Sie konn­te, woll­te – und wur­de Son­der­sei­ten A2 bis A4

Trä­nen, Neu­be­ginn und ein et­was takt­lo­ses Ge­schenk: das Pro­to­koll ei­nes his­to­ri­schen CDU-Par­tei­tags.

Rheinische Post - - Vorderseite - VON KRIS­TI­NA DUNZ UND EVA QUADBECK

In ei­ner his­to­ri­schen Kampf­ab­stim­mung zwi­schen der Saar­län­de­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und dem Sau­er­län­der Fried­rich Merz hat die bis­he­ri­ge Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin im zwei­ten Wahl­gang knapp mit 51,8 Pro­zent ge­won­nen. Der drit­te Kan­di­dat, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, hat­te nach ei­ner er­fri­schen­den und zu­kunfts­ge­wand­ten Re­de im ers­ten Wahl­gang mit 15,7 Pro­zent deut­lich mehr Stim­men als er­war­tet be­kom­men. Kramp-Kar­ren­bau­er hat­te schon bei ih­rer Be­wer­bung um das Amt der Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ih­re Am­bi­tio­nen auf mehr deut­lich ge­macht. Da­mals rief sie in den Saal: „Ich kann, ich will und ich wer­de.“

Kramp-Kar­ren­bau­ers dring­lichs­te Auf­ga­be ist nun der Zu­sam­men­halt der Par­tei. Merz nahm ihr An­ge­bot nicht an, an vor­ders­ter Stel­le mit­zu­ar­bei­ten, si­cher­te aber Un­ter­stüt­zung zu. Vie­le sei­ner An­hän­ger spre­chen jetzt vom „Un­ter­gang der Volks­par­tei“, ver­wei­gern aus Gram über Mer­kel und mit dem Vor­ur­teil, Kramp-Kar­ren­bau­er sei de­ren Mi­ni-Aus­ga­be, den ge­mein­sa­men Neu­start. Das ist ei­ner de­mo­kra­ti­schen Par­tei nicht wür­dig. Ein sol­ches Ur­teil kann nicht fal­len, oh­ne den Ver­such ge­wagt zu ha­ben. Das ist oh­ne­hin ein Ap­pell an die CDU: Auch sie soll­te mu­tig und of­fen sein.

So wie Spahn. Er wird wei­ter­hin für die Par­tei an vor­ders­ter Stel­le kämp­fen. Der 38-jäh­ri­ge Mer­kel-Wi­der­sa­cher des rech­ten Flü­gels geht aus dem in­ter­nen Wahl­kampf ge­stärkt her­vor.Vie­le in der CDU zol­len ihm Re­spekt für sein Steh­ver­mö­gen und sei­ne Ri­si­ko­be­reit­schaft – trotz schlech­ter Sieg­chan­cen und des mas­si­ven Drucks, zu­guns­ten von Merz zu­rück­zu­zie­hen.

Die gro­ße Ko­ali­ti­on hat mit Kramp-Kar­ren­bau­er Aus­sich­ten auf Fort­be­stand. Ihr Ver­hält­nis zu Bun­des­kanz­le­rin

Mer­kel ist ver­trau­ens­voll. Das heißt nicht, dass Kramp-Kar­ren­bau­er nicht schär­fer for­mu­lie­ren und die CDU nicht in­halt­lich pro­fi­lie­ren wird. Schwie­rig wird auch die Zu­sam­men­ar­beit der Ko­ali­ti­ons­spit­zen sein.

Nach dem Wech­sel an der CSU-Spit­ze im Ja­nu­ar wer­den al­le drei Par­tei­chefs nicht Re­gie­rungs­mit­glie­der sein – die Che­fin der stärks­ten Par­tei wird die

Fä­den in der Ko­ali­ti­on zu­sam­men­hal­ten müs­sen.

