ha­be ich ge­dacht: So kann es nicht wei­ter­ge­hen“, sagt Schnei­der. „Ich brau­che Hil­fe.“

Kur­ze Zeit spä­ter ging er das ers­te Mal zur Schuld­ner­be­ra­tung der Ver­brau­cher­zen­tra­le Düs­sel­dorf. „Er kam mit ei­nem rie­si­gen Sta­pel an Brie­fen“, er­in­nert sich Schul­den­be­ra­te­rin Bet­ti­na Sei­del. „Es hat Mo­na­te ge­dau­ert, über­haupt erst ein­mal al­le Gläu­bi­ger­for­de­run­gen zu sam­meln.“Ei­ni­ge da­von wa­ren be­reits ver­jährt, bei an­de­ren rück­ten die Gläu­bi­ger von ih­ren For­de­run­gen ab: zu groß der bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand im Ver­hält­nis zur aus­ste­hen­den Sum­me. Zwölf Gläu­bi­ger blie­ben.

Als ers­te Maß­nah­me be­kam Schnei­der Pfän­dungs­schutz: 2015 hat­te er in Köln ei­ne Aus­bil­dung zum Koch be­gon­nen und ver­dien­te zu we­nig, um die Schul­den ab­zu­be­zah­len. Sein Chef wuss­te von den Schul­den. „Ich ha­be ihm da­von er­zählt, als ich ins Ge­fäng­nis muss­te“, sagt er. „Ich hat­te Angst, mei­ne Stel­le

zu ver­lie­ren.“Sein Chef bot ihm an, zu­sätz­li­che Schich­ten am Wo­che­n­en­de zu ar­bei­ten. Doch be­reits der Ar­beits­all­tag setz­te ihm zu: „14-St­un­den-Ta­ge bis 3 Uhr nachts wa­ren kei­ne Sel­ten­heit. Der stän­di­ge Druck hat mich so be­las­tet, dass ich zu Al­ko­hol und Dro­gen ge­grif­fen ha­be.“Wenn Schnei­der über sei­ne Dro­gen­pro­ble­me spricht, kne­tet er un­si­cher sei­ne Hän­de. Im Früh­jahr die­ses Jah­res war er fer­tig aus­ge­bil­det – und er­neut ar­beits­los. Seit­dem be­kommt er Kran­ken­geld. Im Au­gust mach­te er ei­nen Ent­zug, ak­tu­ell steht er auf der War­te­lis­te für ei­ne sta­tio­nä­re The­ra­pie.

„Vie­le Men­schen ge­ra­ten we­gen ei­ner Krank­heit in die Über­schul­dung“, sagt Be­ra­te­rin Bet­ti­na Sei­del. Nach An­ga­ben der Ar­beits­ge­mein­schaft Schuld­ner­be­ra­tung der Ver­bän­de (AG SBV) zäh­len zu­dem Ar­beits­lo­sig­keit, Tren­nung und Tod des Part­ners zu den häu­figs­ten Ur­sa­chen für Schul­den. Doch auch das Kauf­ver­hal­ten und ge­schei­ter­te Selbst­stän­dig­keit sind ent­schei­den­de Fak­to­ren. Der 30-Jäh­ri­ge sei jün­ger als der Durch­schnitt, sagt Sei­del, doch es ge­be im­mer mehr jun­ge Ver­schul­de­te. „Das liegt auch dar­an, dass heut­zu­ta­ge 0-Pro­zent-Fi­nan­zie­run­gen be­wor­ben wer­den.“

In sei­nem Fall sah die Schul­den­be­ra­te­rin nur noch ei­nen Aus­weg: ein Pri­vat­in­sol­venz­ver­fah­ren. Sechs Jah­re lang soll Schnei­der nun kei­ne Schul­den mehr ma­chen, muss Ein­kom­men und Ver­mö­gen ge­gen­über ei­nem In­sol­venz­ver­wal­ter of­fen­le­gen und ist ver­pflich­tet, zu ar­bei­ten oder Ar­beit zu su­chen. Der pfänd­ba­re Ein­kom­mens­teil wird vom In­sol­venz­ver­wal­ter ein­be­hal­ten und an die Gläu­bi­ger ver­teilt. Dann ist er wie­der schul­den­frei.

Sechs Jah­re war­ten? Das will er nicht. „Es ist ein schlech­tes Ge­fühl, Schul­den zu ha­ben und ein­fach nur zu war­ten, bis sie ver­schwin­den – auch wenn es ver­lo­ckend ist“, sagt Da­ni­el Schnei­der. Nach der The­ra­pie will er wie­der ar­bei­ten, am liebs­ten in der Le­bens­mit­tel­bran­che. Al­le drei Mo­na­te geht es zur Schuld­ner­be­ra­tung, be­sucht au­ßer­dem ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe. „Ich ha­be die Schul­den ge­macht. Al­so ha­be ich auch die Pflicht, sie ab­zu­be­zah­len“, sagt er.

Da­ni­el Schnei­der steht auf dem Bal­kon sei­ner Woh­nung in Düs­sel­dorf.

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