Der Er­folgs­ge­schich­te droht ei­ne um­strit­te­ne Schrumpf­kur

Im kom­men­den Jahr heißt es nur ein­mal „Gaildorf chillt“. Die Stadt nennt als Grund den ho­hen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand. Und ern­tet Kri­tik.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - GAILDORF UND REGION - Von Klaus Micha­el Oß­wald

Wenn „Gaildorf chillt“an­ge­sagt ist, strö­men Be­su­cher von weit her, über­wie­gend aus dem Bal­lungs­raum Stutt­gart. Die Ver­an­stal­tungs­se­rie, ge­för­dert durch das Land, die EU, die Glücks­spi­ra­le und den Na­tur­park Schwä­bisch-Frän­ki­scher Wald, lädt Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne ein, „die Land­schaft rund um das kleine Städt­chen im Na­tur­park völ­lig neu ken­nen­zu­ler­nen“, wie es im Kon­zept for­mu­liert ist. An Sta­tio­nen auf ei­nem Rund­wan­der­weg las­se sich an drei Ter­mi­nen im Jahr „Land­schaft er­le­ben, ge­nie­ßen und ver­än­dern“.

Der Ein­satz „ist im­mens“

Bür­ger­meis­ter Frank Zim­mer­mann sprach in der jüngs­ten Sit­zung des Ge­mein­de­rats von ei­ner „ab­so­lu­ten Er­folgs­ge­schich­te“– mit mehr als 2000 Be­su­chern in drei Jah­ren. Nun aber will die Stadt ei­nen Gang zu­rück­schal­ten – im kom­men­den Jahr so­gar um zwei Gän­ge: Be­ab­sich­tigt ist 2019 nur noch ein Ter­min.

Der Rat­haus­chef be­grün­det die­sen Schritt prag­ma­tisch: Das Gan­ze auf die Bei­ne zu stel­len, wer­de zu­neh­mend auf­wän­di­ger und ver­schlin­ge im­mer grö­ße­re or­ga­ni­sa­to­ri­sche wie fi­nan­zi­el­le Res­sour­cen. Weil im Früh­jahr be­reits die Kom­mu­nal­wah­len Kräf­te bin­den, und „die Ein­rich­tung des Ju­gend­hau­ses auf die Ziel­ge­ra­de geht“, ha­be man sich da­zu ent­schlos­sen, „Gaildorf chillt 2019“nur ein­mal statt­fin­den zu la­sen, näm­lich am 13. Ok­to­ber.

Ju­gend­re­fe­ren­tin Pia Dah­lin­ger, die bis­her den or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand fe­der­füh­rend leis­te­te, sei mit der Ju­gend­haus­pla­nung aus­ge­las­tet. Rat­haus­spre­cher Dr. Da­ni­el Kuhn be­stä­tig­te den Eng­pass: Der Ein­satz tech­ni­scher wie per­so­nel­ler Res­sour­cen für die „Gaildorf chillt“-Rei­he „ist im­mens“.

Wohl hand­le es sich bei dem Pro­jekt um „et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches“, be­ton­te SPD-Frak­ti­ons­che­fin Mar­ga­re­te John. Doch sie kön­ne die Ar­gu­men­te der Stadt­ver­wal­tung nach­voll­zie­hen. „Sprach­los“in­des re­agier­te ihr Frak­ti­ons­kol­le­ge Mar­tin Bohn: Ge­ra­de drei Ver­an­stal­tun­gen übers Jahr ver­teilt „ma­chen doch den Charme der Ver­an­stal­tungs­rei­he aus“, die ja auch „den Nerv der Zeit“tref­fe. Wenn es an per­so­nel­lem Ein­satz feh­le, sei er ger­ne be­reit, sich ein­zu­brin­gen.

„Drei Mal im Jahr zu viel“

Um Ver­ständ­nis für die Be­grün­dung aus dem Rat­haus warb auch Rai­ner Bau­mann (CDU). Ob­wohl „Gaildorf chillt“die Stadt be­kannt ma­che: „Wir müs­sen es zur Kennt­nis neh­men, wenn die Ver­wal­tung sagt, dass es nicht geht.“Es wer­de auch im­mer auf­wän­di­ger, Ver­an­stal­tun­gen die­ses For­mats und mit gro­ßem Haf­tungs­po­ten­zi­al zu or­ga­ni­sie­ren. Für CDU-Frak­ti­ons­chef Matthias Re­bel steht au­ßer Fra­ge, dass „Gaildorf chillt“für die Stadt „sehr wich­tig ist“. Er hö­re aber auch aus den Rei­hen der Ma­cher, „dass drei Mal im Jahr zu viel“sei. Auch stell­te er ei­nen Ver­gleich in den Raum: Der Pfer­de­markt mit 20 000 Be­su­chern kos­te die Stadt ge­nau­so viel wie „Gaildorf chillt“mit ei­ni­gen Hun­dert Gäs­ten.

Na­tur­park­füh­rer hof­fen

FWV-Stadt­rat Frank Stett­ner kom­men­tier­te das Di­lem­ma mit ei­nem Kom­pro­miss­vor­schlag: Er kön­ne die Be­grün­dung der Ver­wal­tung verstehen, aber auch die Kri­tik von Mar­tin Bohn. War­um, so Stett­ner, nicht ab 2020 zwei Ver­an­stal­tun­gen pla­nen?

Aus den Rei­hen der in­vol­vier­ten Na­tur­park­füh­rer wird die Re­du­zie­rung des Pro­gramms 2019 sehr be­dau­ert. Sie hof­fen, dass das letz­te Wort noch nicht ge­spro­chen ist. Als Vor­sit­zen­der des en­ga­gier­ten Ver­eins der Na­tur­park­füh­rer Schwä­bisch-Frän­ki­scher Wald äu­ßer­te Karl Die­mer „im Sinn un­se­rer Mit­glie­der ein star­kes In­ter­es­se an der Durch­füh­rung der kom­plet­ten Ver­an­stal­tungs­rei­he“.

Fo­to: Sa­b­ri­na Jur­the

„Gaildorf chillt“ist be­son­ders für jun­ge Leu­te auch lehr­reich – wie zum Bei­spiel beim Pres­sen von Ap­fel­saft.

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