Mit dem Wech­sel an der In Zei­ten von Spal­tung und Po­pu­lis­mus über­trägt die CDU nach 18 Jah­ren mit An­ge­la Mer­kel an der Spit­ze der 56-jäh­ri­gen An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er die Ver­ant­wor­tung für die Par­tei. Da­mit ma­ni­fes­tiert die CDU ei­ne Po­li­tik des Aus­gleichs und er­klärt die Macht von Frau­en end­gül­tig zur Nor­ma­li­tät. Al­ler­dings dro­hen nach der Nie­der­la­ge von Fried­rich Merz Zer­würf­nis­se. Par­tei­spit­ze hat die CDU die Chan­ce, sich auch im Os­ten neu auf­zu­stel­len. In man­chen Land­stri­chen war Mer­kel dort zu­letzt ei­ne „Per­so­na non Gra­ta“. In Bran­den­burg, Sach­sen und in Thü­rin­gen ste­hen 2019 Wah­len an. Bei die­sem Par­tei­tag wird die CDU be­schlie­ßen, dass sie Ko­ope­ra­tio­nen mit Lin­ken und AfD ab­lehnt. Im Um­kehr­schluss heißt das: Kramp-Kar­ren­bau­er braucht ei­ne Stra­te­gie, die CDU in Ost­deutsch­land wie­der so stark zu ma­chen, dass sie oh­ne Po­pu­lis­ten von rechts und links mehr­heits­fä­hig ist.

Da­für be­darf es mehr als des Vor­ha­bens, Wäh­ler von der AfD zu­rück­zu­ge­win­nen. Zu­mal es ei­ne ko­mi­scheVor­stel­lung ist, dass die zur AfD ab­ge­wan­der­ten frü­he­ren CDU-Wäh­ler im­mer noch qua­si der CDU ge­hö­ren sol­len. Viel­mehr muss es dar­um ge­hen, aufs Neue zu über­zeu­gen. Mit den ewi­gen De­bat- ten über Mi­gra­ti­on und Flücht­lings­zah­len wird das nicht ge­lin­gen. Kramp-Kar­ren­bau­er soll­te ih­re Idee auf­ge­ben, die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik von 2015 noch ein­mal in der Par­tei zu dis­ku­tie­ren. Viel­mehr brau­chen die Par­tei und vor al­lem die Bür­ger den Blick nach vor­ne, ge­nau wie es Kramp-Kar­ren­bau­er bei ih­rer Be­wer­bungs­re­de in Ab­gren­zung zu den Po­pu­lis­ten noch ein­mal ge­sagt hat: nicht mit Laut­stär­ke, son­dern mit in­ne­rer Stär­ke.

Die­se in­ne­re Stär­ke muss sich aus­drü­cken in ei­nem Rechts­staat, der das Recht kon­se­quent durch­setzt, in ei­ner ver­bind­li­chen In­te­gra­ti­ons­po­li­tik und in ei­ner Po­li­tik, die an den Be­dürf­nis­sen auf den Fel­dern Pfle­ge, Ge­sund­heit, Bil­dung und In­fra­struk­tur nicht vor­bei­sieht.

Und ja, es be­darf auch ei­ner neu­en De­bat­ten­kul­tur im Land. Dass Fried­rich Merz nur so knapp un­ter­le­gen war, liegt da­ran, dass die Sehn­sucht nach ei­nem neu­en Po­li­tik­stil groß ist. Kramp-Kar­ren­bau­er wä­re gut be­ra­ten, sei­ne For­de­rung zu be­her­zi­gen, die De­bat­ten von den Rän­dern der Ge­sell­schaft wie­der in die Mit­te zu ho­len. Der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs muss weg von Pö­bel-Kom­men­ta­ren und Fa­ke-News hin zum Streit um ech­te Al­ter­na­ti­ven auf dem Bo­den von Tat­sa­chen. Kramp-Kar­ren­bau­er als neue Che­fin der letz­ten Volks­par­tei ist al­so mit da­für ver­ant­wort­lich, das Aus­ein­an­der­fal­len der Ge­sell­schaft zu ver­hin­dern.

Don­ners­tag, 20 Uhr Im Ho­tel Lindt­ner, ei­nem ed­len Fünf-Ster­ne-Haus fern­ab der Ham­bur­ger Ci­ty, tref­fen sich die 296 De­le­gier­ten der NRW- CDU zur tra­di­tio­nel­len Vor­be­spre­chung. Die bei­den Kan­di­da­ten aus Nord­rhein-West­fa­len, Jens Spahn und Fried­rich Merz, sit­zen mit ih­ren Part­nern Da­ni­el Fun­ke und Ch ar lot­te M erz beim Abend­es­sen zu­sam­men am Tisch. Die Stim­mung ist ge­löst. Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar min La­schet scherzt, Merz kön­ne ja auch für Hes­sen ins Ren­nen ge­hen, im­mer­hin ha­be ihn auch der Kreis­ver­band Ful­da no­mi­niert. Wen er wählt, sagt er nicht. Ein De­le­gier­ter sagt: „Mehr­heit für Merz, aber auch ,AKK’ und Jens ha­ben bei uns Fans.“Um 22 Uhr löst sich die Run­de auf.

21.30 Uhr Beim Abend des CDU-Lan­des­ver­bands im Pri­vat­ho­tel Lindt­ner geht Jens Spahn noch ein­mal von Tisch zu Tisch und re­det mit den De­le­gier­ten. Er ar­bei­tet an sei­nem Ach­tungs­er­folg. Fried­rich Merz bleibt an sei­nem Tisch sit­zen und emp­fängt die Ge­sprächs­part­ner. Er scheint sich sei­ner Sa­che ziem­lich si­cher zu sein.

22 Uhr Im no­blen Über­see-Club, der einst zur Meh­rung des An­se­hens Ham­burgs in der Welt ge­grün­det wur­de, tref­fen die ers­ten Gäs­te ein, die der Ein­la­dung des frü­he­ren Bür­ger­meis­ters Ole von Beust ge­folgt sind. „Wir un­ter­stüt­zen die Kan­di­da­tur von An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er“, stand auf der Ein­la­dung. Es sei­en al­le ge­kom­men, die ir­gend­wie li­be­ral ein­ge­stellt sind, sagt ein Teil­neh­mer. Aus Nord­rhein-West­fa­len sind Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek, der frü­he­re Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he und In­te­gra­ti­ons­staats­se­kre­tä­rin Se­rap Gü­ler da­bei. Die Ein­la­dung ist bis 24 Uhr aus­ge­spro­chen. Um ein Uhr ist das Haus noch voll.

23 Uhr At­lan­tic-Ho­tel. Jens Spahn geht di­rekt aufs Zim­mer, er will noch an sei­ner Re­de ar­bei­ten. Im Foy­er do­mi­niert das Merz-La­ger. EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger ist gu­ter Din­ge („Merz macht’s“), er trinkt ei­nen Rot­wein mit Ba­den-Würt­tem­bergs Lan­des­chef Tho­mas Strobl, der eben­falls bei Merz ver­or­tet wird. Dass Stro­bls Schwie­ger­va­ter, Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le, sich öf­fent­lich für Merz aus­ge­spro­chen hat, wird am Tisch als Coup ge­fei­ert. An der Bar tref­fen Mit­tel­stands-Chef Cars­ten Lin­ne­mann und der Ge­schäfts­füh­rer von Bo­rus­sia Dort­mund, Hans-Joa­chimWatz­ke, auf­ein­an­der. Merz-Män­ner.Watz­ke ist CDU-Mit­glied und seit der Schü­ler-Uni­on mit Merz be­freun­det. „Er wird es schaf­fen. Die CDU braucht ei­nen Neu­start. Sonst geht der Par­tei der Wirt­schafts­flü­gel ver­lo­ren“, pro­phe­zeit er. Cars­ten Lin­ne­mann sieht das ähn­lich, äu­ßert sich aber zu­rück­hal­ten­der. Er war lan­ge Zeit auf­sei­ten von Jens Spahn, bis Merz sei­nen Hut in den Ring warf. Man spürt bei Lin­ne­mann, wie sehr er da­mit ha­dert, Spahn im Stich ge­las­sen zu ha­ben. Er be­grüßt Da­ni­el Fun­ke, Spahns Ehe­mann. Es ist ein küh­ler Hän­de­druck. Paul Zie­mi­ak, Chef der Jun­gen Uni­on, ist jetzt auch in der Lob­by, eben­falls ein ehe­ma­li­ger Spahn-Freund.

Frei­tag, 2.27 Uhr Last-Mi­nu­te-Ou­ting. Es si­ckert durch, dass Zie­mi­ak bei der Wahl für den CDU-Vor­sitz für sei­nen Hei­mat­ver­band Nord­rhein-West­fa­len stim­men will. Sei­ne Hei­mat sei Nord­rhein-West­fa­len be­zie­hungs­wei­se das Sau­er­land, sagt er vor Ver­tre­tern der Jun­gen Uni­on. Das wer­de er in sei­ner Ent­schei­dung be­rück­sich­tig­ten. Die JU-De­le­gier­ten soll­ten „in ih­rem Her­zen“be­we­gen, dass der aus NRW stam­men­de Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn viel für die Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on be­wegt ha­be. Fried­rich Merz kommt üb­ri­gens aus dem Sau­er­land. Das heißt über­setzt für das Wahl­ver­hal­ten: Zie­mi­ak wählt zu­nächst Spahn und in der Stich­wahl Merz.

3.05 Uhr Jens Spahn legt sich end­gül­tig fest: Er will in je­dem Fall an­tre­ten. KeinWa­ckeln und kein Zu­rück­wei­chen.

8.25 Uhr Beim Früh­stück im Ho­tel Mö­ven­pick macht sich NRW-In­nen­mi­nis­ter Her­bert Reul Sor­gen um das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der De­le­gier­ten. Er hat sich für Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er aus­ge­spro­chen. Ob sie ge­winnt, da ist er nicht ganz si­cher. „Wenn Fried­rich Merz die De­le­gier­ten mit sei­ner Rhe­to­rik be­geis­tert, ent­schei­det bei vie­len die Stim­mung, nicht die nach­hal­ti­gen Chan­cen des neu­en Vor­sit­zen­den bei den Wah­len.“Nach Um­fra­gen ist Kramp-Kar­ren­bau­er bei den Wäh­lern deut­lich be­lieb­ter als Merz. Zur glei­chen Zeit sitzt der EU-Ab­ge­ord­ne­te Da­vid McAl­lis­ter beim Früh­stück im At­lan­tic-Ho­tel und rech­net fest mit ei­nerWahl An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­ers.

9.37 Uhr Fried­rich Merz ist der ers­te Kan­di­dat im Plenar­saal des CDU-Par­tei­tags in Ham­burg.

9.45 Uhr Jetzt ist auch Jens Spahn im Plenar­saal ein­ge­trof­fen.

10.05 Uhr Mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, eher un­auf­fäl­lig, ist die drit­te des Tri­os im Plenar­saal. Al­le drei wa­ren zu­vor beim öku­me­ni­schen Got­tes­dienst im Ham­bur­ger Mi­chel.

10.09 Uhr Die Angst vor der Spal­tung geht um. Der frü­he­re NRW-Re­gie­rungs­spre­cher und Staats­se­kre­tär Andre­as Kraut­scheid meint: „Manch­mal ist es leich­ter, in ei­nen Par­tei­tag rein­zu­ge­hen, als aus ihm her­aus­zu­kom­men.“

10.30 Uhr Der Saal ist bre­chend voll. Ein Par­tei­tag der Re­kor­de: 1700 Gäs­te, 1600 Jour­na­lis­ten, 1001 De­le­gier­te. Der tech­ni­sche Lei­ter schließt den Saal. Jetzt dür­fen nur noch die­je­ni­gen mit ei­ner „Pool­kar­te“den Plenar­saal be­tre­ten.

10.38 Uhr An­ge­la Mer­kel er­öff­net den Par­tei­tag und ern­tet Ju­bel­stür­me, ob­wohl sie noch kein Wort ge­sagt hat. Der Bei­fall will nicht en­den, Mer­kel kommt nicht zu Wort. Nach vier Mi­nu­ten heißt die Noch-Vor­sit­zen­de die De­le­gier­ten will­kom­men. „Dan­ke, Che­fin, für 18 Jah­re Vor­sitz“steht auf Pla­ka­ten.

11.28 Uhr Die mit Span­nung er­war­te­te letz­te Re­de An­ge­la Mer­kels als CDU-Vor­sit­zen­de be­ginnt.

11.31 Uhr Der Dank an den lang­jäh­ri­gen Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Klaus Schü­ler führt zu den ers­ten Trä­nen auf dem Par­tei­tag. Ein gro­ßer Dank an das ge­sam­te Team im Kon­rad-Ade­nau­er-Haus.

11.49 Uhr Ei­ne wich­ti­ge Er­kennt­nis Mer­kels: „Die CDU von 2018 ist nicht mehr die von 2000.“Der frü­he­re Par­tei­spre­cher Jo­chen Blind legt nach: In je­dem Mer­kel-Jahr sind 12.000 Ne­u­mit­glie­der hin­zu­ge­kom­men. Ins­ge­samt al­so über 200.000 Neue. Da­mit ist die Par­tei auch ei­ne Mer­kel-CDU. Denn die Neu­en wuss­ten, auf wen sie sich da ein­las­sen.

12.03 Uhr Die Re­de ist zu En­de. Es war ihr ei­ne Freu­de und ei­ne Eh­re. Die küh­le Mer­kel hat Trä­nen in den Au­gen und be­en­det ih­re Re­de mit sto­cken­der Stim­me. Bei Ap­plaus-Mi­nu­te drei gibt es die ers­ten „An­gie“-Ru­fe. Es fol­gen im­mer mehr Pla­ka­te mit „Dan­ke, Che­fin“. Der Ap­plaus dau­ert sat­te zehn Mi­nu­ten.

12.16 Uhr Die De­le­gier­ten sind völ­lig er­grif­fen. Sie pos­ten of­fen Bil­der ih­rer Trä­nen. Al­len ist klar: Da geht ei­ne Gro­ße.

12.30Uhr Der stell­ver­tre­ten­de CDU-Vor- sit­zen­de und hes­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier über­reicht der schei­den­den Vor­sit­zen­den ei­nen Takt­stock des Ham­bur­ger Star-Di­ri­gen­ten Kent Na­ga­no. Als Zei­chen da­für, ei­nen Klang­kör­per wie die CDU mit all den star­ken, aber auch schwie­ri­gen Cha­rak­te­ren zum har­mo­ni­schen Klin­gen zu brin­gen. Es ist aus­ge­rech­net der Takt­stock, den er beim Kon­zert in der Elb­phil­har­mo­nie wäh­rend des G20-Gip­fels nutz­te, als drau­ßen der Mob tob­te. Ge­schmack­lich ist das Ge­schenk zwei­fel­haft.

13.23 Uhr Wäh­rend der Aus­spra­che wird viel ge­rech­net. Füh­rungs­kräf­te ge­hen da­von aus, dass et­wa je 450 De­le­gier­te dem eher so­zi­al-li­be­ra­len La­ger Kramp-Kar­ren­bau­er und dem kon­ser­va­ti­ven Merz/Spahn-La­ger zu­zu­ord­nen sind. Um die rest­li­chen 100 wird jetzt in den Re­den der Kan­di­da­ten ge­run­gen.

13.46 Uhr Da­ni­el Gün­ther, Mi­nis­ter­prä­si­dent von Schles­wig-Hol­stein und Ver­samm­lungs­lei­ter, gibt be­kannt, dass die Kan­di­da­ten­vor­stel­lung in al­pha­be­ti­scher Rei­hen­fol­ge be­ginnt. Je­der Kan­di­dat, je­de Kan­di­da­tin hat 20 Mi­nu­ten.

13.51 Uhr Die ers­te Kan­di­da­tin, An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, be­ginnt. Der Saal ist schlag­ar­tig ru­hig.

13.58 Uhr Kramp-Kar­ren­bau­er be­rich­tet von ih­rem Ein­tritt in die CDU 1981. Da­mals war die Angst vor dem Atom­krieg das be­herr­schen­de po­li­ti­sche The­ma. Sie ha­be aber ei­ne Par­tei ge­wählt, die op­ti­mis­tisch sei, Kurs hal­ten kön­ne und ei­nen kla­ren Kom­pass ha­be. Da­für sei sie in die CDU ein­ge­tre­ten.

14 Uhr Lang­sam kommt sie in Fahrt. „Die Par­tei muss wie­der Strahl­kraft ent­wi­ckeln. Auf den po­li­ti­schen Geg­ner ein­schla­gen kann je­der von uns. Das reicht uns nicht aus.“

14.05 Uhr Pro­gram­ma­tik und Prag­ma­tis­mus: „AKK“for­dert, die Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen. Zu­gleich ver­langt sie mehr Mut. „Wenn wir die­sen Mut ha­ben, dann le­ben wir in ei­nem Deutsch­land, das kei­ne Angst vor der Di­gi­ta­li­sie­rung hat, dann le­ben wir in länd­li­chen Räu­men, in de­nen nicht nur ein­mal am Tag ein Bus kommt. Dann be­kom­men wir 5G an je­der Milch­kan­ne.“Das ist ein Sei­ten­hieb ge­gen Bil­dungs­mi­nis­te­rin Kar­lic­zek, die kürz­lich mein­te, man brau­che die schnel­le Mo­bil­funk­tech­nik 5G nicht über­all.

14.07 Uhr Die Kan­di­da­tin kann auch die To­na­li­tät der CDU:„Leis­tung muss sich loh­nen. Wer ar­bei­tet, muss mehr im Al­ter be­kom­men als die Grund­si­che­rung. Wir brau­chen ei­nen Staat, der sich nicht auf der Na­se her­um­tan­zen lässt – Klein­kri­mi­nel­le, kri­mi­nel­le Clans, Steu­er­hin­ter­zie­her, aber auch ge­walt­be­rei­te lin­ke Chao­ten wie in Ham­burg bei G20.“

Die Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin führt die Eti­ket­ten auf, die ihr an­ge­hef­tet wur­den: „Mi­ni“, „Ko­pie“, „Wei­ter so“. Dem setzt sie ent­ge­gen: „Ich ste­he hier als Mut­ter, als ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­den­tin, als Frau, die den Men­schen und die­sem Land 18 Jah­re ge­dient hat.“

Die Kan­di­da­tin be­en­det ih­re Re­de fast ex­akt nach 20 Mi­nu­ten mit ei­nem flam­men­den Ap­pell, sie zu wäh­len:„Wir kön­nen, wir wol­len, wir wer­den.“Ihr Mot­to als wo­mög­lich künf­ti­ge CDU-Che­fin.

Nach ei­ner ful­mi­nan­ten und un­er­war­tet star­ken Re­de ist nun Fried­rich Merz ge­for­dert.

Die Re­de ist zu­nächst kein Feu­er­werk. Merz be­ginnt sehr ner­vös. Zu­gleich gibt es leich­te Schwie­rig­kei­ten mit der Mi­kro­fon­an­la­ge. Der Ton hallt et­was nach.

Der Kan­di­dat wird grund­sätz­lich: „Wir sind in Eu­ro­pa vi­el­leicht die letz­te gro­ße christ­li­che Volks­par­tei. Wir ha­ben ei­ne Ver­ant­wor­tung, die über uns selbst hin­aus­reicht. Kei­ne an­de­re Par­tei in Deutsch­land und Eu­ro­pa ist da­zu bes­ser ge­eig­net als die CDU.“

Er blickt weit zu­rück: in die Jah­re 1990 bis 1994. Da­mals herrsch­te, so Merz, un­ge­trüb­ter Op­ti­mis­mus, es war die Re­de vom En­de der Ge­schich­te, vom kom­men­den Zeit­al­ter der De­mo­kra­tie und des Wohl­stands. „Es ist aber an­ders ge­kom­men“, sagt Merz. Und: „Wir konn­ten uns das da­mals nicht vor­stel­len, dass ein Ent­wick­lungs­land na­mens Chi­na zur öko­no­mi­schen Welt­macht wird, dass es ge­walt­sa­me Ver­schie­bung von Gren­zen ge­ben wird, dass je­mand wie Trump zum US-Prä­si­den­ten ge­wählt wird.“

Mit der Zeit fängt sich Merz, der von al­len drei­en als bes­ter Red­ner gilt. Er räumt ein, dass sich in der Zeit un­ter Mer­kel vie­les im Land ver­bes­sert ha­be.

Doch dann kommt wie­der die An­kla­ge, die man von ihm von den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen kennt: Die Volks­par­tei­en ver­lö­ren an Stim­men, dass die rechts­las­ti­ge AfD die stärks­te Op­po­si­ti­ons­par­tei im Bund ist, sei un­er­träg­lich, die Um­welt­po­li­tik sei vol­ler Wi­der­sprü­che, Ju­gend­li­che er­leb­ten mehr Ge­walt als frü­her, vom Brut­to der Flei­ßi­gen blei­be zu we­nig Net­to. Und dann legt er doch ei­ni­ge rhe­to­ri­sche Le­cker­bis­sen vor. Sei­ne Spit­ze in Rich­tung Do­nald Trump: „Die Ame­ri­ka­ner brau­chen hin und wie­der ei­ne kla­re An­sa­ge. Sie ak­zep­tie­ren Stär­ke und kei­ne Schwä­che.“Und sein Ver­spre­chen an den Os­ten Deutsch­lands: „Wir über­las­sen den Os­ten un­se­res Lan­des nicht den Po­pu­lis­ten von rechts und links.“

Merz hat sich in Fahrt ge­re­det, der Ap­plaus wird fre­ne­tisch – vor al­lem von den ei­ge­nen An­hän­gern, die in jün­ge­rer Zeit un­glaub­lich mo­bil­ge­macht ha­ben.

Der Red­ner hat schon acht Mi­nu­ten über­zo­gen. Aber sei­ne Schluss­se­quenz kommt an: „Für uns gilt im­mer: Das Land geht vor der Par­tei, und die Par­tei vor je­dem Ein­zel­nen von uns.“Der lan­ge Ap­plaus ver­deckt, dass er schwach be­gon­nen hat.

Was bleibt für den schon fast ab­ge­schrie­be­nen Spahn? Er be­ginnt fu­ri­os. Er be­schreibt zu­nächst die vie­len Rat­schä­ge, die er in jüngs­ter Zeit er­hal­ten hat: „Du hast noch so viel Zeit. Nur et­was Ge­duld.“Und dann – Rau­nen im Saal – ver­gleicht er sei­ne Un­ge­duld und sei­ne Kan­di­da­tur mit der deut­schen Ein­heit.

Spahn wird et­was ru­hi­ger. Er lis­tet die Pro­ble­me auf und zeigt Lö­sun­gen. „Wir wol­len Jobs und nicht Ar­beits­lo­sig­keit or­ga­ni­sie­ren. Wir brau­chen ei­nen mo­der­nen Pa­trio­tis­mus.“Und: „Die Frei­heit ist un­ter Druck – von lin­ken Mora­lis- ten, von rech­ten Ra­di­ka­len, von re­li­giö­sen Fa­na­ti­kern.“

Die­ser Satz Spahns er­klärt sei­ne Ein­stel­lung, nicht zu­rück­zu­zie­hen, ob­wohl ihn vie­le da­zu auf­for­der­ten: „Es fühlt sich rich­tig an, hier zu ste­hen. Und ich lau­fe nicht weg, wenn es eng wird.“

Spahn ist so lo­cker, dass er es so­gar mit Hu­mor ver­sucht. „Deutsch­land muss wei­ter von der CDU re­giert wer­den“, ruft er den De­le­gier­ten zu. Die re­agie­ren nicht. „Hier war in mei­ner Re­de Ap­plaus vor­ge­se­hen.“Er hat die La­cher auf sei­ner Sei­te.

Hin­ten im Saal steht ein Men­schen­pulk um ei­nen groß­ge­wach­se­nen Mann her­um. Vi­ta­li Klitsch­ko, Ex-Box-Le­gen­de, Bür­ger­meis­ter von Kiew und Mer­kel-Fan, ist ge­kom­men. Ob er ei­nen Fa­vo­ri­ten hat, will er nicht sa­gen. „Er wä­re auch ein gu­ter Kan­di­dat“, scherzt ein De­le­gier­ter.

15.08 Uhr

Rie­si­ger Ap­plaus für Spahn. Die Stim­mung:„AKK“knapp über den Er­war­tun­gen, Merz dar­un­ter, Spahn hält die bes­te, emo­tio­nals­te und mit­rei­ßends­te Re­de. Er war auch am ge­las­sens­ten.

Fra­ge­run­de an die Kan­di­da­ten. Er­staun­lich vie­le Fra­gen an Kramp-Kar­ren­bau­er.„Merk­wür­dig“, sagt ein Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Der Ap­plaus für die Saar­län­de­rin ist aber deut­lich. Hin­ter den De­le­gier­ten­rei­hen ap­plau­diert ein jun­ger Mann be­son­ders en­ga­giert für „AKK“. Es ist der Sohn von Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert. Ein klei­nes Zei­chen, wo die Sym­pa­thi­en im Mer­kel-La­ger lie­gen.

Ver­samm­lungs­lei­ter Gün­ther lei­tet den ers­ten Wahl­gang ein. Die Papp­wahl­ka­bi­nen auf den De­le­gier­ten­ti­schen wer­den auf­ge­baut, da­mit es sich wirk­lich um ei­ne ge­hei­me Wahl han­delt.

Im Foy­er ste­hen Da­ni­el Fun­ke, Spahns Ehe­mann, BVB-Ma­na­ger Watz­ke und zwei Jour­na­lis­ten zu­sam­men. „Zu ver­kopft, zu theo­rie­las­tig“, kri­ti­siert Watz­ke die Re­de sei­nes Freun­des Merz. „Jetzt wird es doch noch span­nend.“Strobl pro­gnos­ti­ziert ei­ne Stich­wahl.

Das Er­geb­nis liegt vor: 999 De­le­gier­te ha­ben ge­wählt, kei­ne un­gül­ti­ge Stim­me. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er liegt mit 450 Stim­men vor­ne, Fried­rich Merz ist Zwei­ter mit 392 Stim­men, Jens Spahn er­hält 157 Stim­men.

Kramp-Kar­ren­bau­er und Merz ge­hen in die Stich­wahl. Die Saar­län­de­rin braucht ein Drit­tel der Spahn-Stim­men zum Sieg.

Der zwei­te Wahl­gang ist ab­ge­schlos­sen. Al­le ha­ben ih­re Stimm­zet­tel ab­ge­ge­ben. Der Saal ist wie­der voll. De­le­gier­te, Gäs­te und Jour­na­lis­ten schwit­zen um die Wet­te.

Die Stim­men sind aus­ge­zählt. 999 De­le­gier­te ha­ben vo­tiert, kein Stimm­zet­tel ist un­gül­tig.

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ge­winnt die Stich­wahl denk­bar knapp mit 517 Stim­men ge­gen 482 für Merz. An­ge­la Mer­kel als Par­tei­vor­sit­zen­de ist Ge­schich­te.

Die Saar­län­de­rin nimmt dieWahl an und ver­langt:„Die CDU muss Volks­par­tei der Mit­te blei­ben. Aus der Uni­on her­aus müs­sen al­le, die Ver­ant­wor­tung tra­gen, die Auf­ga­be ge­mein­sam über­neh­men. Ich la­de mei­ne Mit­be­wer­ber Fried­rich Merz und Jens Spahn ein, ge­mein­sam in die­ser Par­tei zu ar­bei­ten.“

Fried­rich Merz gra­tu­liert der Sie­ge­rin. Er wünscht Kramp-Kar­ren­bau­er „viel Er­folg und Got­tes Se­gen“. Merz: „Ich ha­be zwar ver­lo­ren, aber es hat in den ver­gan­ge­nenWo­chen trotz­dem Spaß ge­macht.“Er kün­digt aber kei­ne Kan­di­da­tur für ein Spit­zen­amt an.

Auch Jens Spahn reiht sich in die Gra­tu­lan­ten ein.„Wir wa­ren in den ver­gan­ge­nen Wo­chen wie ei­ne Rock­band, die durch Deutsch­land tour­te.“Er will für das Prä­si­di­um er­neut kan­di­die­ren.

Kramp-Kar­ren­bau­er bit­tet die bei­den Mit­be­wer­ber auf die Büh­ne, um ein Bild der Ei­nig­keit zu pro­du­zie­ren.

Glück­wün­sche gibt es auch vom Ehe­mann der neu­en Par­tei­che­fin, Hel­mut Kar­ren­bau­er: „Ich bin über­wäl­tigt und su­per­glück­lich. Ich ha­be es mir so für sie ge­wünscht, auch wenn es jetzt wei­ter­hin heißt: Hel­mut al­lein zu Haus.“

Ganz so har­mo­nisch wie auf der Büh­ne läuft der Wech­sel im Par­tei­vor­sitz bei den ein­fa­chen Mit­glie­dern nicht. Un­mit­tel­bar nach der Wahl Kramp-Kar­ren­bau­ers ha­be es die ers­ten Par­tei­aus­trit­te ge­ge­ben, be­rich­ten De­le­gier­te aus Ba­den-Würt­tem­berg. Be­grün­dung: Die neue Vor­sit­zen­de ha­be Po­si­tio­nen der CDU im Hand­streich über Bord ge­wor­fen und Ver­spre­chen in Wahl­kämp­fen ge­bro­chen. Bei Twit­ter gibt es schon ei­nen Hash­tag„Par­tei­aus­trit­te“.

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Erst be­kommt An­ge­la Mer­kel zehn Mi­nu­ten Ap­plaus von den De­le­gier­ten – und dann den Takt­stock von Star­di­ri­gent Kent Na­ga­no.

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An­ge­la Mer­kel gra­tu­liert ih­rer Nach­fol­ge­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er.

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Die un­ter­le­ge­nen Kan­di­da­ten Fried­rich Merz (r.) und Jens Spahn ver­las­sen die Par­tei­tags­büh­ne. NRW-Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet spricht zu den De­le­gier­ten.

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Haupt­sa­che ge­heim: De­le­gier­te hin­ter ih­ren Tisch-Wahl­ka­bi­nen.

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Box-Le­gen­de Vi­ta­li Klitsch­ko macht ein Sel­fie mit De­le­gier­ten.

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